Dass Jack White ein Mann von Prinzipien ist, war der interessierten Öffentlichkeit seit seinem Schwur bekannt, niemals ein Mobiltelefon zu besitzen. Dass er darüber hinaus den Bass eingespart hat, macht ihn zum eigentlichen Verweigerer moderner Sitten. Jack White ist ein Träumer. Er träumt von den Zeiten, in denen das Geschirr des Rock ’n’ Rollers noch leicht war und im Großen und Ganzen am Leib getragen werden konnte. Wo man seinen Gitarrenkoffer hinlegt, da ist Zuhause.

Bislang waren solche frei schweifenden Fantasien den älteren Herrschaften des Gewerbes vorbehalten. Jack, neben Meg White einziges Bandmitglied der White Stripes, gebührt das Verdienst, dem Traditionsgenre das Gesicht eines modebewussten Mittzwanzigers gegeben zu haben. Wer hat denn gesagt, dass man alt und faltig sein muss, um den Blues zu kriegen? Mit ihren Mittelscheiteln, den Kunststudentengesichtern und dem zuckerstangenfarbenen Bühnenoutfit wirken Jack und Meg eher wie Hänsel und Gretel im Zeichenwald. Der Minimalismus aber ist blutig ernst gemeint. Nur wer sich aufs Wesentliche besinnt, heißt es in einem Manifest, das der zweiten CD De Stijl beigegeben wurde, findet Wahrheit und Schönheit.

Laut klingt sie, die Wahrheit, die die White Stripes meinen. Wie viel Lärm mit nur einer elektrischen Gitarre und ein wenig Getrommel erzeugt werden kann, ist die erste Lektion, die zu lernen ist. Die zweite besteht in einer kunstvollen Naturbelassenheit, die auf originalen Aufnahmetechniken der frühen Sechziger beruht. White-Stripes-Musik klingt, als würde sie auf offener Bühne zersägt und neu verlötet, von Meisterdilettanten, die auch ein wenig Illusionskünstler sind. Gewiss hat man sie alle schon mal gehört, die Geschichten von vergeblicher Liebe und Blumen im Schmutz, doch selten so roh und intensiv. Und dass live der Saal dazu tanzt, und nicht nur die alten Wölfe, die sonst in den Ecken stehen, muss zum letzten Mal in präposthistorischen Kontexten der Fall gewesen sein.

Junk Rock ist diese Musik genannt worden, doch das ist wieder nur ein Begriff. The Strokes, The Hives, The Libertines und andere in vergleichbar kurzer Zeit emporgeschossene Bands werden als Kronzeugen für ein Rock-’n’-Roll-Revival genannt, wie es der auf Recycling spezialisierten Schallplattenbranche gerade recht kommt. Das alles verfehlt den Hauptpunkt: dass hier im Rückgriff aufs Vorvergangene eine weitere Krise des popkulturellen Fortschritts Lärm geworden ist. Abspecken, sagen die Politiker, verschlanken, sagt die Wirtschaft. Reduzieren, sagt auch Jack White, doch er tut es aus der Perspektive des Außenseiters, dem die Verhältnisse der bürgerlichen Welt ohnehin zu eng sind. Back to basics: Die White Stripes sind die Rosskur für die Verfettungen eines Genres, das den Kannibalismus an sich selbst in Casting-Shows zelebriert.

Detroit mag auch eine Rolle spielen beim neuen Purismus, Jack und Meg Whites Heimatstadt. Reporter, die entsandt wurden, um herauszufinden, woher der Sound weht, wussten erwartungsgemäß von brennenden Mülltonnen zu berichten, von Industrieruinen und leer stehenden Villen mitten in der Stadt. Detroit, sagen Jack und Meg selbst, ist der Schrottplatz des amerikanischen Imperiums, man kann hier nur Antihaltungen kultivieren. Dass neuerdings Talentscouts gesichtet wurden, auf der Suche nach weiterer hochsensibler Popstarmaterie, ist ihnen gar nicht recht. Schecks verderben die Moral, und Moral ist hier unverzichtbar. Auch dass der britische New Musical Express Jack White zum coolsten Menschen des vergangenen Jahres gewählt hat – kein gutes Zeichen. Misstrauisch wie immer schaut er auf dem zugehörigen Foto: ein großes Kind, das lieber allein gelassen werden möchte mit sich und seiner Musik.

Aber ist nicht auch das eine allzu vertraute Melodie? Jugendlicher Trotz, der Trendpresse begehrtestes Futter, hat den beiden den Vorwurf eingetragen, selbst bloß postmoderne Poser zu sein, die mit der Verweigerung hausieren gehen. Richtig daran ist, dass der rudimentäre Rock der White Stripes nicht in langen Prozessen der Sinnsuche auf staubigen Straßen erworben wurde. Wie bei allen Neo-Rock-’n’-Rollern führt der Weg über den Eklektizismus der eigenen Plattensammlung. Aus dem Umstand, dass alles schon dagewesen ist, die Archive die Gegenwart dominieren, auch die großen Authentiker des Genres letztlich nichts anderes als Zeichendiebe sind, gibt es allerdings kein Entkommen, und wenn Jack und Meg White schon nicht als die alten Blues-Leute durchgehen, die sie gerne wären, so sind sie doch mehr als Stimmenimitatoren. Die Ursprünge mögen für immer verloren sein, die Sehnsucht danach ist auch ein Blues.