Ich habe Respekt vor älteren Menschen und ihren Erfahrungen, ich bin ihnen auch dankbar. Einigen jedenfalls, zum Beispiel meiner Lateinlehrerin.

Die Dame ist gerade 60 Jahre alt geworden und befindet sich in ihrem letzten Dienstjahr. Ich habe sie seit eh und je bewundert, wegen ihrer Eloquenz und Vitalität und weil sie sechs Sprachen spricht. Am zweiten Weihnachtsfeiertag war ich mit ihr in der Berliner Philharmonie und genoss mit ihr zusammen George Gershwin. In unseren Gesprächen vor und nach dem Konzert fühlte ich mich wie eine kleinstädtische Amerikanerin, während sie die große Stadt Paris war.

Ich spürte, ihre 60 Lebensjahre sind der Maßstab, mit denen sie, hoch sensibel, das Leben abgleicht. Es ist kein Pragmatismus, den meine Lateinlehrerin praktiziert. Es ist vielmehr der Wille, die Veränderungen der Zeit fest im Auge zu behalten und sich ihnen anzupassen, ohne sich dem Strom zu ergeben. Dabei beeindrucken mich ihre Selbstdisziplin und die Art, wie sie in sich ruht. Ich habe nichts dagegen, wenn Menschen wie sie mehr werden in unserer Gesellschaft.

Aber ich weiß, leider, dass meine Lateinlehrerin eine Ausnahme ist. Ich erlebe oft betagte Leute, die für uns, die Jugend, aufgrund ihrer eigenen Unlust am Leben nur einen abschätzigen Blick übrig haben, als wollten sie sagen: "Du verachtest uns, du willst nur Spaß, du bist ein schlechter Mensch!" Doch einen Respekt, der stur vorausgesetzt wird, erbringt man nicht gerne. Dazu erwarten diese Alten oftmals, dass man die Werte aus ihrer Jugendzeit teilt.

Es ist nicht eine Welt, in der Jüngere mit Älteren leben - es sind zwei getrennte und trennende Welten. Die Anreize scheinen nicht groß genug, als dass es sich für beide Seiten lohnte, um eine Verbindung der zwei Welten zu kämpfen. Mit unbezahlbar werdenden Rentenversicherungen und Gesundheitskosten, deren Explosion ja nicht nur der Zunahme älterer Menschen, sondern auch dem Schwund des Nachwuchses in Deutschland geschuldet ist, haben sich die meisten meiner Generation abgefunden. Man ist zuversichtlich: Da wird uns schon etwas einfallen. Eher bedroht scheint mir das Heranwachsen der Kinder zu Erwachsenen.

Pädagogische Einrichtungen, so sie nicht geschlossen werden, stellen kein junges Personal mehr ein, die älteren Lehrer und Erzieher bleiben bis zum Final Countdown. Die Gefahr ist groß, dass bei Kindern und Jugendlichen unter solchen Umständen kein Interesse für die Gestaltung der Zukunft, die in ihren Händen liegt, geweckt wird. Es ist schwer für Junge, die Welt zu verändern - oder sich zumindest dieser Illusion hinzugeben. Momentan ist durch die Besetzung der Chefsessel mit betagten Semestern dafür gesorgt, dass die Dinge erst einmal so bleiben, wie sie sind.

Dann gibt es aber auch solche Ältere, die für sich beschlossen haben, für immer jung zu bleiben. Das wirkt fast immer lächerlich und infantil. Neben ihnen fällt es Jugendlichen noch schwerer, sich abzugrenzen. Sie werden mit immer extremeren Aktivitäten darauf reagieren. Die Alten sollten nicht versuchen, gegen das eigene Altern anzukämpfen und vor sich selbst zu fliehen