Wer kann es sich leisten zu schweigen? Nicht vorzugeben, die Existenz hinge davon ab, etwas zu schreiben, zu singen, zu veröffentlichen. "Ich habe alles gesagt", erklärte sie nach der ersten CD und machte dann eine Pause von drei Jahren, bis das zweite Album erschien, unmittelbar gefolgt von einer Konzertversion mit Songs aus beiden Werken. Beth Gibbons, Sängerin und kreative Hälfte der Gruppe Portishead, schweigt seit fünf Jahren. Drei Alben besitzt der Fan seit 1994 – Dummy, Portishead, Roseland NYC Live–, es ist genug für ein Leben mit jenem ätherisch-melancholischen Gesang über schweren, langsamen Beats und zerkratzten Melodiefrakturen, die in der Musikszene als TripHop zur Geschichte wurden. Ah! Portishead! – Synonym für Weltschmerz, die perfekte Verbindung vontorch songs in der Tradition Billie Holidays und jener verscratchten Legierung aus der Elektroabteilung.

Und doch irritiert dieses Schweigen, kränkt ihre Weigerung, Interviews zu geben, selbst so genannte phoners seien nicht denkbar, jene kastrierte Form von pervertierten Gesprächen, die sonst im Halbstundentakt in Hotelzimmern geschoben werden. Was macht sie vor und nach der Musik, könnte man sie fragen, und zwischen den Jahren, in denen sie Songs zu einem Album zusammenfügt? Wie komponiert sie, zuerst den Text und dann die Melodie, oder wie lebt sich’s bei ihr auf dem Land? Ist sie wirklich so depressiv, wie die Lieder klingen, oder verarbeitet sie dabei tiefe Verletzungen und fühlt sich anschließend wie befreit? Trifft sie noch Geoff Barrow, die andere Hälfte von Portishead, oder ist der Kontakt abgebrochen? Welche Beziehung hat sie zum Bassisten Paul Webb, mit dem sie eben eins der "schönsten Alben der Rockgeschichte" aufgenommen hat, wie das englische Fachmagazin Mojo zu Recht schrieb? Sie könnte antworten: "Ich mag die überraschenden Momente von Dingen, Zufälligkeiten … so was wie den Klang eines Wortes und wie man damit Emotionen am besten ausdrücken kann." Oder sie würde bemerken: "Ich mag traurige Lieder. Ich finde es schwierig, fröhliche Songs zu schreiben, ohne nicht auch ein wenig melancholisch zu klingen." Das wäre gut gesagt, und doch könnten das viele sagen.

Beth Gibbons, jene blasse, herbschöne Frau mit den glatten Haaren, die ihr beim Singen übers Gesicht fallen und sich wie ein Vorhang schließen, wurde am 4. Januar 1965 geboren, wuchs in Devon auf und ging nach London, nachdem sie ihren Freund und ihren Job verloren hatte. Dort lernte sie 1992 Paul Webb von der Gruppe Talk Talk kennen, zog aber bald nach Bristol weiter, sang in Clubs – wie Janis Joplin, liest man und kann’s schwer glauben –, traf auf dem Arbeitsamt den Musiker Geoff Barrow und gründete mit ihm Portishead, benannt nach einem Hafenkaff nahe Bristol. Barrow hat sie nie gefragt, warum ihre Texte so traurig seien, und hält das bis heute für ein Thema, "über das man lieber schweigen sollte". Es wird gesagt, sie lache viel und trinke jeden Mann unter den Tisch. Beth Gibbons schweigt, Beth Gibbons singt.

"Nobody loves me … it’s true" – mit der mädchenhaften Naivität einer jungen Marianne Faithfull und dem Vibrieren einer Nina Simone bringt sie nun akustisch begleitete Lieder, und es scheint, als seien Come And Stay With Me und I Loves You Porgy wiedergekehrt, jene verlorene Schönheit und dunkle Lebensfreude, die in große Orchester- und Streichergefilde gebettet werden müssen. Es gibt keinen aktuellen Grund, warum wir auf ein neues Album von Beth Gibbons warten, das sie zusammen mit Paul Webb Out Of Season nennt und das im Februar in Deutschland erscheint. Es ist nur die Sehnsucht nach einem Zeichen, dass der Klang, dem man ein Leben lang nachläuft, keine Fata Morgana war. Die Affären mit den Sängern und Sängerinnen unseres Lebens zehren von der unüberwindbaren Distanz zu deren Leben. Wer will schon hören, was sie sagen, wenn sie es singen können. "God knows how I adore life" wird der erste und letzte Satz der wahren Melancholiker lauten.