starke frau
Nur ein einziger Kuss
Sie war Werthers Lotte, sie war Goethes Idol. Vor allem aber war sie eine souveräne Frau – „stark wie ein Baum“: Charlotte Buff, geboren am 11. Januar 1753 in Wetzlar
Es ist nur ein Sommer gewesen. Drei Monate, die ihr weiteres Leben bestimmen sollten. Am 9. Juni 1772 lernt die 19-jährige Charlotte Buff aus Wetzlar einen jungen Mann kennen, vier Jahre älter als sie; am 11. September verschwindet er ohne Abschied. Zwei Jahre danach erscheint ein Buch, ein Roman über jenen Sommer des Jahres 72, . Der junge Mann hat ihn verfasst: Johann Wolfgang Goethe, ein Jurist aus Frankfurt. Doch wenn es später ausgerechnet er ist, der Dichter, der darüber klagt, dass die „persönlichen Forschungen“ über den ihn „durchs ganze Leben“ begleiten, wenn er leidet, als Madame de Staël bei ihrem Besuch 1804 in Weimar ihn nur als den Verfasser dieses Jugendwerkes kennt, und Napoleon bei seiner Begegnung mit ihm 1808 in Erfurt ein völlig zerlesenes Exemplar eben des aus der Tasche zieht – wie sollen dann erst Charlotte und ihr Ehemann Johann Christian Kestner mit ihrem fragwürdigen Ruhm als Romanfiguren umgehen?
Noch 1816, am 9. Oktober, stichelt des Dichters Seelenfreundin Charlotte von Stein in einem Brief an ihren Sohn Fritz: „Goethe ist auch leidend, am Arm. […] Kürzlich hat ihn auch die Lotte aus Werthers Leiden besucht, Madame Kestner aus Hannover. Sie war auch schon ein paarmal […] bei mir. Sie ist von angenehmer Unterhaltung, aber freilich würde sich kein Werther mehr um sie erschießen.“
Frau von Steins Freundin Charlotte von Schiller, des Dramatikers Witwe, zeigt sich zunächst gnädiger, lobt Charlottes Schönheit, ist angetan von ihrer intelligenten Unterhaltung, aber auch sie muss festzustellen: „Leider wackelt der Kopf, und man sieht, wie vergänglich die Dinge der Erde sind.“ Eifersüchtige Sottisen gegen eine Frau, die wie keine andere aus Goethes Leben in seinem Werk Gestalt geworden ist.
Wäre sie mit Goethe glücklicher?
Auf einem Ball in Volpertshausen, einem Dorf in der Nähe von Wetzlar, lernen sie sich kennen. Der junge Jurist und Dichter ist offiziell für einige Monate, von Mai bis September, Praktikant am Reichskammergericht, an der obersten zivilen Gerichtsbehörde des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Er soll jedoch das Gerichtsgebäude nur einmal betreten haben, um sich dort zu melden und einzuschreiben. Danach hat er Zeit, viel Zeit, die er für die Lektüre griechischer und römischer Klassiker nutzen will – und für Vergnügungen.
Als er der jungen, schönen Charlotte Buff begegnet, die nach dem Tod ihrer Mutter (1770) in vorbildlicher Weise für zehn jüngere Geschwister sorgt, weiß er nicht, dass sie seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr Johann Christian Kestner versprochen ist.
