Die Petersilieninsel kennen Sie doch! Jedes Kind kennt sie mittlerweile. Aber wissen, wo sie liegt, tun Sie sicher nicht. Eigenartigerweise weiß das niemand so recht – nach dem Rummel. Angefangen hat der bekanntlich im vergangenen Sommer, als Marokkos König Mohammed VI. sozusagen vor den Traualtar schritt und während der statthabenden Vermählungsfeierlichkeiten sechs marokkanische Soldaten in kurzen Hosen das 13,5 Hektar messende windige Ödland in Besitz nahmen, zwei Zelte aufbauten, zwei marokkanische Flaggen hissten und sich anschickten, ein stationäres Wachhäuschen aus Alu aufzustellen. Nach vollbrachter antikolonialer Attacke trat des Königs Außenminister vor die Mikrofone und erklärte, "in einer solchen Situation" (der Jubelfeier, der Verfasser) sei es legitim, "die Schutzmaßnahmen zu verstärken".

Buben lassen die Hosen herunter, Frauen schieben den Pulli hoch

Wie vorherzusehen, gesellte sich zum Jubel ein internationaler Konflikt. Denn die Isla del Perejil gehört zu Spanien, was großen Wert auf die Feststellung legt, das Eiland schon zu Zeiten in Besitz genommen zu haben, da die Ausrufung der marokkanischen Nation noch Lichtjahre entfernt und das Land folglich ein Nichts gewesen sei. Das sitzt. Dieses Mal machte Madrid Nägel mit Köpfen, schickte zwei U-Boote, drei raketenbestückte Fregatten, zwei Korvetten, Flugzeuge, Hubschrauber und 75 Elitesoldaten, um den Zankapfel wieder in seinen und den Besitz der EU zurückzubringen.

Seit der gelungenen Rückeroberung durch Spanien ist die Akte "Petersilieninsel" wieder geschlossen. Aber das macht Menschen Ihres Schlags erst recht neugierig. Denn Sie gehören zu denen, die den Dingen auf den Grund gehen wollen, alles einer peinlichen Inspektion unterziehen müssen und kreuz und quer in Gottes großem Garten herumstiefeln, wie es Ihnen gerade passt. Ihnen ist natürlich nicht entgangen, dass derlei raumergreifende Untugenden, die Alexander Kluge etwa als cross mapping bezeichnen würde, gerade voll im Kommen sind. Das wird Sie noch mehr anfeuern, den richtigen Weg zur Petersilieninsel zu finden. Diese kleine Handreichung wird Ihnen ein Vademekum sein.

Am besten, Sie beginnen Ihre Exploration in Ceuta (arabisch: Sebta), jenem mit doppeltem Stacheldrahtzaun, Wachtürmen und einem Gürtel von High-Tech-Sensoren umgebenen Außenposten der EU in Afrika. Im Zentrum der Stadt besteigen Sie den Bus Numero 7, Fahrtrichtung Frontera–Tarajal. Die Endhaltestelle an der Grenze ist nicht zu übersehen, ebenso wenig wie die zu Tausenden von allen Seiten herbeiströmenden "Ameisen", wie die abendländische Ethnografie die Kleinhändler zu bezeichnen pflegt, die mit Bündeln, Einkaufswägelchen oder sarggroßen Reisetaschen den globalen Wirtschaftsaustausch befördern.

Hier besitzt er eine ganz spezielle Note. Ihnen wird auf internationalen Flughäfen in den vergangenen Jahren eine neue Profession aufgefallen sein: der Kofferwickler, der Gepäckstücke mit schützendem Cellophan umhüllt. Etwas Ähnliches hat sich hier an der Schnittstelle zwischen Spanien und Marokko herausgebildet: der Warenwickler. Ihn gibt es sonst nirgendwo an einer EU-Außengrenze, nicht einmal im hintersten Przemy™l. Buben lassen ihre Hosen herunter, und Frauen schieben die Pullover hoch, damit ihnen der Wickler mit Klebeband einen Packen TShirts, Armbanduhren oder Nagelfeilen mit falschem Perlmuttgriff auf den Leib zurrt, bis ihnen die Luft wegbleibt. Vom Export und vom Wohlstandsgefälle leben die Speckmaden in der Freihandelszone Ceuta und die marokkanischen Krämer-Ameisen, die die Segnungen der westlichen Warenproduktion in mehr oder weniger haushaltsüblichen Mengen und somit zollfrei über die Grenze in ihre Heimat schaffen.

Laufen Sie den Myriaden der Wickelpassanten einfach nach. Die EU wird Sie persönlich bei der Ausreise absolut korrekt behandeln. Durch schmale Gittertunnel, zwei, drei Bahnen nebeneinander, verlassen Sie die Festung Europa wie ein Raubtier die Manege. Auch die marokkanischen Beamten empfangen Sie freundlich und werden Ihnen einen écrivain public, einen amtlich bestellten Schreiber, zur Bewältigung des arabischen Einreiseformulars zuordnen. Freilich, treiben es Ihre Mitreisenden mit dem freien Fluss der Waren zu bunt, dann ist Schluss mit Wirtschaftsliberalismus, und die entnervten Zöllner sehen sich genötigt, ihre derben ledernen Hosengürtel zu ziehen. Sie sollten sich diesen Konfliktsituationen rasch entziehen und geradewegs den hinter der Grenze gelegenen, etwa fußballfeldgroßen Taxi-Parkplatz anstreben. Denn Sie müssen nach Fnideq weiterfahren. Das liegt zwar südlich und nicht nordwestlich, wo sie eigentlich hinmüssten, aber der Trip kostet Sie nur lächerliche 20 Cent, und Sie lernen endlich ein paar Einheimische kennen, fünf bis sieben Personen, mit denen Sie den Pkw teilen.

Fnideq, das Sie nun erreichen, ist eigentlich keine Stadt, sondern ein großer Verkehrsverteiler, ein Taxi-Bahnhof mit Aberhunderten Mercedes-Diesel im besten Schaffensalter, hellblau lackiert wie Badezimmerfliesen in den fünfziger Jahren. Von dieser Drehscheibe verstreuen die Gefährte ihre menschliche Last über ganz Marokko. Ihre Abfahrtstelle zur Weiterfahrt liegt an der großen Straße in Richtung Tanger. Dort wollen Sie natürlich nicht hin, aber die Himmelsrichtung stimmt nun wieder. Ihr Kompass zeigt nach Nordwesten.