Wann werden junge hoch begabte Musiker eigentlich erwachsen? Wenn sie als 13-jährige Wunderkinder (wie Anne-Sophie Mutter) von einem großen alten Dirigenten unter die Fittiche genommen werden oder wenn sie sich mit 16 plötzlich (wie Hilary Hahn) im Scheinwerferlicht einer internationalen Klassik-Showkarriere wiederfinden? Wenn sie mit 19 (wie Yehudi Menuhin) in die erste große Sinnkrise geraten oder wenn sie mit 24 Jahren einen Schlussstrich unter die Unfreiheit ihrer Jugend ziehen und (wie die Geigerin Viktoria Mullova nach ihrer Flucht aus der Sowjetunion) ein neues Leben beginnen? In der Biografie des 26-jährigen Cellisten Daniel Müller-Schott fehlen solche markanten Einschnitte und Brüche, als sei seine musikalische Entwicklung immer nur ein ganz entspannter und trittsicherer Gang ins Künstlerleben gewesen. Manche werden eben großartige Musiker. Einfach so.

Natürlich stammt Daniel Müller-Schott aus einem Elternhaus (bei München), das seine Entwicklung begünstigt hat – die Mutter ist Cembalistin, der Vater Mathematiker. Auch einen guten Lehrer hatte er mit dem Münchner Cello-Professor Walter Nothas. Aber als Wunderkind wurde er nie herumgereicht. Nur einmal hat er geschafft, was vorher noch keinem gelang: Mit 15 gewann er als erster deutscher Musiker beim sagenumwobenen Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb den ersten Preis. Den Sensationserfolg jedoch hat er gelassen hingenommen und bei Heinrich Schiff und Steven Isserlis weiter studiert. Die Rolle des jungvirtuosen Tausendsassas im Klassikbetrieb interessierte ihn sowieso nicht. "Wenn man Cello spielt und ein Mann ist", sagt er, "entwickeln sich die Dinge etwas ruhiger, als wenn man ein weiblicher Teenager ist und geigt." Kontinuierlich hat er sich sein Repertoire erarbeitet und die Konzerttätigkeit nach und nach ausgebaut, ohne beim Terminplan zu überziehen – alles mit Bedacht, alles sehr vernünftig. Ihm hätte Heinrich Schiff allemal seinen roten Porsche ausleihen können, ohne Angst haben zu müssen, dass der Wagen gegen den nächsten Baum gesetzt wird. Mit Vernunft allein wird man allerdings noch kein großer Musiker.

Wenn Daniel Müller-Schott am Cello sitzt, agiert er mit einer entwaffnenden Abgeklärtheit. Technisch beherrscht er längst alle Kniffe und kurvt ganz unangestrengt durch die allerschwierigste Literatur. Klar gefasst ist bei ihm jeder musikalische Gedanke. Er bewegt sich in der Barockmusik so geschmackssicher wie im französischen Repertoire des späten 19. Jahrhunderts. Er ist nicht der Typ, der sich juvenil schwärmerischen Extravaganzen hingibt, der das Dvo≤ák-Cellokonzert heute so und morgen so gibt. Eine interpretatorische Idealvorstellung habe er von dem jeweiligen Stück, eine Idee, der er nachstrebe, freilich mit immer neuen Erkenntnissen und Varianten, sagt er. Und: "Ich bin mir meines Musizierens sehr sicher."

So sicher, dass er vor zwei Jahren sein Schallplattendebüt gleich mit dem Allerheiligsten des Cello-Repertoires gegeben hat, den sechs Solosuiten von Bach (glissando 779025), während ein Jahrhundertgeiger wie Isaac Stern sich auch mit 80 Jahren noch nicht reif fühlte, Bachs Solowerke für die Schallplatte aufzunehmen. Müller-Schotts Interpretationen sind dennoch ein musikalischer Wurf – geradlinig und doch frei ausschwingend im Ausdruck. Plastisch arbeitet er die Satzcharaktere aus, intelligent disponiert er die Tempi. Wunderbar, von welch großem Atem etwa das Präludium der d-Moll-Suite durchzogen ist oder welche resignative Weltverlorenheit sich in der Sarabande der-c-Moll-Suite offenbart.

Da vermählt sich die hohe Vernunft des Cellisten mit einer betörenden Empfindsamkeit, die auch seine zweite CD-Aufnahme mit Sonaten von Franck, Ravel, Debussy und Poulenc einnehmend prägt (EMI 575201). Man muss nur hören, wie der warm flutende, biegsame Cello-Ton in der großen César-Franck-Sonate weiträumig ausgreift und geradezu abhebt zu einem vom Instrument losgelösten, seelenvoll expressiven Singen. Man spürt dann, dass Daniel Müller-Schott längst zu den Besten seines Faches zählt, auch wenn sich das noch nicht überall herumgesprochen hat. Im nächsten Jahr wird er unter anderem auf eine Tournee gehen mit André Previn und Anne-Sophie-Mutter, die ihn seit Jahren unterstützt. Die drei werden Kammermusik spielen. Erwachsene unter sich.