Nicht erst seit Pisa wird dieses Vorurteil gepflegt: Die japanische Gesellschaft treibe aufgrund ihres starren und rigiden sozialen Systems viele Menschen in den Freitod. Insgesamt ist tatsächlich die japanische Suizidrate höher als die westlicher Länder, was wohl auch damit zu tun hat, dass in der konfuzianischen Lehre die Selbsttötung weniger tabuisiert ist als in der christlichen. Aber just bei Kindern und Jugendlichen sind die Selbstmordraten nicht höher als bei uns.

Das ist das Ergebnis einer Studie, in der die Japanologin Susanne Kreitz-Sandberg der Schüler-Selbstmord-Legende auf den Grund ging. Sie trug Zahlen zusammen, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückreichen. Tatsächlich war noch in der japanischen Nachkriegsgeneration die Suizidrate relativ hoch, seit den sechziger Jahren gibt es aber einen stetigen Rückgang. Mitte der neunziger Jahre waren die Zahlen in Japan und Deutschland fast gleich – 1994 nahmen sich in Japan 5,1 von 100000 Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren das Leben, in Deutschland waren es 6,4. In beiden Ländern ist das übrigens sehr wenig gegenüber der Quote bei älteren Menschen.

Bei einer näheren Untersuchung der saisonalen Verteilung konnte die Forscherin auch keine Häufung der Suizide zu Prüfungszeiten feststellen. Es gibt also keine Indizien dafür, dass das japanische Schulsystem die Jugendlichen in den Selbstmord treibt. Woher kommt dann das Gerücht? Es bedient gängige Klischees über Japan, sagt Kreitz-Sandberg. Und in der japanischen Öffentlichkeit werde jeder Einzelfall sehr aufgeregt diskutiert, während in Europa die Familie gern den Mantel des Schweigens über eine solche Tragödie lege.

Christoph Drösser

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