Es war einer der merkwürdigsten Momente ihres Lebens. "Ein bisschen Warhol und ein bisschen Fellini", sagt Samira Makhmalbaf heute. Während der Filmfestspiele von Cannes stand sie auf dem roten Teppich einmal zufällig neben Sharon Stone. Die Blitzlichtsalven explodierten geradezu angesichts der extremen Ikonografie des Augenblicks: Hier die Hollywoodschauspielerin im tief dekolletierten Leopardenkleid, da die junge iranische Regisseurin mit Ledersandalen und schwarzem Kopftuch. Während ein paar rüpelige Fotografen brüllten, Samira möge endlich den Schleier ausziehen, legte Stone einfach schützend ihren Arm um die Jüngere. "Die Geste habe ich ihr nie vergessen", sagt die Iranerin, "die Erinnerung daran wird im Rückblick noch kostbarer, gerade weil die Kulturen, in denen wir leben, sich jetzt mit äußerstem Misstrauen beäugen."

Inzwischen hat sich Makhmalbaf ein wenig an den Rummel gewöhnt, den ihre Erscheinung auf internationalen Festivals auslöst. "Unfassbar", "ein Traum", sind die Worte, mit denen sie selbst ihre filmische Karriere bezeichnet. In wenigen Jahren wurde sie von der schüchternen Debütantin zur respektierten Regiegröße, von arabischen Kollegen geachtet, von der internationalen Filmszene begrüßt als cineastische Symbolfigur eines jungen aufgeklärten Islam.

Das Kino war sozusagen ihre Kinderstube. Mit sieben Jahren trat sie zum ersten Mal in einem Film ihres Vaters, des berühmten iranischen Regisseurs Mohsen Makhmalbaf auf. 1998, als Samira Makhmalbaf mit gerade 18 Jahren ihren Film Der Apfel in Cannes zeigte, war sie die jüngste Regisseurin, die je am renommiertesten Filmfestival der Welt teilnahm. In ihrem Regiedebüt erzählt sie vom traurigen Schicksal zweier halbwüchsiger Mädchen, die mitten in Teheran von dem Vater in einem Gitterverhau gefangen gehalten werden. Es ist die authentische Geschichte einer barbarischen Tat, die nicht aus Bosheit, sondern aus Ignoranz und falsch verstandenen religiösen Geboten entsteht. Einer resoluten Sozialarbeiterin gelingt es schließlich, den Mann zur Beendigung der Gefangenschaft zu bewegen. Die klare, fast sachliche Filmsprache, mit der Makhmalbaf dieses alltägliche Drama schildert, brachte selbst den ewigen Grantler Godard zum Schwärmen.

Auch in ihrem zweiten Film Schwarze Tafeln geht es um die mühsame Arbeit des Erklärens, Erziehens, Erleuchtens. Makhmalbaf widmet sich einem politischen Tabuthema und schickt eine Truppe kurdischer Lehrer durch die Gebirgsregionen an der iranisch-irakischen Grenze. Zwischen Flüchtlingskarawanen und den Bombardements der irakischen Luftwaffe müssen sich die Männer ihre Schüler selbst zusammensuchen, dienen die schwarzen Schiefertafeln mal als Trage für Verletzte, mal als Blickschutz eines frisch getrauten Paares – Bildung unter Extrembedingungen. "Ich selbst habe sehr jung die Schule verlassen, als ich gerade 15 Jahre alt war. Danach hatte ich keine weitere Schulausbildung", sagt Makhmalbaf, "vielleicht lasse ich daher immer wieder Lehrer und Lehrerinnen in meinen Filmen vorkommen."

Ihr Beitrag zu dem Film 11:09:01 , in dem sich elf Regieautoren aus der ganzen Welt mit dem Attentat des 11. September befassen, hat zur Heldin wieder eine Lehrerin. Mit unendlicher Geduld versucht die junge Frau, einer Hand voll afghanischer Flüchtlingskinder irgendwo in der iranischen Wüste zu erklären, was gerade in New York passiert ist. Doch in einer Umgebung, deren höchste Erhebung der Schornstein der nahe gelegenen Ziegelei ist, fehlen die Maßstäbe und Vorstellungen zur Vermittlung der Katastrophe. Unbedarft durchplappern die ärmlich gekleideten Schüler die Schweigeminute. Für Makhmalbaf sind die Kinder die eigentlichen Opfer der neuen Kriege und geopolitischen Machtspiele und die Lehrer die einsamen Helden einer im Obskurantismus versinkenden Welt. "Irgendein westlicher Schlaukopf hat einmal gesagt, das Problem der modernen Welt sei nicht die Unwissenheit, sondern zu viel Wissen. Aber da, wo ich herkomme, ist die mangelnde Bildung das umfassende Problem. Vielleicht finden Sie meinen Humanismus altmodisch, aber Bildung ist die einzige Utopie, an die ich glauben und für die ich in meinen Filmen eintreten kann."

Mittlerweile ist Samira Makhmalbaf 21 Jahre alt und hat gerade ihren dritten Spielfilm The Coachman’s Daughter in Afghanistan gedreht. Wieder wird es um die alltäglich-absurden Akte der Aufklärung gehen, um eine junge Frau, die für ihren eigenen Bildungsroman kämpft und den Blick zu heben wagt. Fast reflexhaft verweist Makhmalbaf auf ihren Vater, der auch diese Arbeit produziert hat und der sie alles gelehrt, ihr alles eröffnet habe, das Kino, das Handwerk, die Welt. Formal geht sie direktere Wege, hat sich von der metaphorischen Ästhetik des älteren iranischen Films gelöst. Auf die Eigenständigkeit angesprochen, wird sie fast rot. Dann lächelt sie und findet Worte von der diplomatischen Weisheit des Propheten: "Ist es nicht das Verdienst des Lehrers, wenn der Schüler sein Wissen aus der Schule trägt? Als Tochter blicke ich auf meinen Vater, und mit dem Auge meiner Kamera will ich die Welt begreifen."