Ich fand schon immer, wer einem Fitnessclub beitritt, verkauft seine Seele (oder vielmehr, seinen Körper) an den Teufel: Du unterschreibst einen lebenslangen Vertrag, und dir werden wundersame Belohnungen versprochen, für die du teuer (und ewig) bezahlen musst. Deshalb habe ich diese verführerischen Orte erfolgreich gemieden – bis neulich, als ich einen atemberaubenden Fitnessclub in meinem Viertel entdeckte, dem kein Sterblicher mit Bewegungsmangel widerstehen könnte.

Von außen sieht der Bau aus wie ein großes viktorianisches Kloster oder vielleicht ein luxuriöses Herrenhaus auf dem Land. Drinnen verbindet sich makelloses Design von heute perfekt mit alten, überhohen Decken und bunten Kirchenglasfenstern. Das hat die Wirkung einer geschickt recycelten Kathedrale. Die wahren Hintergründe sind weniger erhaben: Dieser ultramoderne Fitnessclub war früher ein riesiges viktorianisches Irrenhaus. Die schweren Sicherheitstore, die einst die Wahnsinnigen von den Klarsinnigen trennten, schützen jetzt die Mitglieder vor den Nichtmitgliedern.

Im 19. Jahrhundert hatte die psychiatrische Anstalt etwa so viele Patienten, wie es heute zahlende Kunden gibt. Während ich aber in der eleganten Cafeteria des Clubs an meinem Cappuccino nippte, vergaß ich die verborgene, verrückte Vorgeschichte und fing an, mich zu entspannen; doch dann sah ich hoch zu den wunderschön geschnitzten Deckenbalken, und mir fiel wieder ein, dass sie auch schon da oben waren, als hier unverheiratete Mütter weggesperrt wurden, von denen viele nach kurzer Zeit tatsächlich den Verstand verloren.

Während ich in einem azurblauen Becken schwamm (oder besser: trieb), konnte ich nicht umhin, Schuldgefühle zu entwickeln. Da verbesserte ich meine Herz-Kreislauf-Kondition, arbeitete gegen Fettpolster an, und noch vor 150 Jahren wurden in denselben Räumen arme Männer, Frauen und womöglich sogar Kinder eingesperrt und mussten hungern. Drei riesige Fernsehmonitore vor den Übungsgeräten zeigten unentwegt Bilder von attraktiven, halb nackten Menschen. Manchmal glaubte ich die Geister aus der Vergangenheit der Anstalt auf den Bildschirmen zu sehen, wie sie uns auslachten. Wir sind so besessen von Fitness, als würden wir dadurch unsterblich; dabei werden wir eines Tages tot sein, genau wie sie. Ich stellte mir vor, wie sie den Club des Nachts heimsuchen, viktorianische Gespenster auf Laufbändern und Trainingsfahrrädern…

Ziemlich schnell wurde mir klar, dass ich mich entscheiden musste: entweder sofort weg hier – oder dableiben und die frühere Inkarnation des Clubs vergessen. In Anbetracht der Tatsache, dass diese Verträge, wie oben erklärt, praktisch mit Blut unterzeichnet werden (haben Sie mal versucht, einen zu annullieren?), blieb mir nur eine nicht verrückte Option, typisch 21. Jahrhundert: Training. Vielleicht habe ich meine Seele verkauft. Dann will ich zumindest meinen Körper zurückhaben.

Aus dem Englischen von Frank Heibert Von Elena Lappin erschien zuletzt "Natashas Nase". Nächste Woche schreibt an dieser Stelle Juli Zeh