Zuerst war die Katze einen Meter groß, am Ende nur noch zehn Zentimeter klein. Es hatte sich nämlich im Laufe der Bühnenproben herausgestellt, dass nicht jedes hohe Tier automatisch Größe besitzt, deshalb wurde die Katze geschrumpft. Das richtige Format ist im Puppentheater noch wichtiger als im Schauspiel: Selbst von der letzten Reihe aus will man genau erkennen, was sich vorn abspielt, insofern spräche vieles fürs Monströse; andererseits offenbart sich der wahre Charakter einer Katze erst im Kleinen, erst wenn wir sie mit einem Blick erfassen können und den Rest der Welt gleich mit.

Hierin liegt das Grandiose am Puppenspiel: dass es schon von sich aus zur Distanziertheit neigt, während die Verfremdungseffekte des modernen Sprechtheaters erst lang und breit definiert werden mussten. Frauke Jacobi jedenfalls hat ein feines Gespür für das Gestische an der darstellenden Kunst, für jene Tricks, mit denen man das Vertraute ins Fremde, das Gewöhnliche ins Ungewöhnliche kippt. Da ist Erfindungsgabe, auch forsches Handeln nötig, und so machte Frauke Jacobi mit ihrer jüngsten Inszenierung wenige Wochen vor der Premiere kurzen Prozess: In beschwerlicher Handarbeit hatte sie eine überlebensgroße schöne Grinsekatze nebst sämtlichen anderen Figuren aus Grimms Bremer Stadtmusikanten hergestellt. Doch das Märchen kam nicht in Gang. Es brauchte den radikalen Entschluss, das gesamte Set in einen Sandkasten zu verlegen (wenig größer als ein Meter mal ein Meter), damit aus dem Regieauftrag des Erfurter Theaters Waidspeicher ein Kabinettstück werden konnte.

Jetzt reichte ein Windrad, um die Mühle darzustellen, langten zwei Äste als Wald, genügte eine Keksdose als Räuberhöhle. Plötzlich sah der Esel aus wie ein altmodisches Holzpferd auf Rollen, war der Hund eine mausgroße Karikatur seiner selbst, die Katze ein Fetzchen Fell mit weißer Feder als Schwanz und der Vierte im Bunde ein winziger Wetterhahn. Frauke Jacobis Figuren sind immer ein wenig struppig: lieb und rührend, aber auch eigensinnig und wild. Ganz ähnlich ihre Stücke und Ausstattungen: poetisch und bodenständig, herzerweichend und rabiat, verzaubernd und ernüchternd.

Wenn in den Bremer Stadtmusikanten Hund und Katze aufeinander treffen, erfasst den Mann, der die Flachfiguren führt, wütender Jagdinstinkt. Knurrend fällt er über sich selbst her, der Hund in seiner Rechten attackiert die Katze zur Linken, dass der Sand nur so in den Zuschauerraum stiebt. Aber wenn der Musiker aus dem Hintergrund seinen Kompagnon ermahnt, die arme Kreatur lieber zu trösten, tut er auch das mit Hingabe. In Frauke Jacobis Puppentheater bedeutet offenes Spiel nicht nur Sichtbarkeit der Spieler, sondern doppelt und dreifache Spannung – zwischen Spielern und Figuren, Figuren und Publikum, Publikum und Spielern, Spielern und Spielern. Zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit. Zwischen Einfühlung und Stilbruch. Zwischen So-tun-als-ob und Wissen-dass-man-nur-so-tut. Deshalb interessiert sie sich nicht fürs klassische Marionettentheater, zu lang sind ihr die Übertragungswege zwischen Spielerhand und Puppenarm, zu kurz die Verbindung zwischen Text und Bild. Die schnellen, scharfen Gedanken, die in ihren Inszenierungen stecken, nehmen einen halsbrecherischen Weg aus dem Kopf durch die Welt, dreimal um die Ecke und mitten ins Herz.

Umgeben von Bildern und Geschichten, ist die Tochter eines Malers und einer Buchhändlerin aufgewachsen, ihre Ausbildung zur Krankenschwester machte sie, um von den DDR-Behörden einen Studienplatz an der Berliner Hochschule Ernst Busch zu bekommen. Dass sie Puppenspielerin werden wollte, wusste sie bereits mit zehn. Deshalb müsste die Liste ihrer vielfach preisgekrönten, wiederholt bis Amerika gereisten Arbeiten weit mehr umfassen als Ophelias Schattentheater , Kannst du pfeifen, Johanna , Der standhafte Zinnsoldat , Das häßliche Entlein und und und. Was Kleist einst vom Marionettentheater forderte, gelingt Frauke Jacobi jedes Mal neu, nämlich Bewusstsein und Anmut, das Kluge und das Schöne zu versöhnen. Ihre Neigung, kleine Dinge wichtig zu nehmen, hat schon große Momente verursacht, ihr spielerischer Ernst führt oft zum grotesken Happy End. Maßvoll und maßlos zugleich ist dieses Theater, und wenn ihre merkwürdigen Gestalten, die so fantastisch menschlich sind, uns Zuschauern plötzlich verraten, wie man ohne Gefahr einen Sandkuchen isst, oder wenn der Hund spontan zur Katze sagt: "Na, Katze, dir ist wohl eine Maus über die Leber gelaufen?" – dann bekommt die Floskel von der künstlerischen Freiheit auf einmal einen ganz neuen Klang.