Wenn sich eines Nachts alles, was im Menschen steckt, plötzlich zeigte, wenn sich sämtliche Möglichkeiten der menschlichen Natur als Masken präsentierten, auf einer kolossalen Redoute der Stimmungen und Leidenschaften, der Gemütsarten und der Charaktere, dann würde einer die Verkleidungen kennen. Jede Figur hätte Harold Bloom schon einmal vor seinem geistigen Auge gesehen, was sich hinter ihr verbirgt, was sie im Laufe der Zeit getrieben hätte. Bloom wäre der Meister dieses Larvenfestes, nichts ist ihm fremd. Für jemanden, der sein inzwischen 72-jähriges Leben im Grunde mit nichts anderem als mit Lesen zugebracht hat, der Professor für Literatur ist, ihr Kritiker und ihr größter Liebhaber, mag ein so ausgeprägtes Interesse für die menschlichen Belange ungewöhnlich erscheinen.

Zu Bloom jedoch passt es. Bloom ist keineswegs ein Bewohner des Elfenbeinturms. Kultisch wird er von seinen Studenten in Yale und New York verehrt, von seinen Universitätskollegen gefürchtet. Der Mann führt eine scharfe, listige Feder. Obgleich er nichts so sehr schätzt wie nach antiker Manier mit seiner Müdigkeit und Traurigkeit zu kokettieren, gilt er als wohlwollender Zeitgenosse. Er ist präsent, ein Hüne mit schlohweißen Haaren, ein schwarzgalliger Riese, der, obgleich er das Reisen hasst, einmal im Jahr sogar Europa besucht – leider nicht Deutschland. 28 Bücher hat er bis heute geschrieben, vor zwei Jahren ist im Berlin Verlag sein monumentaler Band über Shakespeare auf Deutsch erschienen sowie bei Bertelsmann Die Kunst der Lektüre.

Harold Bloom hatte sich schon Gedanken über diejenigen Werke der Literatur gemacht, die einer gelesen haben sollte, wenn er die westliche Kultur als die seine annimmt, lange, lange bevor hierzulande der Kanonwahn ausbrach. Fairerweise muss erwähnt werden, dass der Streit über Lektürelisten und Lehrpläne in den USA, wo es keine Kulturministerkonferenz gibt, eine andere Brisanz und eine längere Tradition hat als hier. An den amerikanischen Universitäten brauste in den vergangenen Jahrzehnten geradezu ein Kulturkampf um das, was Studenten lesen müssen, weil dies in einem Land mit einer mächtigen Populär-, aber ohne Leitkultur immer strittig bleibt. Dass es hier angeblich anders sein soll und deswegen der Kanon deutsch, gehört zu unseren nationalkulturellen Lebenslügen.

Weil Bloom in diesem Streit ums Multikulturelle weder für die native noch für die African Americans Partei nahm, weder für die Juden noch für die weißen Protestanten, sondern nur für die Literatur samt deren Panoptikum der menschlichen Natur ohne alle politische Bestimmung, hat Bloom es in der Öffentlichkeit gelegentlich schwer, so schwer, wie es einer hat, der die Rolle des Großkritikers spielt. Deshalb ist er nicht schon im Unrecht.

Bloom stammt aus der Bronx, er ist der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer, die nach dem Ersten Weltkrieg in die USA gelangten. Der Rest der Familie, Schtetl-Juden, wird im Holocaust ermordet. Der Vierjährige bringt sich selbst bei, Jiddisch und Hebräisch zu lesen, erst mit fünf lernt er Englisch (mittels William Blake und Hart Crane). Während des Studiums in Cornell sieht er zum ersten Mal eine Kuh – und ist naturgemäß von diesem Anblick befremdet. Bloom spezialisiert sich auf die Romantiker, insbesondere Blake und Shelley sowie deren legitime Erben Yeats, Pound oder Wallace Stevens. 1973 schreibt er ein wichtiges theoretisches Werk mit dem Titel Einflußangst ("Es gibt keine Gedichte, nur Beziehungen zwischen Gedichten"), das bei Stroemfeld auch auf Deutsch vorliegt. Nur drei Jahre später bekennt er freimütig – Zeichen des wirklich großen Gelehrten –, dass er kein Wort mehr davon verstehe. Blooms Hausgötter, neben den Romantikern, sind Milton und Shakespeare, neben ihnen haben es neuere Schriftsteller bei ihm schwer, aber auch da überwiegt meistens das Wohlwollen. Vor zehn Jahren hat Bloom sich glücklich vom literaturwissenschaftlichen Betrieb ("Sozialarbeit") abgenabelt. Seither schreibt er Bestseller über Literatur.

Vielleicht braucht jede Kultur einen Großkritiker, den sie verehren und an dem sie sich reiben kann. Amerika hat, gemessen an Deutschland, entschieden den besseren. Selbstverständlich ist auch Bloom eitel, so eitel, wie einer in seinem Alter und seiner Position sein kann. Seine Urteile über Literatur jedoch sind ganz uneitel, weil sie immer an der Literatur und an Harold Blooms enormen Lektüreerfahrungen ausgerichtet sind und nicht an seinen persönlichen Besessenheiten, an Rachegelüsten oder Machtfantasien.

Aus diesem Grund ist es ein schöner Wunsch für das kommende Jahr, der leider unerfüllt bleiben wird, dass wild die Blitze schlagen, Theaterdonner die Luft erfüllt, der Vorhang sich wieder hebt – und in Deutschland plötzlich einer wie Harold Bloom auf dem Thron des literarischen Doyens sitzt. Es wäre ein Fest für die Literatur der Fantasie und des Imaginativen, und alle lüsternen Gymnasialprofessoren gingen in Pension. Bis dahin muss die deutsche Literatur weiter im Kostüm des bürgerlichen Realismus schlurfen. Nur wenn ihr Strumpf verrutscht und sich ein bisschen Bein zeigt, geht ein Raunen durch die Menge.