In "Londinistan" hat man in Frankreich die britische Metropole umgetauft. Allzu lasch und verantwortungslos springe die britische Regierung mit Hintermännern des islamistischen Terrorismus um, klagen französische Diplomaten. Für sie ist das Vereinigte Königreich der "weiche Bauch" Europas beim Kampf gegen die terroristischen Netzwerke des Islamismus. Maliziös sprechen Angehörige an der französischen Botschaft in London von "britischer Schizophrenie": International präsentiere sich Tony Blair als kompromissloser Kämpfer im Krieg gegen den Terror; zu Hause vermeide er harte Schritte gegen "gefährliche Elemente" innerhalb der muslimischen Minderheit.

Eine Erklärung, die privat von ausländischen Beobachtern geboten wird, erinnert an dunkle Verschwörungstheorien. Zwischen London und den Islamisten gebe es eine unausgesprochene Übereinstimmung, meint Camille Tawill von al-Hajat , einer arabischsprachigen Zeitung, die in London produziert und überall in der arabischen Welt vertrieben wird. "Die Islamisten benutzen Großbritannien als Basis für Propaganda, aber unternehmen zugleich nichts gegen das Land, das ihnen Bleibe und Redefreiheit gewährt." Eine Erklärung, der französische, aber auch Diplomaten anderer europäischer Länder einiges abgewinnen können, die man in Westminster jedoch empört zurückweist.

Französische Stichelei hat Großbritannien noch selten zu Taten angespornt. Doch der internationale Druck auf die Briten wächst. Selbst die transatlantische Harmonie leidet. Auch die Amerikaner machen aus ihrem Unmut keinen Hehl. Vorbei ist die Phase, in der Washington dem engsten Verbündeten ganz dezent auf Missstände im eigenen Haus hinwies. "Die Diskrepanz zwischen Worten und Taten", sei einfach zu groß geworden, erklärt ein Diplomat der amerikanischen Botschaft, zumal in einer Zeit, in der wir alle "mit neuen Anschlägen der Islamisten rechnen müssen".

Um London Beine zu machen, ging kürzlich Victoria Toensing an die britische Öffentlichkeit. Sie war bis vor kurzem stellvertretende Generalstaatsanwältin der Vereinigten Staaten. Nun ist ihre private Anwaltskanzlei ganz auf Terrorfälle spezialisiert. Toensing kann öffentlich aussprechen, was politische Kreise nur andeuten mögen, und nichtsdestoweniger klingt es aus ihrem Munde wie eine transatlantische Rüge. "Höchst befremdlich", findet sie, wie Großbritannien mit "Anstiftern, Organisatoren und Predigern des Terrorismus" umspringt. In "verschiedenen Fällen" lägen harte Beweise vor, dass sich Koranlehrer und Imame von britischem Boden aus als "Drahtzieher" von al-Qaida betätigten. Sie erwähnt verschiedene Namen, auch den von Abu Qatada, nach ihrer Meinung der "europäische Botschafter" bin Ladens, der nach zehnmonatigem Versteckspiel von der britischen Polizei verhaftet wurde. Französische Zeitungen behaupten freilich, MI 5 habe ihn all die Zeit in einem sicheren Haus versteckt. Seine sofortige Auslieferung fordern neben Frankreich und Jordanien auch Deutschland und die Vereinigten Staaten. Allen ausländischen Kritikern britischer Sicherheits- und Rechtspolitik aber sticht ganz besonders Abu Hamsa ins Auge.

Gruselige Eisenhaken am Arm

In der modernen, aus Stahl, Beton und Glas erbauten Moschee am Londoner Finsbury Park rief Abu Hamsa al-Masri jahrelang ungestört zum Dschihad auf. Nach den Anschlägen vom 11. September priesen Graffiti an den Außenwänden der Moschee in leuchtenden Lettern den "New York Taliban Triumph". Unaufhörlich schürt Abu Hamsa den Hass auf die Kafirs, die Ungläubigen, die er gern als "Vieh" bezeichnet, das man "zum Markt nehmen", "verkaufen" und "schlachten" darf. In seinen englischsprachigen Sermonen, die auch auf Videos und Kassetten verbreitet werden, wettert er gegen die "amerikanisch-britisch-jüdische Weltverschwörung" und fordert die "muslimische Jugend" auf, sich für den Heiligen Krieg ausbilden zu lassen.

Mittlerweile darf er in der Moschee nicht mehr predigen. Was sein Treiben nicht behindert. Es gibt genug andere Versammlungsorte. Abu Hamsa ist ein wortgewaltiger Mann, der es versteht, die Zuhörer genau dorthin mitzunehmen, wo er sie haben will, ohne mit dem britischen Gesetz in Konflikt zu geraten. So, wenn er sagt – wie es zu Weihnachten in der BBC zu sehen war –, es sei "okay", Banken zu plündern, weil es "jüdische Banken" seien. Gegen sie gebe es schließlich ein "Recht auf Selbstverteidigung". Selbst in Momenten emotionaler Aufwallung scheint er genau zu wissen, wie weit er gehen kann, ohne gefährliche legale Untiefen zu betreten. Seine Zuhörer verstehen jedoch immer die eigentliche Botschaft des heiligen Mannes: Der Kampf muss weiter gehen. Mit allen Mitteln.

Abu Hamsa wirkt rhetorisch eindrucksvoll. Die Armstümpfe des Scheichs enden in zwei gruseligen Eisenhaken; das verleiht ihm – angegrautes Haar, schwarzer Vollbart, stets gekleidet in traditionellem Gewand – zusätzliche, düstere Autorität: ein Koranlehrer, der im Dschihad seine Pflicht tat. In Afghanistan hatte ihm eine Mine beide Hände abgerissen und ihn eines Auges beraubt. Ein leuchtendes Vorbild für die jungen Männer mit finster-misstrauischen Gesichtern, von denen er stets umgeben ist und die ihm, einem gefragten Mann mit vielen Kontakten, immer wieder das Mobiltelefon ans Ohr zu halten haben.