Porträt
„Versöhnung ist nicht mein Wort“
Ihr Vater wurde unter Pinochet ermordet: Verteidigungsministerin Michelle Bachelet, eine Symbolfigur für Chiles Weg zur „Wiederbegegnung“
Nachrichten aus Lateinamerika sind zunehmend Krisenberichte: Chaos in Venezuela, blutiger Konflikt in Kolumbien, ökonomisches Debakel in Argentinien. Aus diesem Szenario ragt nur die Andenrepublik Chile als stabiler Faktor heraus. Das Land, das noch lange mit dem Namen des Putschgenerals und Diktators Augusto Pinochet verbunden bleiben wird, hat sich wirtschaftlich stabilisiert und normalisiert sich politisch.
Woran könnte man das deutlicher sehen als daran, dass das Verteidigungsressort seit genau einem Jahr von einer Frau geführt wird, Michelle Bachelet, die obendrein auch noch eine engagierte Sozialistin ist? Erstmals seit dem Putsch des 11. September 1973 unterstehen Chiles Streitkräfte damit einem Mitglied der Partei des damals gestürzten und ermordeten Präsidenten Salvador Allende. Und alle tun so, als sei das völlig normal. Doch in Wahrheit ist es immer noch eine Sensation.
Schade nur, sagt Michelle Bachelet, dass die Europäer das nicht so richtig zur Kenntnis nehmen. Warum, fragt sie, beurteilen sie Chiles Normalisierungs- und Demokratisierungsprozess immer noch so zurückhaltend? Sie hielten sich zu sehr an äußere Merkmale und machten es sich damit zu leicht, klagt die Ministerin.
Sie übersehen so die wirklichen Fortschritte. Es geht zu langsam voran? Die Generäle hätten immer noch zu viel Macht und zu viele Sonderrechte? In der Verfassung finde sich noch zu viel vom autoritären Staatsverständnis Pinochets? Mag sein. Schließlich betont nicht zuletzt der reformsozialistische Präsident des Landes, Ricardo Lagos, immer wieder die Notwendigkeit einer Verfassungsreform. Aber Rechtsfragen allein sind nicht die entscheidenden Kriterien, sagt Señora Bachelet. Gerade sie mit ihrer Biografie hat jedes Recht zu diesem Einwand.
Favoritin des Präsidenten
Die Berufung der 50-jährigen Ärztin, die bis dahin Präsident Lagos’ Gesundheitsministerin war, zur Verteidigungsministerin Chiles kam unerwartet. Pinochets Erben mussten das erst einmal verdauen. Nicht nur, weil die Ministerin eine „Linke“ war: Die neue Chefin trägt einen Namen, der in der chilenischen Öffentlichkeit und besonders in den Streitkräften einen besonderen Klang hat. Denn Michelle Bachelet ist die Tochter des legendären Luftwaffengenerals Alberto Bachelet, der während des Putsches loyal zu Salvador Allende stand. Bis er von den Putschisten verhaftet und in den Monaten danach zu Tode gefoltert wurde. Die Berufung der Tochter dieses Mannes an die Spitze der Organisation, die für seinen Tod verantwortlich war, ist also fürwahr keine Personalie wie jede andere. Präsident Lagos hatte damit einen großen Schritt auf dem Weg zurück zu einer demokratischen chilenischen Gesellschaft gewagt, mit vollem Risiko, aber auch voller Vertrauen.
So wächst Michelle Bachelet in eine Art Sonderrolle hinein. Ihr Ansehen ist in der einjährigen Amtszeit weiter gestiegen, neueste Umfragen bescheinigen ihr die höchste Popularität innerhalb des Kabinetts. Sie weiß, dass sie nicht nur Ressortchefin ist, sondern eine Bedeutung gewinnt, die über das Amt hinausreicht. Ist sie eine „Symbolfigur“? Sie wehrt Übertreibungen ab, aber sie tut es mit ruhigem Selbstbewusstsein. Die Selbstverständlichkeit, mit der ihre Amtsführung heute von der Öffentlichkeit wie von den Militärs akzeptiert wird, hat natürlich symbolischen Charakter, das lässt sie schon gelten – „symbolisch für die Veränderung, die in Chile stattgefunden hat“. Dass die Militärs mit ihr, der linken Tochter eines ermordeten Generals, ohne sichtbare Vorbehalte zusammenarbeiten: „Wer hätte das vor zwei Jahren für möglich gehalten?“ Wenn das kein Zeichen für Fortschritt ist.
Schon in ihrer zweijährigen Amtszeit als Gesundheitsministerin war Michelle Bachelet eine zentrale politische Figur in Chile: reformfreudig und durchsetzungsstark. Heute ist sie einer der zentralen Fixpunkte im Koalitionskabinett des Präsidenten, neben dem Finanzminister und der (christdemokratischen) Außenministerin. Das kommt nicht von ungefähr. Ricardo Lagos, so berichten Kenner der politischen Hintergründe des Landes, habe mit ihr viel vor. Sie sei die Favoritin des Präsidenten für seine Nachfolge. Lagos wolle, dass sie die gemeinsame Kandidatin des Regierungsbündnisses Concertatión aus Sozialisten, Sozialdemokraten und Christdemokraten werde, und baue sie behutsam auf für diese Aufgabe. Die Entscheidung wird später in diesem Jahr fallen – voraussichtlich zwischen ihr und der christdemokratischen Außenministerin María Soledad Alvear –, die Wahl selbst steht in zwei Jahren an.
