In dem Industriekombinat der Kultur steht nicht alles zum Besten. Im Dunkel liegen Flure und Hallen, nur die Öllachen ideologischer Umweltkatastrophen schimmern im Mondlicht, ganze Anlagen sind seit Jahren nicht mehr funktionsfähig, Produkte überstehen den Praxistest mit Mühe oder erst nach dem Studium unverständlicher Gebrauchsanweisungen. Auf der Leistungsschau Neuer Musik in Donaueschingen, um nur ein Beispiel zu nennen: dilettantische Basteleien aus Altprodukten. Weltniveau? Die Generation Pisa macht seit Jahren einen Bogen um die staatlichen Kulturverkaufsstellen, aber selbst wir notorischen Abnehmer verzweifeln, wenn auf dem Schwarzen Brett, wo wir "Unsere Besten" feiern, immer dieselben Namen altgedienter Brigadiere zu lesen sind. Grass und Walser, Richter und Polke, Peymann und Zadek – ja, gibt es denn keine Helden der Kultur, die nicht schon vor 30 Jahren ihre Verdienstmedaillen bekommen haben? In solchen Tagen, die vom Neonlicht einer erledigten Avantgarde entzaubert werden, sind unser einziger Trost die Importe aus dem befreundeten Ausland. Denn die Kultur ist glücklicherweise schon vor Jahrtausenden globalisiert worden. Man muss nicht erst in den Intershop, um den neuen Updike, Roth, Rattle, Nagano zu beziehen.

Doch selbst hier: die alten Etiketten, bewährte Traditionsmarken. Man muss in unseren Kulturbetriebsstätten wahrhaftig das Überraschende mit der Lupe suchen.

Aber warum auch nicht? Warum nicht einmal die Regale neu durchforsten? Das Älteste könnte uns neu, das Neueste in altmeisterlicher Qualität erscheinen. Auf die Optik kommt es an. Darum wollen wir zum Jahresbeginn Inventur machen, aber ohne die lähmende Gründlichkeit vergangener Jahre. Ohne die traditionellen Bilanzierungskrititerien. Vergessen wir die geizige Freude an längst abgeschriebenen Investitionsgütern. Vergessen wir den Gedanken an einen neuen oder alten Kanon. Nur die Neugierde soll entscheiden. Nur das Interessante in ungerechter Mischung. Nur die Künstler, ob jung oder langgedient, von denen wir im nächsten Jahr Verblüffung und Anregung erwarten.

Und siehe da, es gibt sie. Schon scheppert und klappert es in den Lagerhallen des Abendlandes. Sie rumoren vernehmlich, die Kobolde und Krausköpfe der Zukunft.