Deutschlands jüngste und schönste Intendantin" – das lässt sie sich dann doch gefallen. Amélie Niermeyer weiß: Die Medien hantieren gern mit solchen Etiketten. Anfang der Neunziger, als die junge Regisseurin in München mit Abtreibungs- und Inzeststücken Furore machte, auch später, als sie in Hamburg, Frankfurt, Berlin Klassiker wie Maria Magdalena, Stella oder Minna von Barnhelm inszenierte, hat man sie mit Vorliebe als "Spezialistin für Frauenfragen" behandelt. "Irgendein Image hat man gleich weg, das ist unvermeidlich", sagt die 37-Jährige, die seit Beginn dieser Spielzeit das Dreispartentheater in Freiburg leitet und dort – noch ein Superlativ, der zu lesen war – "den erfolgreichsten Intendanten-Neustart der Saison" hatte. Kein ernstlicher Protest dagegen, mit so was kann man ja auch gut leben.

Auf die Palme bringt sie aber der schulterklopfende Unterton, den sie aus manchem Lob herausspürt: Seht her, da ist die liebe Amélie, die macht’s ja wirklich toll, das nette Frauenzimmerchen… Das nervt sie. "Dass hierfür ein bestimmtes Können, eine bestimmte Kompetenz nötig sind, fällt dann rasch unter den Tisch. Dieser Job ist verdammt hart, und ich will, dass man das ernst nimmt."

"Der Job" – es ist eine ihrer Lieblingsvokabeln. Die Pathosvermeidung beim Beschreiben des neuen Aufgabenfeldes ist auffällig. Nur kein ideologisches Tremolo, kein nach oben verrutschter Ton. Jeder macht seinen Job, jeder an seiner Stelle, es kommt nur darauf an, ob professionell oder dilettantisch. Ihren Job, meint sie, macht sie gut. Beim Thema Selbsteinschätzung kann die Debütantin im Intendantenfach, die sonst so viel, so charmant und manchmal sprunghaft redet, knapp werden. Ehrgeizig? Ja! Machtdurstig? Nein, aber durchsetzungsfähig. Sie geben nicht schnell auf? Nö.

Wer dieses Selbstbewusstsein einmal registriert hat, begreift auch besser, warum die schlanke, hellwache Frau so allergisch reagiert, wenn jemand ihre Konzilianz, ihre Dialogbereitschaft mit Führungs- und Zielschwäche verwechselt. Das hält sie für ziemlich einfältig. Entschiedenheit, sagt sie, hat nichts mit Statusgehabe zu tun. Den begründungsabstinenten autoritären Stil, der in der Ellenbogengesellschaft jetzt wieder Konjunktur hat, lehnt sie ab. Offenheit, Durchlässigkeit, Transparenz sind ihr die Voraussetzung dafür, dass sich in einem so heterogenen Gesamtunternehmen, wie es das Theater ist, alle "zugehörig fühlen" können. "Das zahlt sich im künstlerischen Ergebnis aus." Also redet sie, erklärt sie, enthusiasmiert sie, überall und immer, innerhalb und außerhalb des Hauses – auch wenn dieses Prozedere unendlich viel Kraft kostet und vor allem: Zeit.

Zum Schlafen kommt sie kaum noch, und ihr Kind, das ist für sie das Schlimmste, sieht sie zu selten. Arbeiten bis zum Anschlag: Das (aber vielleicht nur das) verbindet sie mit einem wie Frank Castorf, der Selbstüberforderung zur Strategie für Kunstwachstum erkoren hat.

In Freiburg funktioniert die Dialektik bislang prächtig: Die Hausherrin, ihr Team und ein rundum erneuertes Ensemble haben sich totgeschuftet – das Haus wirkt extrem lebendig. Zehn Premieren in den ersten zehn Wochen, das meiste hoch diskutabel, sehenswert bis ansehnlich (darunter auch ein romantisch verspielter, etwas zu gefälliger Sommernachtstraum der Intendantin selbst), insgesamt 30 werden es bis zum Saisonende sein, ein halbes Dutzend Ur- und Erstaufführungen, Begleit- und Kontaktveranstaltungen an allen Publikumsfronten. Für ein Haus dieser Größenordnung ist es ein Wahnsinnsprogramm, von innen gesehen: kollapsverdächtig. Doch der Zuschauer-Run ist phänomenal, die Auslastungszahlen im Schauspiel haben sich fast verdoppelt, viele Vorstellungen sind ausverkauft, und vor allem kommt: Jugend, viel Jugend. Es hat in dieser Saison im deutschsprachigen Theater mehrere gute Beispiele für Publikumsmobilisierung gegeben – Freiburg ist das frappanteste. Was Amélie Niermeyer hier gelungen ist, kann man getrost ein Aufbruchswunder nennen.

Es hätte also eine tolle Anfängererfolgsgeschichte werden können, ein bretterstarkes Plädoyer für die Vitalität des deutschen Stadttheaters – wenn nicht über Nacht die Politik und die Realität der Finanzen über die Intendantin gekommen wären. Ein zweiter junger Hoffnungsträger der Stadt, der grüne Oberbürgermeister Dieter Salomon, der beim Saisonstart noch den Schulterschluss mit der Theaterchefin gesucht hatte, entdeckte im städtischen Haushalt ein Steuerloch von über 70 Millionen Euro und verkündete ein Sparszenario, das auch mitten hinein in die Kultur, in die Museen- und Bühnenlandschaft massive Schnitte setzt (ZEIT Nr. 41/02).

Ein Schlag vor den Kopf, Ende der Euphorie. Seit Wochen nun macht Freiburg Kahlschlagzeilen in den Feuilletons – und einer Intendantin, die eben erst angetreten war, um ein ihr noch fremdes Metier zu erlernen, fiel jäh eine zweite Rolle, ein neuer Job zu: Sie ist jetzt auch Symbolfigur im deutschen Theaterüberlebenskampf. Freiburg könnte bald überall sein. Es geht um Millionenkürzungen, um Spartenschließungen, um Struktur- und Tarifänderungen. Derselbe OB, der jovial versichert, er könne sich seine Stadt ohne Theater nicht vorstellen, erklärt glasklar: "In dieser Form ist das Haus nicht mehr zu finanzieren."