Ist auch dies ein Symbol? Steht diese prominente Rolle auch für Versöhnung in einer Gesellschaft, in der die Erinnerung an die Zeit der Gewaltherrschaft von Militär, Polizei und Geheimdienst noch hellwach ist? Da zögert die Ministerin. Sie war selbst vor den Mördern ins Exil geflohen, über Australien nach Europa, wo sie in der DDR unterkam und ein paar Jahre gelebt hat; später, nach der Rückkehr in die immer noch von Pinochet regierte Heimat, stellte ihr politisches Engagement wieder ein beträchtliches Risiko für sie dar. Das alles hat sie nicht vergessen. Nein, „Versöhnung ist nicht mein Wort“. Das reicht zu weit, das setzt zu viel voraus, verlangt zu viel Vergessen.
„Schauen Sie, es gibt so viele Familien von ‚Verschwundenen‘, denen das zu früh vorkäme.“ Da müsse noch mehr aufgearbeitet werden. Michelle Bachelet zieht das spanische Wort reencuentro vor. „Wiederbegegnung“ drückt mehr von dem aus, worum es ihr geht: Es enthält die Rückkehr zum politischen Gespräch, das vorsichtige Abtasten. Es bedeutet eine schrittweise Annäherung der einstigen feindlichen Lager aufeinander zu, die Verständigung, Zug um Zug, auf das Notwendige, den sozialen Prozess, in dem die Chilenen sich vorarbeiten zu jener Normalität, in der eines Tages wahre „Versöhnung“ möglich sein könnte.
Zug um Zug: Michelle Bachelet hat einen großen Schritt getan, als sie Anfang 2002 den Vorschlag ihres Präsidenten annahm, vom Gesundheits- ins Verteidigungsressort zu wechseln. Fremd war ihr das neue Sujet nicht. „Ich bin in einer Militärfamilie aufgewachsen.“ Schon früh hat sich Michelle Bachelet für strategische Fragen interessiert.
Ihr Medizinstudium begann sie im ostdeutschen Exil, in Leipzig. Mitte der siebziger Jahre heiratete sie dort einen Landsmann und brachte ihr erstes Kind zur Welt. Geprägt war diese Zeit aber vor allem von dem Wunsch, in die Heimat zurückzukehren; eine Integration fand daher nicht einmal im Ansatz statt.
Frieden gibt es nicht umsonst
Anschließend setzte Michelle Bachelet ihr Medizinstudium in den USA fort. Später belegte sie in Santiago außerdem Kurse in der Akademie des Heeres und frönte dabei ihrem Hobby: Strategie und Sicherheitspolitik. Sie versteht sich denn auch vortrefflich auf den sicherheitspolitischen Fachdiskurs, den sie mit den eigenen Militärs genauso beredt führt wie mit den Sicherheitsexperten der lateinamerikanischen Hemisphäre, mit internationalen Medien, aber auch mit der Linken im eigenen Lande. Der sagt die Strategin kurz und bündig: „Jeder weiß, dass es Frieden nicht umsonst gibt.“ Das Paradies auf Erden existiere nun einmal nicht. Den Nachbarn, die angesichts chilenischer Neuanschaffungen (zehn amerikanische F-16-Kampfflugzeuge) und Ankaufpläne (mehrere Fregatten) Misstrauen signalisierten, erläutert sie unermüdlich ihr Verständnis von „kooperativer Sicherheit“. Die Sorgen, Chile sei dabei, im westlichen Lateinamerika eine einseitige Überlegenheit aufzubauen, sei unbegründet, versichert sie mit Leidenschaft. Chile verfolge mit dieser „Aufrüstung“, die ja nichts anderes sei als die Ersetzung schrottreifen Materials, keinerlei territoriale Ansprüche. „Wir haben keine solchen Ambitionen.“
Die Modernisierung sei nicht zuletzt wegen der zahlreichen UN-Einsätze notwendig, an denen sich die chilenische Armee beteilige. Und die neuen Fregatten – ein Einkauf übrigens, um den sich Deutsche, Briten, Franzosen und andere einen erbitterten Preiskampf liefern – brauche man zur Sicherung der Schifffahrt entlang der schier endlosen Pazifikküste. „Ein Mindestmaß an Abschreckung muss sein!“ Das soll die manchmal nervösen Nachbarn beruhigen und die Linke im eigenen Land überzeugen. Und es soll den Militärs zeigen, dass deren Sorgen bei ihr, der Tochter des Generals, gut aufgehoben sind.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 03/2003
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