Als Erstes musste Oswald Grübel eine unangenehme Aufgabe erledigen. Kurz nachdem der 59-Jährige bei der Schweizer Großbank Credit Suisse Group das Ruder übernommen hatte, war es an ihm, die Rekordpleite der helvetischen Finanzgeschichte einzugestehen. Das Geldhaus erzielte einen Verlust von 2,4 Milliarden Franken für das dritte Quartal 2002. Grübel quälte sich noch einen witzig gemeinten Kommentar heraus: "Ich erhalte sicherlich keinen Bonus für dieses Jahr." Lachen konnte niemand.

Es sind vor allem die schlechten Zahlen der Versicherungssparte Winterthur, die den Finanzkonzern belasten. Aber darüber hinaus symbolisiert das Desaster der Credit Suisse Group den Absturz fast der gesamten schweizerischen Bankenbranche: Gewinne brechen ein, Tausende Mitarbeiter haben ihren Arbeitsplatz verloren, kleine Privatbanken mit wohlklingenden Namen zittern um ihre Existenz oder werden von der Konkurrenz geschluckt. Bei der Basler Bank Sarasin hat die holländische Rabobank in Zukunft das Sagen. In Genf mussten sich die De-Luxe-Bankiers von Lombard Odier und Darier Hentsch notgedrungen zusammenschließen. Dort fusionierten auch die Union Bancaire Privée (UBP) und die Discount Bank and Trust Company. Selbst die global operierende Credit Suisse Group wird immer wieder als Übernahmekandidat gehandelt. Schließlich hat das einstige Schwergewicht seit 2000 rund zwei Drittel seines Wertes eingebüßt.

"Der Sektor steckt in einer tiefen Krise", sagt Ray Soudah, Chef von Millennium Associates, einer Firma aus Zug, die Banken berät. "Die kaputten Märkte haben eine Kettenreaktion ausgelöst." Der Börsencrash riss das Handelsvolumen runter, weniger Transaktionen bedeuten niedrigere Provisionen für die Banken. Zudem hängen die Gebühren direkt vom Wert der verwalteten Vermögen ab, sodass die Erträge parallel zu den Wertpapierdepots schrumpfen. Nach Ansicht von Soudah könnten die Kosten jetzt gar nicht so schnell runtergefahren werden, wie die Gewinne absacken.

In den goldenen neunziger Jahren spielte Geld keine Rolle. Der Boom, so schien es, würde ewig dauern. Heuern, heuern, heuern hieß die Parole. Der Markt für Banker war leer gefegt. Auf dem Höhepunkt des Rausches, im Jahr 2000, jubelte die Schweizer Finanzindustrie über einen Gewinn von nahezu 20 Milliarden Franken – 1991 waren es nur fünf Milliarden Franken gewesen. Rund ein Drittel des globalen Off-Shore-Vermögens lockten die Eidgenossen an, insgesamt eine Summe von drei bis vier Billionen Franken. Weltrekord.

Jetzt reißen die Hiobsbotschaften nicht mehr ab. Kurz vor Weihnachten ließ die Kunde einer einheitlichen Zinsertragsteuer in Deutschland die helvetische Banking-Community aufschrecken. "Für den deutschen Fiskus ist das eine gute Lösung. Das wird die Flucht des Geldes aus der Bundesrepublik bremsen", prognostiziert Günter Woernle, Direktionsmitglied der feinen Banque Baring Brothers in Genf. Als dann auch noch die Schröder-Regierung eine Steueramnestie beschloss, wurde 2002 endgültig zum Katastrophenjahr.

Fahren nun in Zürich die großen Limousinen mit Hamburger oder Münchner Nummer vor, um das in der Schweiz gebunkerte Geld wieder abzuholen? Noch nicht. Bei der Schweizerischen Bankiervereinigung heißt es nur: "Was nach einer Steueramnestie in Deutschland passiert, können wir nicht sagen." Im Tessin lässt sich aber schon beobachten, wie es den Eidgenossen ergehen könnte. Nach der Steueramnestie ihrer Regierung brachten reumütige Italiener fast 60 Milliarden Euro zurück in die Heimat. Die Hälfte davon lag auf Depots und Konten in der Schweiz. Allein die Finanzhochburg Lugano büßte 20 Milliarden Euro ein. Und nun feilt das römische Finanzministerium auch noch an einem zweiten "scudo fiscale".

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Land auf Dauer davon leben will, dass es sich als Fluchtburg für Steuerhinterzieher anderer Länder hergibt", poltert der deutsche Finanzminister Hans Eichel. Die Schweiz müsse sich auf Sanktionen gefasst machen, falls sie das gesetzlich verbriefte Bankgeheimnis nicht fallen lasse. Die Drohung kam an. In Genf fürchten neun von zehn Bankiers, dass die Anziehungskraft des Finanzplatzes bei einer aufgeweichten Verschwiegenheitspflicht schwindet. Kunden würden abwandern, der Profit noch weiter sinken. "Dann gehen die Leute nach Singapur", unkt ein Banker, der lieber ungenannt bleiben will.

Die Klientel, die den Schweizer Banken bleibt, ist anspruchsvoller geworden. Heute kann praktisch jeder die Börsen am heimischen Bildschirm verfolgen. Das Herrschaftswissen, das einst die Geldmanager von den uninformierten Kunden trennte, transportiert das Internet überall hin. Die angeschlagenen Banken stehen daher vor dem Dilemma, einerseits Kosten sparen zu müssen, andererseits für ihre Klientel immer aufwändigere, persönliche Beratungsleistungen anzubieten.