Neu ist die These nicht. Wie in fast allen Bereichen hat es auch im Journalismus nach 1945 eine Stunde null nicht gegeben. Praktisch in jeder Zeitung, die nach Kriegsende erschien, gab es Leute, die schon in der NS-Zeit geschrieben hatten, als Berichterstatter von der Front, als Feuilletonisten, als Leitartikler gar. Der Sammelband über Journalisten, die nach 1945 die Elite der deutschen Presse bildeten, ist der Versuch, einen Überblick zu geben, wer wo an welcher Stelle in den prestige papers nach 1945 den Ton angab und wer von ihnen vorher, in den Jahren des "Dritten Reiches", in die Tasten der Schreibmaschinen schlug.

Vieles ist bekannt, was die zehn Autoren zusammengetragen haben. Dass höhere SS-Chargen in den Anfangsjahren des Spiegels mitmischten, ist diverse Male beschrieben worden. Auch die national-konservativen Anfänge der ZEIT unter der Überschrift Weiter rechts als die CDU sind hinlänglich offen gelegt, von Ralf Dahrendorf in seiner Biografie über Gerd Bucerius und von Karl-Heinz Janßen in seiner Geschichte der ZEIT. (Unglücklich, dass in diesem Beitrag die Fußnoten mit den Fundstellen nicht übereinstimmen.)

Axel Springers Liebe zu dem völkischen Reaktionär Hans Zehrer stellt auch nicht gerade eine überraschende Entdeckung dar, auch nicht Henri Nannens Verschweigen und Vertuschen des stern- Vorgängers aus den dreißiger Jahren. Dennoch ist der Beitrag über Nannen von Nils Minkmar gelungen, weil er die vielen losen Fäden, die zu dem stern- Vorgänger führen, verknotet und zu einem überzeugenden Schluss kommt. Von 1938 bis 1940 gab es in Deutschland eine Illustrierte namens stern mit einer riesigen Auflage. Konzeptionell und im Publikumsgeschmack war dieses Blatt dem frühen Stern von Henri Nannen verdammt ähnlich. Er war schon damals eine Wundertüte, zugeschnitten auf Lieschen Müller. Der geniale Zeitungsmacher Nannen wird diesen Ur stern ganz sicher genau gekannt haben, auch wenn er eine ganz andere stern- Legende in die Welt setzte.

Vorzüglich ist der Beitrag über die FAZ, in dem Friedemann Siering viel Material zusammenträgt, das bislang unbekannt war. Er arbeitete sich durch mehrere Nachlässe der FAZ- Gründergeneration und zeichnet deshalb besser als manche seiner Mitstreiter in diesem Band ein fundiertes Bild von den Anfängen einer Zeitung nach 1945. Hier urteilt nicht jemand mit moralischer Überheblichkeit, sondern beschreibt, wie es gewesen ist in jenen Jahren, als einflussreiche Wirtschaftskreise das Blatt in Frankfurt zu dem ihren erkoren und die ersten Herausgeber der FAZ von Karl Korn bis zu Paul Sethe alle in der NS-Zeit mehr oder weniger anpasserische Artikel geschrieben hatten.

Eine Sonderstellung nahm in dem Reigen der großen Zeitungen die Frankfurter Rundschau ein. In dem Beitrag über sie heißt es: "In der unmittelbaren Nachkriegszeit wie auch nach der Gründung des neuen Teilstaates war die publizistische Position der FR eindeutig und außerordentlich. Beim eigenen Personal realisierte sie, was sie auch für die Gesellschaft forderte. Konsequente Entnazifizierung statt Elitenkontinuität und männerbündnerischer Berufskumpanei."

Es gab natürlich auch in anderen Zeitungen nicht nur Wendehälse, sondern aufrechte Demokratie-Streiter. Zu diesen zählte der erste Herausgeber und Chefredakteur der Schwäbischen Landeszeitung, die sich später Augsburger Allgemeine nannte, Curt Frenzel. Bis 1933 war er Chefredakteur der Volksstimme in Chemnitz. Anfangs inhaftiert, fristete er mehr schlecht als recht während der Nazijahre sein Leben. Keine Zeile schrieb er in dieser Zeit – auch nicht unter Pseudonym wie viele seiner Berufskollegen. "Es ist nicht damit gedient, dass heute hier und dort Parteigenossen abgesetzt werden, wenn dafür Männer an deren Stelle kommen, die im Prinzip die gleichen Feinde von Freiheit und Menschenwürde sind", schrieb er in seinem ersten Artikel nach dem Krieg.

Die Geschichte des deutschen Journalismus im "Dritten Reich" ist wahrlich kein Ruhmesblatt. Sie ist auch nicht besser, wie Michael Jürgs in seinem Beitrag über Springer und Zehrer schreibt, "als die deutscher Juristen oder deutscher Mediziner, die sich später herausredeten, ja nicht selbst den tödlichen Schuss abgegeben, das Henkerbeil geschwungen zu haben".

Eine notwendige Bemerkung zum Schluss: Wer sich partout von seiner Wissenschaftssprache nicht lösen kann, wie der Kommunikationswissenschaftler und Herausgeber Lutz Hachmeister, sollte seine Leser in einem Band über Journalisten nicht mit einem Vorwort quälen, das man dreimal lesen muss, um zu verstehen, was der Autor uns sagen will.