Der Erfolg macht sie klein. "Ich schrumpfe", sagt Eija-Liisa Ahtila. "Ich schrumpfe, bis ich problemlos in die Karriereröhre passe. Es gibt rückwärts, es gibt vorwärts, nur Umwege sind nicht mehr drin." Ein Leben in Schussfahrt, über die Höhen der Kunst, da bleibt keine Zeit mehr für Streifzüge ins Unvorhergesehene. Das Terminkorsett drückt, Galeristen, Festival-, Museumsleiter, alle verlangen nach Ahtila, der Filmkünstlerin. Erfolg, der Lebensschrumpfer, hat den Namen der 43-Jährigen groß gemacht. Hat sie in diesem Sommer nach Kassel auf die Documenta geführt und ihr eine üppige Einzelschau in der Londoner Tate Modern beschert und eine in ihrer Heimatstadt Helsinki.

Dort sitzt sie jetzt, ein wenig ausgezehrt, in ihrem Büro, das ebenso gut einem Werbegrafiker oder Internet-Designer gehören könnte, so voll geladen ist es mit Bildschirmen und Rekordern. An den Wänden Stahlregale mit Büchern, Ordnern, Filmkassetten, penibel sortiert, nicht penibel genug. "Was für ein Durcheinander", sagt Ahtila, nimmt Platz hinter ihrem langen Schreibtisch, lehnt sich zurück. Ein wenig Abstand zum Fragenden kann ja nicht schaden.

Dieser kennt den Abstand schon, aus ihren Filmen. Die wollen niemanden bedrängen, lieben es behutsam. Sich die Videokamera zu schnappen, die Welt zu überfliegen, dann das Band zack, zack zu schneiden, dem Bilderrausch verfallend, nein, das wäre nicht sie. Der kurze Szene-Ruhm ist ihr sus-pekt, und dass manche ihr jetzt Star-Glamour aufschminken wollen – bei dieser Vorstellung schüttelt es sie. Ahtila ist ein Mensch für Rollkragenpullis, bündig, zupackend, eine stille Perfektionistin. "Gegen die MTV-Maschine kommt eh niemand an", sagt sie. "Das müssen wir Künstler aber auch nicht. Wir haben ja Zeit, MTV hat keine Zeit."

Gemächlich fließen ihre Filme dahin, und aus der Langsamkeit entsteht ein Sog, unwillkürlich folgt man den Bildern, hört die Geschichten. Diese Kunst ist nicht abstrakt, sie tritt auf als Gegenüber. Oft sind es Frauen, die erzählen, ruhig, abgeklärt fast berichten sie aus ihrem Inneren. Wir finden uns wieder in ihren Köpfen. Bei allem Abstand wächst doch Nähe, eine Intimität, die es in der Gegenwartskunst nur selten gibt. Viele von Ahtilas Kollegen meiden die Binnenschau und verschanzen sich lieber hinter ihren Objekten und Konzepteleien. Ahtila hingegen schlägt keine Theoriesalti, sondern blickt, auf versonnene, fast naive Weise, dem Alltäglichen entgegen. "Ich brauche nur die Augen zu öffnen, dann kommen die Geschichten schon. Scheidung, der Tod des Vaters, die Depressiven, das Absurde, das Fantastische, das muss ich nicht erfinden. Ich muss es nur zeigen."

Tatsächlich, auf den ersten Blick sehen wir Dokumentarfilme, eine finnische Welt, kontrollierte Figuren, Stahlregalordnung. Doch kaum merklich gleiten die Filme hinüber ins Absonderliche, ohne dass einem dies ungewöhnlich vorkäme. Wir sehen eine Familie, in der alle mit der Stimme des Vaters sprechen, auch Mutter und Kinder; wir folgen einer jungen Frau, selbstbewusst ausschreitend, ihre Haare funkeln in der Sonne, plötzlich legt sie sich rücklings in eine Matschpfütze; und wir betreten eine Holzhausidylle mit grünen Fensterläden und Veranda, begegnen einer Frau, schauen mit ihr fern, sehen, wie eine Kuh den Bildschirm verlässt und mit scheppernder Kuhglocke durchs Wohnzimmer stakst. Vieles in diesen Filmen wirkt absurd, manches übernatürlich. Doch wird es nicht hochgepumpt, nicht als mystische Special-Effect-Saga entsorgt, es bleibt dem Alltäglichen verhaftet. Was sich in diesen Filmen auflöst, ist immer auch unsere Normalität. Die psychisch Gestörten, die Ahtila zeigt, sind keine Sonderlinge, keine Spinner – wir sind es. Viel hat sie gelesen über Menschen mit verrückter Wahrnehmung, hat einige auch getroffen. "Manche meinen, ich sei selbst schon abgedreht", sagt sie und lächelt zum ersten Mal. Mehr als die Gestörten interessiere sie aber das Sujet des Kontrollverlusts, der Auflösung klarer Grenzen zwischen innen und außen, zwischen dem Ich und den anderen. Es reizt sie, in der Darstellung extremer Menschen auch das Medium ins Extreme zu treiben.

In den Museen nutzt Ahtila die kleinen Kabinette, um ihre Filme auf drei Leinwände zu verteilen, die wie mächtige Dreiflügelaltäre den Besucher umfassen und ihn zwingen, sich immer neue Blickwinkel zu erschließen. Doch Ahtila kann auch anders. "Ich bin Künstlerin und zugleich Filmemacherin", sagt sie, stolz darauf, in beiden Szenen hohes Ansehen zu genießen. Eigens schneidet sie von ihren Filmen auch eine Kinofassung, manchmal sogar eine zackige Kurzvision fürs Fernsehen. "Meine Kunst ist ja nichts Elitäres, sie kann überall bestehen." So scheut sie nicht die Nachbarschaft der Werbeclips. Einzig die Botschaft der Filmchen verwirrt. "Gib dir eine Gegenwart", lesen wir. "Vergib dir selbst."

Wann hat zuletzt ein Künstler von Vergebung gesprochen? Selbst auf der Kurzstrecke gelingt es Ahtila, einen Hallraum aufzubauen, in dem sich Bedeutung ausbreiten kann. Von unserer Selbstsucht, unserer Selbstverstrickung sollen wir absehen. Ein Appell, der nicht vordergründig wirkt, weil Ahtila ihn abfedert durch eine düstere Grundstimmung. "Ich mag das Melancholische, ein schönes Gefühl." Von ihrer Hoffnung mag sie dennoch nicht lassen.

Bevor sie mit der Kunst anfing, studierte sie ein, zwei Jahre lang Jura, "natürlich, weil ich für eine bessere Gesellschaft kämpfen wollte". Und weil ihre Eltern es wollten: "Dem Arbeiterkind sollte es gut gehen." Ahtila aber lockte die Kunsthochschule, bald schon begann sie zu malen und tauchte hinein in die Debatten der Postmoderne. Heute ist ihr die Malerei fremd. "Mir wäre das zu einsam, so allein im Atelier." Lieber widmet sie sich dem Bewegten, ringt am Filmset, 20 Leute im Rücken, um den gemeinsamen Ausdruck.