Die politischen Einstellungen älterer Menschen sind weniger gut erforscht als ihre Konsumgewohnheiten. Es wird viel darüber spekuliert, was der wachsende Bevölkerungsanteil von Fifty-Somethings für die Zukunft unserer Gesellschaft bedeuten mag. Eine verbreitete Wahrnehmung des politischen Alterns kommt in Churchills Bonmot zum Ausdruck: Wer unter 35 kein Sozialist sei, habe kein Herz, wer es über 35 noch sei, keinen Verstand. Darin steckt die Annahme, dass Menschen mit zunehmendem Alter automatisch konservativer werden.

"Die Vermutung ist aber falsch", sagt Paul B. Baltes, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. "Altern ist ein komplexer Prozess, der dazu führt, dass die Leute mit den Jahren immer unterschiedlicher, zugleich einzigartig werden - biografisch und biologisch."

Dreierlei bestimme diesen Prozess, sagt der Psychologe und Gerontologe: zum einen die typischen Strukturmerkmale der Lebensalter, also etwa Schule, Ausbildung, Berufseinstieg, Familiengründung und die jeweils damit verbundenen Sorgen und Probleme

dann die "geschichtsbezogenen Einflusssysteme", also eine bestimmte Kohorten- oder Generationenzugehörigkeit, welche die politischen Überzeugungen prägt

schließlich die "idiosynkratischen", die höchstpersönlichen Lebensereignisse.

"Wenn es irgendeine Tendenz gibt, dann die, bei dem zu bleiben, was man immer schon war", schlussfolgert Baltes.

Das heißt also: Die ergrauenden 68er werden mit Eintritt ins Vorruhestandsalter nicht automatisch zum Wählerpotenzial der CDU/CSU zu zählen sein. Die Parteizuneigung sei kein klarer "Konservatismusindikator", schreibt auch der Altersforscher Harald Künemund. Eine detaillierte Altersaufgliederung zeige vielmehr, dass der Anteil der den Unionsparteien zugeneigten Personen mit steigendem Alter sogar zurückgehe. "Die These vom Alterskonservatismus ist nicht haltbar", weiß Künemund. "Es gibt kaum Anzeichen für einen Alterseffekt - dominierend sind die Kohortendifferenzen."