Der Bräutigam ist zwölf Jahre älter als die Braut und arbeitet sehr fleißig, von seinen Vorgesetzen hoch geschätzt, als Legationssekretär, das heißt eigentlich als Kontrolleur am Reichskammergericht. Eine ächzende Institution. Die zuständigen Richter sind überlastet, Prozesse schleppen sich über Jahre und Jahrzehnte dahin, oft ist Bestechung im Spiel. Also gibt es regelmäßige so genannte Visitationen. Von 1767 an vertritt Kestner in Wetzlar die Interessen Hannovers. Im Hause Buff – der Vater Charlottes verwaltet die Liegenschaften des Deutschen Ordens – geht Kestner bald täglich ein und aus. Und noch die Mutter bittet er um die Hand Charlottes. Sollte er jemals Zweifel gehabt haben, das Verhalten des jungen Mädchens im Umgang mit den verwaisten Geschwistern, ihre Umsicht, Tüchtigkeit und nüchterne Natur machen ihn sicher, in Charlotte die richtige Ehefrau und Mutter seiner zukünftigen Kinder gefunden zu haben. „Mein Mädchen ist mir von Jahren zu Jahren immer werter geworden“, schreibt er an seinen besten Freund August von Hennings. „Auf sie fiel das Los, ihrer Mutter Stelle bei den Geschwistern zu ersetzen…“
Er ist sich, auf seine bedächtige Art, ganz sicher: Sie selbst „fühlte ihre Bestimmung so sehr, dass sie das Amt von dem ersten Augenblick an übernahm und mit einer solchen Zuverlässigkeit führte, als wenn“ – und hier spricht der Jurist – „eine förmliche Übertragung, bei ihr aber ein überlegter Entschluß vorausgegangen und sie dazu von jeher bestimmt sei. An sie wandte sich alles, auf ihr Wort geschah alles, und jedes folgte ihrer Anordnung, ja ihrem Wink; und was das Vornehmste war, es schien, als wenn die Weisheit ihrer Mutter ihr zum Erbteil geworden wäre.“
Auch Goethe zeigt sich entzückt von Charlottes häuslichen Tugenden. In der Schlüsselszene des Werther hat er sie verewigt. „Da ich in die Tür trat“, schreibt Werther, als er Lotte das erste Mal begegnet, „fiel mir das reizendste Schauspiel in die Augen, das ich je gesehen habe. In dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von eilf zu zwei Jahren um ein Mädchen von schöner Gestalt, mittlerer Größe, die ein simples weißes Kleid, mit blaßroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte. Sie hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein Stück nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab’s jedem mit solcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt: Danke! indem es die kleinen Händchen lange in die Höhe gereicht hatte, ehe es noch abgeschnitten war, und nun mit seinem Abendbrote vergnügt, entweder wegsprang oder nach seinem stilleren Charakter gelassen davonging nach dem Hoftore zu, um die Fremden und die Kutsche zu sehen, darin ihre Lotte wegfahren sollte.“ Bald ist der Dichter täglicher Gast, geht mit Charlotte spazieren, spielt mit den Kindern, schneidet Bohnen, pult Erbsen – ein Idyll.
Doch – „Doch wer ist Albert? sagte ich zu Lotten, wenn’s nicht Vermessenheit ist zu fragen“ – doch der besonnene, wenig empfindsame Kestner hegt bald eifersüchtige Gedanken. „Nachher und wie ich meine Arbeit getan,“ notiert er in sein Tagebuch, „geh’ ich zu meinem Mädchen, ich finde den Dr.Goethe da. […] ob ich ihm gleich recht gut bin, so sehe ich doch auch nicht gern, daß er bei meinem Mädchen allein bleiben und sie unterhalten soll.“
Die Zerstreuung, die Goethe ihr bietet, scheint der jungen Frau behagt zu haben, sonst hätte sie ihn nicht täglich empfangen. Aus dieser Zeit besitzen wir leider keine Selbstzeugnisse Charlotte Buffs. Aber Goethe verliebt sich, gefällt sich in der Pose des Leidenden, und dann kommt es zu jenem einzigen Kuss – einem Kuss, den Charlotte ihrem Verlobten natürlich sofort beichtet. Kestner schwankt sogar kurz, ob sie nicht vielleicht mit Goethe glücklicher werden könne. „Denn was ist Zuneigung, was ist Liebe aus Pflicht?“
Aber seine Braut muss nicht überlegen, am nächsten Tag wird Goethe kühl behandelt und in seine Schranken gewiesen. Charlottes Lieblingssohn August schreibt später über seine Mutter: „Geschaffen für die Wirklichkeit des Lebens, und zwar dessen heiterste Seite, war durchaus kein sentimentales Element in ihrem Charakter, und wo die Lotte im Werther mit romanhaften Ideen beschäftigt, wo sie gar tändelnd dargestellt wird, waren die Züge nicht aus ihrem Leben genommen.“
Am 11. September 1772 verlässt Goethe Wetzlar ohne Abschied, am 4. April 1773 heiraten Charlotte Buff und Johann Christian Kestner, eine Woche früher, als sie dem Dichter mitgeteilt haben. Da Goethe schon selbstquälerisch darauf bestanden hat, die Trauringe zu kaufen, ist ihm auch zuzutrauen, dass er zur Hochzeit anreist.
Auch Charlotte verlässt Wetzlar, das junge Paar geht nach Hannover. Goethe korrespondiert weiter mit ihnen, hauptsächlich schreibt er an Johann Christian; sie wird keine Zeit gehabt haben, denn bald beziehen die Kestners in Hannover ein eigenes Haus, und Charlotte wird Mutter. Es bleibt nicht bei einem Kind, am Ende sind es zwölf. Beim ersten, Georg, ist selbstverständlich Goethe einer der Paten.
