"Es gibt ein Sprichwort auf Sizilien: Wer rund geboren ist, der kann nicht viereckig sterben. Mein Traum ist, dass das nicht wahr ist; dass selbst Mafiosi sich verändern können. Hätte ich ihn jemals aufgegeben, dann hätte ich nur noch Angstträume"

Eines Tages mit Recht sagen zu können: "Ich bin stolz, ein Sizilianer zu sein" – dieser Traum war ein Leben lang mein tiefster Antrieb. Ich habe dafür gekämpft, bis er Wirklichkeit geworden ist. Doch heute, in Berlusconis Italien, ist mein Traum wieder bedroht.

Ich weiß noch, wie ich 1968 zum Studium nach Heidelberg kam. Damals fragten mich alle Kommilitonen: Woher kommst du? "Aus Sizilien". Worauf jedes Mal die gleiche Erwiderung folgte: Aha, die Mafia! Heute hingegen fällt den Leuten, die mich sehen, sofort die Antimafia ein, die Bürgerbewegung La Rete, die ich 1993 gründete und die die Cosa Nostra erfolgreich bekämpft hat.

Die tiefere Bedeutung meines Traums: Ich wollte beweisen, dass das, was die Mafia auf Sizilien angerichtet hat und noch immer anrichtet, nicht sizilianisch ist, sondern menschlich. Jede Kultur läuft das Risiko, dass ihre positiven Werte missbraucht werden; sie können sich dann in "satanische Verse" verwandeln. Jeder ist verpflichtet, dieser Gefahr gegenüber wachsam zu bleiben.

So hat die Mafia im Namen der Ehre, der Freundschaft und der Familie Menschen getötet, Recht und Freiheit zerstört. Sie hat unsere eigenen Werte gegen uns gerichtet: Aus Ehre wurde Schande, aus Freundschaft eine Abhängigkeit, die sich auf Kriminalität gründete. Anderswo sind die Menschenrechte für Reichtum, Erfolg oder Sicherheit mit Füßen getreten worden. Auch das Lied der Freiheit und des Rechts kann man mit satanischen Versen singen, auch sie lassen sich pervertieren.

Als Student war mir der traditionell hohe Respekt vor dem Gesetz in Deutschland unendlich wichtig. Es war mein Ideal, das Positive an meiner sizilianischen Identität mit dieser positiven Seite der deutschen Identität zu verbinden und zu Hause für den Rechtsstaat zu kämpfen. Aber gerade in Deutschland ist der Willen, Gesetze zu befolgen, umgeschlagen in die Verfolgung der Juden; haben die Nazis gezeigt, dass sich Gesetze und Gesetzestreue gegen die Menschenrechte wenden können. Der Nationalsozialismus war für die deutsche Kultur, was die Mafia für Sizilien ist und die al-Qaida für manche islamische Länder. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur diskutiere ich heute mit Menschen in der ganzen Welt, in Kolumbien, Nigeria oder Georgien.

Für meine Freunde in Heidelberg bedeuteten Sizilien und die Mafia das Gleiche. Aber heute ist immer mehr Menschen bewusst, dass die sizilianische Mafia nur eine Spielart der Gattung Mafia ist, neben der russischen, der amerikanischen oder japanischen Mafia, die die jeweilige Kultur für ihre Zwecke ausbeuten. Deshalb ist es so wichtig, die Verschiedenheit der Identitäten zu respektieren. Ohne diesen Respekt wird auch der Versuch einer globalen Gesetzgebung scheitern. Wir brauchen ein international gemeinsames Recht – aber zugleich die kulturelle Vielfalt und gegenseitiges Verständnis. Sonst wird es nicht nur einen Osama bin Laden geben, sondern viele – auch einen sizilianischen, einen korsischen, baskischen…

Ein zentrales Bild in meinem Traum ist der sizilianische Karren. Hölzern, bunt bemalt mit vielen Figuren, auf zwei Rädern. Ein Rad steht für das Recht, das andere für die Kultur. Jeder Mensch muss seine Kultur und damit seine Identität kennen und achten, damit er auch bereit ist, sie gegen Missbrauch zu verteidigen.