Man könnte sich die Augen reiben: Die größten Fans des internationalen Freihandels sind spätestens seit Herbst des vergangenen Jahres ausgerechnet der amerikanische Präsident George W. Bush und sein Handelsrepräsentant Robert Zoellick. Innerhalb weniger Wochen hat die US-Regierung einzelne Zölle für Einfuhren aus der Dritten Welt gesenkt, sie hat zum Kampf gegen Exportsubventionen in der Landwirtschaft aufgerufen und will in der Welthandelsorganisation (WTO) sogar sämtliche Zölle auf Industrieprodukte abschaffen. Die jüngste WTO-Verhandlungsrunde, im November als "Entwicklungsrunde" zugunsten der Dritten Welt gestartet, wäre ohne das Drängen der Vereinigten Staaten wohl gar nicht zustande gekommen. "Alles dreht sich um die USA", sagt Fred Bergsten, Chef des Institute for International Economics, einer Washingtoner Denkfabrik.

Nach außen gaben sich Bush und Zoellick seit je als große Freihändler – ihre praktischen Entscheidungen jedoch fielen lange ganz anders aus. Allein im Jahr 2002 erließ die Regierung eine protektionistische Farm Bill (180 Milliarden Subventionen für Amerikas Landwirte), sie erhob Sonderzölle auf Stahleinfuhren und kanadisches Holz, sie baute die nontarifären Handelshemmnisse aus und legte sich mit der Europäischen Union an. Passionierte Globalisierungsfans wie der Ökonom Jagdish Bhagwati von der Columbia University sahen bereits eine "neue Ära von Handelskriegen" heraufziehen.

Doch die Welt hat sich für das Weiße Haus geändert. Manche Beobachter in Washington sind davon überzeugt, dass Bushs Zugeständnisse an protektionistische Abgeordnete ein bloßer politischer Kuhhandel zugunsten des Freihandels waren: Die Kompromisse erkauften ihm im Spätsommer 2002 die so genannte Fast Track- Vollmacht im Kongress. Bush kann jetzt in vielen Handelsfragen eigenmächtiger mit anderen Ländern verhandeln. Und die wirtschaftspolitischen Berater des Präsidenten glauben aufrichtig daran, dass freier Welthandel – und psychologisch bedeutsame Verhandlungserfolge in der WTO und in regionalen Handelsbündnissen – mittel- und langfristig die lahmende Weltkonjunktur stützen können.

Vor allem aber rechnet sich das Team um Bush aus, dass eine offenere Handelspolitik auf internationalem Parkett wichtige Pluspunkte bringen könnte. "Diese Administration glaubt wirklich an den Freihandel", sagt Claude Barfield, Handelsexperte beim unternehmernahen Washingtoner American Enterprise Institute (AEI), "aber sie sieht ihn auch klar als Teil ihrer allgemeinen Sicherheitspolitik." So bezeichnet Handelsrepräsentant Zoellick seine neu erworbene Vorreiterrolle in der WTO ganz offen als Goodwill-Werbung für Amerika – und treibt in aller Welt bilaterale Handelsverträge selbst dann voran, wenn amerikanische Handelsinteressen nur zweitrangig erscheinen.

Gerade kam ein solcher Vertrag mit Chile zustande, der eine Art Grundstein für die lange erträumte panamerikanische Freihandelszone FTAA bilden könnte. Ähnliche Verhandlungen laufen in Australien, in Mittelamerika und Südafrika, auch Verträge mit Marokko und Singapur stehen kurz vor dem Abschluss – und das, obwohl zum Beispiel Singapur für amerikanische Firmen ohnehin schon fast offen ist. Der Zugang zu amerikanischen Märkten als Lock- und Druckmittel der Außenpolitik war auch schon Bushs Vorgänger Bill Clinton vertraut, wenn auch unter politisch völlig anderen Vorzeichen. Unter dem Druck der amerikanischen Gewerkschaften und Umweltverbände ließ der damalige Präsident straffe Umwelt- und Sozialstandards nach amerikanischen Vorstellungen in bilaterale Handelsverträge hineinschreiben.

Natürlich sind die neuen "radikalen" Vorschläge der Amerikaner in den aktuellen WTO-Verhandlungen nicht als selbstlose Opfer gedacht. Weg mit Exportsubventionen und den meisten Zöllen auf Agrarprodukte? Ein Traum für Freihändler und viele Staaten in der Dritten Welt, die gern mehr Agrarprodukte in reiche Länder exportieren würden. Doch der Vorschlag scheint eher geeignet, den EU-Handelskommissar Pascal Lamy in die Zwickmühle zu treiben: Schließlich sind die europäischen Agrarsubventionen höher als die amerikanischen und ein politisch viel zu heißes Eisen. Abschaffung aller Zölle auf Industrieprodukte? Die Anpassungseffekte wären in der Dritten Welt zunächst viel größer, würden dort Arbeitsplätze und ganze Branchen zerstören. Sogar der thailändische WTO-Generaldirektor Supachai Panitchpakdi warnte da – ganz rollenuntypisch – vor zu viel freiem Handel. Zumal sich die Zölle und nichttarifären Handelshemmnisse der reichen Staaten – etwa technische Vorschriften – immer noch besonders stark gegen die wichtigsten Exportprodukte der armen Länder richten.

Das Schachspiel der WTO-Handelsdiplomaten geht also erst mal weiter – nur mit dem Unterschied, dass die Bush-Administration diesmal ein paar Regeln geändert hat. Handelsrepräsentant Zoellick redet in diesen Tagen viel davon, das Welthandelssystem mithilfe von "Wettbewerb" voranzutreiben – und zeigt daher viel Eifer beim Abschluss bilateraler Handelsverträge in aller Welt und beim Versuch, zu regionalen Kontrakten zu kommen. "Bei diesen Verhandlungen stehen ganze Armeen von Lobbyisten hinter den amerikanischen Handelsdiplomaten", sagt Razeen Sally von der London School of Economics. "Die Machtverhältnisse sind dabei ziemlich eindeutig – bei bilateralen Verträgen kommen deutlich mehr US-spezifische Forderungen durch als bei multilateralen Verhandlungen in der WTO." Zum Beispiel Forderungen nach einem besseren Zugang amerikanischer Finanzunternehmen auf fremden Märkten. Nach der Zulassung genetisch veränderter Nahrungsmittel. Oder der Sicherung amerikanischer Marken und Patente. Singapur, das in den vergangenen Monaten einen solchen Vertrag mit den USA aushandelte, erklärt neuerdings das Raubkopieren von Musik und Filmen zum Strafdelikt.

Immer mehr Beobachter halten die neue amerikanische Politik für den besten Weg, die schwerfällige WTO und ihre weltweiten Verhandlungen wieder in Gang zu bringen. "Internationale Organisationen brauchen Führer, die sie zur Arbeit treiben", schrieb Handelsrepräsentant Zoellick Anfang Dezember im britischen Economist. Sprich: Wenn die WTO nicht vorankommt, drohen eben weniger faire bilaterale Verträge mit den Amerikanern – und später können diese sogar als Vertragsvorlage für weltweite Verträge dienen.