Die erzählende Prosa in Deutschland hat bekanntlich ein unglückliches Schicksal hinter sich. Ihre Kunst wurde, nach Jahrhunderten zunehmender Verfeinerung, zum Ende des vorigen Jahrhunderts wieder vollständig verlernt. Doch wäre es falsch, dies ausschließlich der revolutionären Kulturkritik anzulasten, die zum Ende der sechziger Jahre nur mehr das Texten von Flugblättern für vertretbar, alles andere für bourgeoisen Plunder hielt.

Es liegt auch im Wesen der Verfeinerung, dass sie am Ende in der stummen Gebärde, der Verweigerung, dem Nichts die höchste Vollendung sieht. In der Malerei wurde diese Konsequenz früher erreicht; die Literatur blieb vergleichsweise geschwätzig, bis sie schließlich im Sprachspiel ihr "Schwarzes Quadrat" fand oder in den Verständigungstexten der siebziger Jahre den Raum der Kunst verließ. In der Logik dieser Entwicklung liegt eine gewisse hegelianische Schönheit; doch drohte sie allen künftigen Generationen ein Schweigegelübde aufzulegen.

Naturgemäß wurde es bald gebrochen; aber wie! In dem Wie lag das literarische Unglück. Es war ein stümperhaftes, ungelenkes, töricht-zutrauliches Erzählen, das von den Jüngern wieder betrieben wurde, ein Rückfall nicht hinter die Skrupel der Moderne, sondern gleich um Jahrhunderte. Es war, was manche Kritiker als neue Erzähllust feierten, das reine, unstrukturierte Geplapper.

Das ist der traurige Hintergrund, vor dem sich erst recht ermessen lässt, mit welchem Löwenmut die junge Potsdamerin Julia Schoch, geboren 1974, im letzten Jahr die literarische Szene betrat. Sie schlug mit ihren Erzählungen (Der Körper des Salamanders , München 2002) sofort einen hohen Ton an, hohe Kunst, tiefes Wunder, Geheimnis der Existenz. Sie tat es ohne Furcht vor dem Anspruch, dem sie auf den ersten Versuch nicht standhalten konnte. Aber anders als jene, die wissen, dass sie nicht Rad fahren können und deswegen lieber mit dem Dreirad in die Manege strampeln (ewige Kleinkinder aus Angst, den Baby-Bonus zu verlieren), wollte Julia Schoch gleich bei den Erwachsenen sein, den Klassikern und Meistern der Kurzgeschichte. Die Romanistin kennt alle Tricks, das unterscheidet sie schon einmal von den jungen Westschriftstellern; und sie will diese Tricks auch können, das unterscheidet sie ein zweites Mal. Es ist sogar zu vermuten, dass sie sich einige neue noch dazu ausdenken wird, wie es das letzte Mal in der deutschen Literaturgeschichte Brigitte Kronauer, Hans Joachim Schädlich und Gert Hofmann (er nun schon tot) getan haben. Sie arbeitet weiter an dem Projekt der Moderne, wunderbarerweise ohne dass es ihr die Sprache verschlägt, vielleicht aus Trotz, vielleicht weil sie, ihrer Ostjugend sei Dank, nicht weiß, dass dieses Verstummen einmal gefordert wurde.