Die frohe Botschaft vom kurz bevorstehenden Ende des Putzens rauschte Ende der neunziger Jahre durch den Blätterwald. Der Bonner Botaniker Wilhelm Barthlott hatte eine Oberfläche präsentiert, an der kein Dreck haften bleibt – das grüne Blatt der Lotus-Seerose. Unter dem Elektronenmikroskop hatte er festgestellt, dass es entgegen bisherigem Ingenieursverstand in Sachen schmutzabweisender Oberflächen keineswegs besonders glatt, sondern mikroskopisch fein geschuppt war. Gerade deswegen perlt selbst klebriger Honig oder Pattex vom Lotusblatt ab. Jeder Regen spült es rückstandsfrei sauber, sogar Ruß verschwindet vollständig. Barthlott meldete seine verblüffende Entdeckung zum Patent an und konnte den Chemieriesen BASF als Industriepartner gewinnen. "Ich bin stolz auf Sie!", rief Bundespräsident Rau dem Bonner Botaniker zu, als er ihm im Herbst 1999 den mit 500000 Mark höchstdotierten Deutschen Umweltpreis verlieh. Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Bundesstiftung Umwelt, sah in seiner Laudatio gar das "Überleben der Menschheit" durch die Übertragung von Naturstrategien nach dem Barthlottschen Vorbild gesichert. Und selbst das Hausblatt skeptischer deutscher Ingenieure, die VDI nachrichten, jubelte: "Nie mehr streichen, nie mehr putzen".

Drei Jahre später ist die Euphorie verflogen. Geputzt wird weiterhin, und das auch noch immer schneller. Zum Beispiel in den langen Fluren der Bremer Schifffahrtsdirektion. Die Beamten sind gerade am Gehen, jetzt wird es hektisch. Um halb vier ist der Putzdienst gekommen, bis um fünf müssen die drei Frauen fertig sein, denn dann will auch der Hausmeister Feierabend machen. Florence – ihren Nachnamen behält sie für sich – ist heute für die dritte und vierte Etage zuständig, 1000 Quadratmeter Bürofläche, zwei Teeküchen, vier Toilettenräume. Die junge Frau stammt aus Ghana, auf dem Kopf eine coole Mütze, in der einen Hand den Müllsack, in der anderen das Wischtuch. So eilt sie über den Gang von Büro zu Büro. Papierkorb ausleeren, zwei Spritzer Putzmittel auf den Lappen und einmal über die freie Schreibtischfläche wischen. Mehr Zeit ist nicht. Papierstapel werden grundsätzlich nicht angetastet, und wenn ein Beamter seine Keksdose umgeworfen hat, dann wird die Zeit für das Aufsaugen der Krümel woanders wieder eingespart.

Eine Minute pro Büro muss reichen, Florence macht Tempo. Eineinhalb Stunden für die Fläche von zehn Vierzimmerwohnungen – "unsere Kunden haben nicht mehr den Anspruch hundertprozentiger Sauberkeit", sagt Stefan Gruschka. Er ist Betriebsleiter der Reinigungsfirma Söffge – mit 2500 Beschäftigten eine der größten Norddeutschlands – und hat den Vertrag mit der Schifffahrtsdirektion abgeschlossen. Das Arbeitstempo ist inzwischen so hoch, dass es sich nicht weiter steigern lässt. Davon ist Gruschka überzeugt und setzt deshalb auf den Einsatz moderner Technik. Der "Lotus-Effekt" ist ihm aber noch nicht untergekommen. "Von unseren 900 Kunden hat das kein Einziger", sagt der Fachmann. Selbst in den USA oder den Niederlanden, die uns reinigungstechnisch um fünf bis zehn Jahre voraus seien, habe er so etwas noch nicht gesehen.

Das ist auch kein Wunder. Denn drei Jahre nach dem Freudentanz ums grüne Blatt und Kooperationsvereinbarungen mit über einem halben Dutzend Unternehmen ist nur ein einziges Produkt auf dem Markt, das den patentierten Lotus-Effekt nutzt – zumindest in der Eigenwerbung. Es handelt sich um die Silikonfarbe Lotusan, die Hausfassaden mit einer Mikrostruktur überziehen und so selbstreinigend machen soll. "Die hoch geschraubten Erwartungen haben sich in der Praxis nicht erfüllt", sagt Heinrich Bartholemy von der Technischen Informationsstelle des deutschen Maler- und Lackiererhandwerks. Zwar sei Lotusan eine "hochwertige Fassadenfarbe", gute Ergebnisse liefere sie jedoch nur auf Wetterseiten, die häufig vom Regen abgespült würden. Ansonsten sei Schmutz sogar "viel deutlicher sichtbar" als auf den üblichen und weit billigeren Dispersions-Silikatfarben.

Das bislang ungelöste Problem: Die Selbstreinigung einer mikroskopisch geschuppten Oberfläche funktioniert bei Pflanzenblättern, deren Zellen sich regelmäßig erneuern, weit besser als auf allen Oberflächen, die bisher nach ihrem Vorbild künstlich erzeugt werden konnten. Außerdem führt die Mikrostruktur beim Lotus-Effekt automatisch zu matten Oberflächen. Gerade im Sanitärbereich oder der ebenfalls angepeilten Automobilindustrie geht jedoch nichts ohne Hochglanz. Und so heißt es seit 1999 zwar immer wieder, die Markteinführung von selbstreinigenden Textilien, Dachziegeln, Toiletten oder Folien stünde unmittelbar bevor, doch bisher ist außer Lotusan nichts davon im Laden zu finden. Schon unkt Bild der Wissenschaft über den "entzauberten Lotus".

Wilhelm Barthlott sitzt derweil in seinem Professorenzimmer mit Blick auf die vielen grünen Blätter des Botanischen Gartens seiner Uni und fühlt sich missverstanden. Niemals habe er behauptet, dass der Lotus-Effekt auf abriebgefährdeten Oberflächen funktionieren könne. Eine künstlich erzeugte Mikrostruktur ist empfindlich, deshalb sei sie für Badezimmerfußböden, Waschbecken, Armaturen oder Windschutzscheiben völlig ungeeignet. Und ob Lotusan seinen hohen Preis wert sei, könne er schon gar nicht beurteilen. "Von Fassadenfarben verstehe ich überhaupt nichts", sagt Barthlott und lächelt offenherzig. Schließlich sei er ja kein Ingenieur, sondern Botaniker. 300000 Fotos von Blattoberflächen lagern in seinem Archiv. "Einhundert Millionen Jahre Mutation haben sie optimiert, das reproduzieren Sie mit keinem Computer."

Neun Mitarbeiter beschäftigt er inzwischen im Lotus-Projekt. Doch außer dem "enormen Imagegewinn für die Universität Bonn" habe das Ganze nicht viel abgeworfen. Zwar beliefen sich die Lizenzeinnahmen auf ein Vielfaches seines Gehalts, fast genauso hoch seien jedoch auch die Ausgaben. Erst wenn die beteiligten Unternehmen mit ihren Produkten tatsächlich auf den Markt gingen, werde sich das schlagartig ändern. Im nächsten Jahr sollen zumindest die ersten Dachziegel, Textilien und Glasprodukte mit Lotus-Oberflächen im Handel landen. Etwas Geduld müsse man schon haben, findet Barthlott und tröstet sich damit, dass auch Teflon schon vor dem Krieg erfunden wurde, seinen Siegeszug durch Pfannen und Textilien aber erst in den siebziger Jahren angetreten hat.

Der Wirbel um den Lotus-Effekt hat auch andere Wissenschaftler inspiriert. Die machten sich mit zum Teil größerem Erfolg auf die Suche nach schmutzabweisenden Oberflächen als die Lizenznehmer des Bonner Botanikers. So hat am Würzburger Fraunhofer-Institut für Silicatforschung die Chemikerin Johanna Kron in drei Jahren ein Verfahren entwickelt, mit dem sich Edelstahl schmutzabweisend beschichten lässt. Ormocer heißt das Zaubermittel, das wie ein Nasslack aufgetragen und eingebrannt wird. Auf dem Edelstahl bildet es eine Schutzschicht, zehnmal dünner als ein Menschenhaar. Deshalb reicht ein Liter Ormocer für die Versiegelung von 100 bis 200 Quadratmetern Metall. Noch wird das Mittel im Labor von Hand angemischt und ist entsprechend teuer. Das Herforder Sanitärunternehmen Kuhfuß hat derart beschichtete Edelstahlwaschbecken gerade ins Standardprogramm genommen, und mit dem Beginn der Serienfertigung wird auch der Preis sinken. Abdrücke von Fettfingern und selbst Filzstift-Graffiti lassen sich mit einem Papiertaschentuch von dem beschichteten Edelstahl wischen, Wasser perlt ab und hinterlässt keine Kalkspuren.