Immer heller sirrt der Testton aus der schuhkartongroßen Box. Einen halben Meter davor ist ein Mikrofon aufgestellt, verbunden mit einem Messcomputer. Auf dem Bildschirm erscheint eine gezackte Linie. Günther Nuberts Stirn ist plötzlich so faltig wie der gerade gemessene Frequenzgang. Eigentlich sollte die Linie möglichst wenig Ausschläge nach oben und unten haben.

Missmutig lötet der Boxenbauer ein neues Bauteil in die elektronische Weiche ein. Nächster Versuch. Schon besser. Diesmal hat die Linie ihren Namen fast verdient. Auch Nuberts Stirn präsentiert sich wieder glatter. "Boxenbauen läuft immer nach dem Verfahren Trial and Error", sagt er, ohne aufzublicken, und lötet weiter. Große Worte sind nicht Günther Nuberts Sache, zumindest nicht im Soundlabor. Der Schwabe ist Entwickler mit Haut und Haaren. Bei der Arbeit lässt er sich nur ungern stören.

Hi-Fi-Entwicklung heißt für Nubert, sich einem Ideal anzunähern. Und das ist erreicht, wenn niemand mehr unterscheiden kann, ob sich hinter einem Vorhang ein Sinfonieorchester oder nur ein kleines Paar Lautsprecher verbirgt. Nach Ansicht von Experten kommt der 53-Jährige seinem Ziel erstaunlich nahe. Bei 21 Vergleichstests von Fachpresse und Stiftung Warentest hat der kleine Mittelständler aus Schwäbisch Gmünd die gesamte internationale Konkurrenz auf die hinteren Plätze verwiesen, und das oft mit gehörigem Abstand. 14-mal wählten in den vergangenen Jahren Leser von Fachzeitschriften Nubert-Boxen zum besten Produkt ihrer Kategorie. Und über 70-mal präsentierten Magazine die süddeutschen Lautsprecher als "Highlight", "Kauftipp", "Gerät des Jahres" oder ähnlich. Selbst die nüchterne Frankfurter Allgemeine Zeitung kam nach dem Probehören zu dem Ergebnis: "Ein Griff ins Nubert-Programm kann eine Entscheidung sein, für die man sich noch jahrelang auf die Schulter klopft."

Den Testsiegen folgten Geschäftszahlen, die auch von wirtschaftlichem Erfolg zeugen. 1996 vermarktete die Firma Nubert ihre Boxen erstmals bundesweit und startete mit einem Jahresumsatz von 300000 Euro. Bis 2001 konnte der Umsatz jährlich im Schnitt um 40 Prozent gesteigert werden – bei insgesamt rückläufigen Zahlen im Hi-Fi-Markt. 2002, Horrorjahr für den Einzelhandel, erwartet die Nubert Speaker Factory ein Umsatzplus von über 30 Prozent auf dann 5,3 Millionen Euro. Inzwischen hat die Firma in Produktion, Entwicklung und Vertrieb 18 Mitarbeiter unter Vertrag. Ein Großteil der 15000 Boxen, die Nubert jährlich zu Preisen zwischen 127 und 965 Euro vertreibt, wird zudem von zwei Vertragsfirmen in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen gebaut. Knapp zehn Prozent der Ware gehen ins Ausland.

"Wir wollen gute Produkte zu fairen Preisen anbieten. So einfach ist das. Von diesem ganzen Management-Tschaka-Tschaka der letzten Jahre halten wir nichts." Roland Spiegler hat diesen Satz schon oft gesagt. Auch diesmal winkt er dabei mit einer Mappe mit den Testsiegen. Seit zwei Jahrzehnten ist der gelernte Bauingenieur und Hi-Fi-Freund für den kaufmännischen Part bei Nubert zuständig. Sein Gestus ist an Bodenständigkeit kaum zu überbieten – seine Hartnäckigkeit ebenfalls. Unermüdlich erklärt er das Geschäftsmodell der "Speaker Factory". Nubert-Kunden können die Lautsprecher nur in den firmeneigenen Läden in Schwäbisch Gmünd und Aalen oder per Telefon und Internet im Direktvertrieb kaufen. "Damit sparen wir die Händlerspanne. Die steckt der Günther dann wieder in die Qualität", erklärt Spiegler. Auch diesem Satz ist anzumerken, dass er schon oft gesagt wurde. Von Rabatt-Aktionen im Stil der roten und gelben Elektromärkte hält Spiegler nichts. Preisnachlässe würden von vornherein einkalkuliert, und das sei Betrug an den Kunden, die das Produkt zum regulären Preis kaufen. Keine Tricks, lautet die Nubert-Devise. Veritable Lobeshymnen im Kundenforum auf der Firmen-Web-Seite lassen auf ein positives Echo schließen.

Dabei wäre die Firma um ein Haar nie gegründet worden – zumindest nicht in Deutschland. Anfang der siebziger Jahre machte Nubert als Student der Elektrotechnik mit Innovationen bei der Rauschunterdrückung von Vorverstärkern auf sich aufmerksam. Schließlich brach er zu einer Informationsreise nach Nordkalifornien auf – schon damals der Nabel des elektronischen Fortschritts. Dort überschütteten amerikanische Firmen den talentierten Studenten aus Stuttgart mit Jobangeboten. Doch Eigenbrötler Nubert konnte sich nicht vorstellen, als Angestellter für Leute zu arbeiten, die auf ihn wie "gut gelaunte 14-Jährige" wirkten. Er wollte sein "eigenes Ding drehen", ging zurück nach Gmünd und gründete nach der Zwischenprüfung seine eigene Firma. Wenig später schmiss er sein Studium und baute rund 100 Stunden pro Woche für Hi-Fi-Freaks der Region Boxen nach Maß.

Einer seiner ersten Kunden war Roland Spiegler, den die Qualität der Lautsprechern so überzeugte, dass er sie in Kommission nahm und über Zettelaushänge an der Uni weiterverkaufte. Schnell entwickelten sich Nubert-Boxen zum Geheimtipp unter Musikern in Baden-Württemberg. Jazzpianist Wolfgang Dauner und Klaus Doldinger, Komponist des Soundtracks von Das Boot, bezogen hinfort ihre Studiolautsprecher von Nubert. Auch die Tontechniker des Südwestfunks zählten zu seinen Stammkunden.

Der Hi-Fi-Boom der siebziger und achtziger Jahre ließ das Unternehmen wachsen. Während Nubert nächtelang an Lautsprechern für seine Spezialkunden bastelte, baute Spiegler zwei große HiFi-Geschäfte auf, die zu den eigenen Lautsprechern gängige Hi-Fi-Komponenten wie Verstärker und Plattenspieler führten. Das Geschäft lief gut, doch der Aufstieg aus der Regionalliga wollte den Nubert-Boxen lange nicht gelingen. Immer wieder trug Spiegler die Lautsprecher seines Kompagnons zu Fachzeitschriften und bettelte, diese beim nächsten Test mit ins Rennen zu schicken. Die Antwort war stets die gleiche: Kein Test ohne bundesweiten Vertrieb. Ein bisschen ging es den Schwaben wie dem legendären Hauptmann von Köpenick. Denn die Händler wollten wiederum ohne positive Prüfberichte in der Fachpresse die Boxen nicht ins Programm nehmen.