Mitte Januar. Nichts geht mehr. Die Staatsdiener im Ausstand. Flugzeuge stehen still, Straßenbahnen und Busse ebenso. Frustrierte Bürger warten frierend an den Haltestellen. Überall Berge von nicht abgeholtem Müll. Die Wirtschaft ächzt. Dann die Erlösung. Ist es wieder bloß ein temporärer Frieden gegen Gehaltserhöhung? Nein, endlich ein generelles Verbot des Arbeitskampfes für Staatsbedienstete, verbunden mit einer durch jede Seite erzwingbaren Zwangsschlichtung.

Antigewerkschaftliches Schreckensszenario? Realisierbare Zukunftsvision?

Utopie? Weit gefehlt, sondern seit 1966 Realität im amerikanischen Bundesstaat New York. Vor einem Vierteljahrhundert eingeführt, galt die Zwangsschlichtung dort einst als revolutionäres Konfliktlösungssystem. Heute ist sie eine von den Bürgern geschätzte und den Tarifvertragsparteien akzeptierte Selbstverständlichkeit.

Und in Deutschland? Alle Jahre wieder das gleiche Bild: Forderung, Gegenforderung, Warnstreiks, Schlichtung und gelegentlich - etwa 1974, 1980, 1992 (und 2003?) - ein großer Streik.

Warum dieses Ritual aus Streikdrohung und Streik? Auf den ersten Blick natürlich nur, um das strukturelle Verhandlungsungleichgewicht zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu überwinden und einen angemessenen Tarifabschluss zu erreichen. Hinter dem "Schauspiel Arbeitskampf" stehen jedoch zwei weitere grundsätzliche Konflikte. Erstens müssen die Staatsbediensteten regelmäßig durch Arbeitskampfrituale von der Notwendigkeit gewerkschaftlicher Vertretung überzeugt werden. Und zweitens benötigen wir Bürger eine gewisse Leidensphase, um später die von unseren Vertretern mitverantwortete Tariferhöhung auch als Erlösung begreifen zu können. Welche Umfragewerte könnte schließlich ein Bundesminister erzielen, der in Zeiten knapper Kassen den Forderungen der Gewerkschaften ohne Druck nachgibt?

Aber lassen sich angemessene Tarifabschlüsse nicht auch mit weniger Ärgernissen und Kosten für die Allgemeinheit erreichen? Die Antwort lautet ja. Die Alternative zum Schauspiel Streik besteht in einer erzwingbaren verbindlichen Schlichtung. Zwangsschlichtungssysteme erzeugen Einigungsdruck nicht mehr durch den ungewissen Ausgang eines Ausstands oder die Drohung damit, sondern durch die Ungewissheit über den Inhalt der Schlichterentscheidung.

In Deutschland wird bislang eine Zwangsschlichtung vehement abgelehnt. Wie das Beispiel New York zeigt, sind die zugrunde liegenden Befürchtungen in einem intelligent ausgestalteten System jedoch unbegründet: