Noch immer wollen sie seinen Rat, besuchen ihn draußen in den Hügeln vor Stuttgart. Frei Otto, Jahrgang 1925, ist Architekt, doch nicht nur das. Er ist Erfinder, Forscher, Materialkundler, einer der wichtigsten Baumeister des 20. Jahrhunderts. Immer wenn es irgendwo besonders verzwickt wird, wendet man sich an ihn, den Freigeist – weiterhin. Gerade ist er dabei, eine Lösung für die raffinierten Gewölbe des neuen Stuttgarter Bahnhofs zu finden.

die zeit: Herr Otto, sind Sie ein Mensch, der lieber voraus- oder lieber zurückblickt?

Frei Otto: Mit dem Blicken ist das bei mir so eine Sache. Wissen Sie, meine Augen sind sehr schlecht geworden, fast bin ich blind. Mehr denn je erfahre ich nun, dass Häuser vor allem im Kopf entstehen, dass man sie als Architekt vor seinem geistigen Auge sehen und innerlich durchwandern muss, bevor sie gebaut werden. Sonst werden das Gebäude, die nur berechnet, die nicht gefühlt sind. Viele Kollegen achten viel zu sehr auf Oberflächen, auf optische Reize, sie vergessen, wie wichtig die inneren Werte eines Baus sind. Seitdem ich kaum noch etwas erkennen kann, sehe ich in der Architektur viel klarer.

zeit: Was sehen Sie?

Otto: Ich sehe, dass es sich lohnt, wenn man altmodisch ist wie ich und an seinen Hoffnungen festhält. Es gibt ja überhaupt keinen Grund für diesen fürchterlichen Trübsinn, den viele blasen. Wir könnten glücklich sein, wir leben in einer Wendezeit. Es gibt kein Stildiktat, dem man sich beugen müsste. Und das bietet gerade den jüngeren Architekten die Freiheit, wirklich das zu tun, was sie tun wollen. Ja, sie sind gezwungen, sich über ihr Wollen klar zu werden. Allerdings ist es eine Klarheit, die sie im Kopf finden müssen, denn im Computer, in den viele gerne glotzen, ist ja nur drin, was irgendjemand reingetan hat.

zeit: Erstaunlich viele dieser Jüngeren schätzen Ihre Architektur, Ihre Zeltbauten, vor allem natürlich die schwebenden Dächer des Münchner Olympiastadions. Vielen gelten Sie als Vorbild. Erstaunt Sie das?