Zwischen den Kestners und dem Dichter besteht eine freundliche Verbindung, auf Distanz. Dann, im Herbst 1774, erscheint das Buch, der Werther . Der Roman erreicht das Ehepaar zusammen mit einem Brief Goethes an Charlotte: „Ich wünschte, jedes läs’ es allein vor sich, du allein, Kestner allein, und jedes schrieb mir ein Wörtchen.“
Kestners Karriere bleibt stecken
Die Germanistik mag noch so spitzfindig herausfiltern, wie viel von Goethe und wie viel von Karl Wilhelm Jerusalem in dem Roman steckt (der junge Jurist, ein Kollege Goethes am Reichskammergericht, hatte sich 1772 erschossen), wie viel Anteil Goethes Schwager Johann Georg Schlosser und wie viel Kestner an der Gestalt des Albert haben, wie viel von Maximiliane La Roche in der Lotte spukt – die unmittelbar Betroffenen interessieren sich nicht für die Fiktionalität eines Romans, in dem sie sich abgebildet sehen. Sie empfinden das Werk als Verrat an ihrer Freundschaft. Und trotz vieler beschwichtigender Erklärungsversuche Goethes bleibt das Verhältnis gestört. Zwar hat sich Charlotte später nicht ungern in „Werthers Lotte“ erkannt gesehen – Kestner jedoch wollte auf gar keinen Fall Albert sein.
Indes fordert die Prosa des Lebens ihr Recht, die Kinderschar wächst, und Johann Christian Kestner bleibt auf der Mitte der Karriereleiter stecken. Bei aller Tüchtigkeit, bei allem Wissen ist er doch nicht weltläufig, nicht verbindlich genug; Bekannte nennen ihn recht „grämlich“. Man muss sich einschränken. Charlotte steht souverän einem großen Haushalt vor, erwirbt, als es finanziell möglich ist, ein großes Gartengrundstück, um möglichst autark zu sein. Immerhin leistet man sich dort, vor den Toren Hannovers, ein Sommerhaus, in dem viele fröhliche Feste gefeiert werden.
Die Kestners gehören zu den Honoratioren der Stadt, der königliche Leibarzt Johann Georg Zimmermann, der so ergreifend wie vielbändig über die Einsamkeit geschrieben hat, ist ganz entzückt, vor allem von ihr. Charlotte stellt gewiss den entscheidenden Elternteil für ihre Kinder dar, nicht nur wegen der häufigen Abwesenheit ihres Mannes – er ist oft auf Dienstreisen –, sondern durch ihre unerschütterliche Heiterkeit, ihr festes Gottvertrauen und ihre Fähigkeit, sich jeder Situation anzupassen.
Diese Eigenschaften benötigt sie dringend, als Kestner im Mai 1800, wieder einmal auf einer Dienstreise, stirbt. Der älteste Sohn Georg, der ihn begleitet hat, sorgt für die Bestattung in Lüneburg. „Uns ist“, schreibt er, „eine gute, geliebte Mutter geblieben, die uns selbst hierdurch nicht teurer mehr werden kann, als sie uns immer war, die immer unsere gütige Führerin, unsere Ratgeberin war und noch sein wird, die immer unser einziger Gedanke und deren Glück unser einziges Bestreben und Hoffnung sein wird. Ihnen, beste Mutter, ist eine Reihe von Kindern geblieben, die nur auf Sie blicken dürfen, um Kraft und Mut zur Arbeit und Festigkeit im Unglück zu haben.“
Bei den damaligen Verkehrsverhältnissen ist es für Charlotte nicht möglich, an der Beerdigung ihres Mannes teilzunehmen. Sie ist erst 47, der jüngste Sohn fünf Jahre alt. Die Witwenpension erweist sich als unbedeutend. Aber Charlotte Kestner neigt nicht zum Klagen oder gar zum Resignieren, wieder weiß sie sich in die neue Lage zu schicken und findet Trost an ihren wohlgeratenen Kindern: „Ich kann Gott nicht genug danken für meine guten Kinder, denn das sind sie ohne Ausnahme.“
Enttäuschung über des Dichters Phrasen
Und alle Kinder sind erfolgreich: Georg und Wilhelm machen in der Justizverwaltung Karriere, Carl und Eduard als Chemiefabrikanten im Elsaß, wo die Mutter sie immer wieder besucht. Theodor wird Medizinprofessor. Er möchte sich in Frankfurt etablieren. Also schreibt Charlotte an Frankfurts bekanntesten Sohn nach Weimar. Sanft den unvergessenen Wetzlarer Sommer ‘72 beschwörend, „den Weg, den wir so oft gegangen an der Lahn“, bittet sie Goethe um Protektion für ihren Sohn, die der Geheime Rat, gewiss nicht ungerührt, denn auch gewährt. Die jüngsten Söhne Hermann und Friedrich reüssieren als Gutsbesitzer und als Kaufmann. Die beiden überlebenden Töchter Charlotte und Clara bleiben ledig.
