Es ist nur ein Sommer gewesen. Drei Monate, die ihr weiteres Leben bestimmen sollten. Am 9. Juni 1772 lernt die 19-jährige Charlotte Buff aus Wetzlar einen jungen Mann kennen, vier Jahre älter als sie; am 11. September verschwindet er ohne Abschied. Zwei Jahre danach erscheint ein Buch, ein Roman über jenen Sommer des Jahres 72, Die Leiden des jungen Werthers . Der junge Mann hat ihn verfasst: Johann Wolfgang Goethe, ein Jurist aus Frankfurt. Doch wenn es später ausgerechnet er ist, der Dichter, der darüber klagt, dass die "persönlichen Forschungen" über den Werther ihn "durchs ganze Leben" begleiten, wenn er leidet, als Madame de Staël bei ihrem Besuch 1804 in Weimar ihn nur als den Verfasser dieses Jugendwerkes kennt, und Napoleon bei seiner Begegnung mit ihm 1808 in Erfurt ein völlig zerlesenes Exemplar eben des Werther aus der Tasche zieht – wie sollen dann erst Charlotte und ihr Ehemann Johann Christian Kestner mit ihrem fragwürdigen Ruhm als Romanfiguren umgehen?

Noch 1816, am 9. Oktober, stichelt des Dichters Seelenfreundin Charlotte von Stein in einem Brief an ihren Sohn Fritz: "Goethe ist auch leidend, am Arm. […] Kürzlich hat ihn auch die Lotte aus Werthers Leiden besucht, Madame Kestner aus Hannover. Sie war auch schon ein paarmal […] bei mir. Sie ist von angenehmer Unterhaltung, aber freilich würde sich kein Werther mehr um sie erschießen."

Frau von Steins Freundin Charlotte von Schiller, des Dramatikers Witwe, zeigt sich zunächst gnädiger, lobt Charlottes Schönheit, ist angetan von ihrer intelligenten Unterhaltung, aber auch sie muss festzustellen: "Leider wackelt der Kopf, und man sieht, wie vergänglich die Dinge der Erde sind." Eifersüchtige Sottisen gegen eine Frau, die wie keine andere aus Goethes Leben in seinem Werk Gestalt geworden ist.

Wäre sie mit Goethe glücklicher?

Auf einem Ball in Volpertshausen, einem Dorf in der Nähe von Wetzlar, lernen sie sich kennen. Der junge Jurist und Dichter ist offiziell für einige Monate, von Mai bis September, Praktikant am Reichskammergericht, an der obersten zivilen Gerichtsbehörde des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Er soll jedoch das Gerichtsgebäude nur einmal betreten haben, um sich dort zu melden und einzuschreiben. Danach hat er Zeit, viel Zeit, die er für die Lektüre griechischer und römischer Klassiker nutzen will – und für Vergnügungen.

Als er der jungen, schönen Charlotte Buff begegnet, die nach dem Tod ihrer Mutter (1770) in vorbildlicher Weise für zehn jüngere Geschwister sorgt, weiß er nicht, dass sie seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr Johann Christian Kestner versprochen ist.

Der Bräutigam ist zwölf Jahre älter als die Braut und arbeitet sehr fleißig, von seinen Vorgesetzen hoch geschätzt, als Legationssekretär, das heißt eigentlich als Kontrolleur am Reichskammergericht. Eine ächzende Institution. Die zuständigen Richter sind überlastet, Prozesse schleppen sich über Jahre und Jahrzehnte dahin, oft ist Bestechung im Spiel. Also gibt es regelmäßige so genannte Visitationen. Von 1767 an vertritt Kestner in Wetzlar die Interessen Hannovers. Im Hause Buff – der Vater Charlottes verwaltet die Liegenschaften des Deutschen Ordens – geht Kestner bald täglich ein und aus. Und noch die Mutter bittet er um die Hand Charlottes. Sollte er jemals Zweifel gehabt haben, das Verhalten des jungen Mädchens im Umgang mit den verwaisten Geschwistern, ihre Umsicht, Tüchtigkeit und nüchterne Natur machen ihn sicher, in Charlotte die richtige Ehefrau und Mutter seiner zukünftigen Kinder gefunden zu haben. "Mein Mädchen ist mir von Jahren zu Jahren immer werter geworden", schreibt er an seinen besten Freund August von Hennings. "Auf sie fiel das Los, ihrer Mutter Stelle bei den Geschwistern zu ersetzen…"

Er ist sich, auf seine bedächtige Art, ganz sicher: Sie selbst "fühlte ihre Bestimmung so sehr, dass sie das Amt von dem ersten Augenblick an übernahm und mit einer solchen Zuverlässigkeit führte, als wenn" – und hier spricht der Jurist – "eine förmliche Übertragung, bei ihr aber ein überlegter Entschluß vorausgegangen und sie dazu von jeher bestimmt sei. An sie wandte sich alles, auf ihr Wort geschah alles, und jedes folgte ihrer Anordnung, ja ihrem Wink; und was das Vornehmste war, es schien, als wenn die Weisheit ihrer Mutter ihr zum Erbteil geworden wäre."