Und da ist noch August, geboren 1777, sicherlich der Interessanteste der Söhne Charlottes, ihr Liebling. Er verwaltet für sie lange den Haushalt in Hannover während der französischen Besatzung von 1803 an, als sie mit den jüngsten Kindern nach Wetzlar ausweicht. Und er muntert sie auf, indem er sie sanft tadelt, als sie wegen der unsicheren Zeiten auch einmal verzagt ist: „Ich weiß gar nicht, warum Sie denn an den dortigen Vergnügungen keinen rechen Teil nehmen, warum Sie sich denn so sehr beunruhigen […] hat man nicht Freunde die Menge und Geschwister und Kinder und wer weiß was noch mehr.“
August Kestner, von zarter Konstitution, von Jugend an kränklich, interessiert sich für Malerei, Bildhauerei, Literatur. Er hätte sich gern in Heidelberg in Kunstgeschichte habilitiert, er wäre auch gern länger in Italien geblieben, womöglich als Sprachlehrer. Doch mehr als ein zweites Halbjahr erlauben die Mutter und der Familienvorstand Georg ihm nicht im Süden, und auch das nur zur Stärkung seiner zarten Gesundheit. August fügt sich ungern, aber als es ihm gelingt, 1817 als hannoverscher Gesandtschaftssekretär nach Rom zu gehen, setzt er sich durch und widerspricht allen Vorwürfen seiner Schwester Charlotte, das dürfe er doch der Mutter nicht antun. Er macht sich in Rom einen Namen als bedeutender Sammler von Kunst und Autografen. Sein Haus wird zur Adresse für alle deutschen Rom-Reisenden. So lernt er auch Goethes Sohn August kennen, der allerdings schon 1830, 41-jährig, in Rom stirbt. Und es mag einem fast schicksalhaft vorkommen, dass Charlotte Kestners Sohn es ist, der dem Dichter die Todesnachricht brieflich nach Weimar übermittelt und für die Beerdigung August von Goethes sorgt.
Wie August Kestner, so ist auch seine Mutter immer begeistert gereist, trotz aller Strapazen fühlt sie sich dadurch belebt: „Meiner Gesundheit tut immer eine Reise wohl.“ Ihre spektakulärste Unternehmung bleibt – für die Nachwelt – natürlich ihr Besuch im September/Oktober 1816 bei ihrer Schwester Amalie, die in Weimar verheiratet ist. In ihrer Begleitung befindet sich ihre jüngste Tochter Clara. Goethe, der erst im Juni des Jahres seine Frau Christiane verloren hat, mag das Auftauchen einer Person aus längst vergangenen Tagen nicht besonders angenehm gewesen sein. Aber selbstverständlich lädt er zum Diner, bietet seine Loge an, ist verbindlich. Wie das späte Wiedersehen vielleicht abgelaufen sein könnte, lässt sich in Thomas Manns Roman Lotte in Weimar von 1939, ironisch gebrochen, nachlesen.
Clara Kestner jedenfalls ist enttäuscht von dem steifen Geheimrat und seinen phrasenhaften Maximen und Reflexionen, die alle Welt für Lebensweisheit hält. Charlotte hat nicht so hohe Erwartungen, ist deshalb ganz zufrieden. „Nur soviel“, urteilt sie völlig unsentimental, „ich habe eine neue Bekanntschaft von einem alten Mann gemacht, welcher, wenn ich nicht wüsste, daß er Goethe wäre, und auch dennoch, hat er keinen angenehmen Eindruck auf mich gemacht.“
Die letzten Lebensjahre verbringt Charlotte zufrieden im Kreis ihrer Kinder, Schwiegertöchter und Enkel. Ihre Tochter Charlotte schreibt an den Bruder August über einen Aufenthalt der Mutter bei den Brüdern im Elsaß 1824: „Carl kann nicht genug rühmen, wie unsere treffliche Mutter sich angenehm und nützlich macht. Sie ist stark wie ein Baum und führt den Haushalt mit einer Leichtigkeit wie ein 20-jähriges Mädchen. Dazu schreibt sie mir noch schöne Briefe.“
Als Charlotte Kestner am 16. Januar 1828 in Hannover stirbt, verliert die große Familie ihren Mittelpunkt. Es ist, als habe sie – jetzt wieder Werthers Lotte, das Brot noch in der Hand, nachdem sie dem letzten der Kinder seine Scheibe gegeben – das Zimmer für immer verlassen.
Die Autorin ist Literaturwissenschaftlerin und lebt in Bonn
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- Quelle (c) DIE ZEIT 03/2003
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