Der Carver High School ist eine wundersame Rettung widerfahren. Die meisten in der Far South Side sehen das so. Die Far South Side ist der südlichste Zipfel Chicagos. Brachland, Industrieruinen, Schrottplätze, eine Sozialbausiedlung. Rund um die 131. Straße versuchen nicht einmal Schnapsläden und Pfandleiher ihr Geschäft. Die Autobahn schlägt eine breite Schneise durch das Viertel; als wolle sie diesen trostlosen Flecken abschütteln. Es riecht nach Abgasen und Bitumen. Mittendrin liegt die Schule, ein öder zweistöckiger Kasten, eine Oase im Ghetto, sagen die Leute, ein Ort, an dem Kinder wieder eine Zukunft haben. Wenn man dann skeptisch blickt, sagen die Lehrer: "Sie sollten mit Herrera reden."

Herrera steht frühmorgens in der Turnhalle, breitbeinig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und krächzt: "Rechteckformation. Eine Armlänge Abstand. Augen geradeaus." Herrera ist eine Art Schulsprecherin, nur heißt das hier anders: Bataillonskommandant. Einem Bataillonskommandanten unterstehen 370 Kadetten, eingeteilt in Kompanie "Alpha", "Bravo" und "Charlie". Ein Bataillonskommandant übt mit seinen Untergebenen das Salutieren und Marschieren, meldet der Schulleitung Kadetten, die in der Pause motherfucker sagen, und lässt sie in "großer Formation mit Fahnengarde" antreten, wenn Offiziere der Armee zur Inspektion kommen. "Meine Position hat mich ein paar Freundschaften gekostet", sagt Herrera. "Aber was getan werden muss, muss getan werden." Ihr Hals kratzt. Sie ist heiser. Sie hat in den letzten Wochen zu viel gebrüllt.

Shannon Herrera ist 16 Jahre alt, knapp 1,60 Meter groß, hat Babyspeck an den Hüften und lächelt schüchtern, wenn sie gerade keine Befehle gibt. Sie besucht die 11. Klasse, hat gute Noten, schafft 50 Liegestütze und zeigt nach Auskunft ihrer Ausbilder "Führungsqualitäten". Deswegen wurde sie im vergangenen Frühjahr zum "Oberstleutnant" befördert. Shannon Herrera ist die Tochter mexikanischer Immigranten und hat einen amerikanischen Traum. Sie will zu den Besten der Besten gehören und in die Militärakademie West Point aufgenommen werden. Die Carver High School, sagt sie, sei für sie "ein Segen", ein Sprungbrett.

Das "Wunder von der Far South Side" begann im August 2000, als Shannon Herrera zusammen mit 249 Neuntklässlern am ersten Schultag in die Turnhalle marschierte. Es war der erste Jahrgang in Uniform. Inzwischen sind nur noch die Seniors aus der Abschlussklasse Schüler in Zivil – alle anderen heißen "Kadetten". Aus der Carver High School wurde an jenem Tag die Carver Military Academy, die zweite staatliche Oberschule in Chicago, in die die Armee militärische Hierarchie und Disziplin eingeführt hat. Die dritte hat dieses Jahr ihre Tore geöffnet, drei weitere sind geplant; damit besäße die Metropole im nördlichen Bundesstaat Illinois künftig sechs militärisch ausgerichtete Highschools.

In ihnen wird Mathematik, Geografie und Englisch unterrichtet, dazu Militärgeschichte, Marschieren und Salutieren, außerdem "Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein, Arbeitsethik, Führungsqualitäten". So steht es in der Werbebroschüre des Junior Reserve Officer Training Corps, bekannt unter dem Kürzel JROTC. Das JROTC ist das Jugendcorps des Pentagon. "Wir machen die Kids zu herausragenden Staatsbürgern", sagt Oberstleutnant Douglas Busch. Busch ist eigentlich schon pensioniert, aber er hat in der Far South Side eine neue Mission gefunden: Er führt an der Carver Military Academy das Kommando – zumindest, was die militärische Ausbildung angeht.

Normalerweise interveniert eine Armee im eigenen Land, um zu putschen oder um Aufstände und Naturkatastrophen zu bekämpfen. Nichts deutet in Chicago auf das eine oder andere hin. Auf den ersten Blick hat sich die Stadt vom Niedergang der urbanen Zentren erholt. Heruntergekommene Wohnblocks wurden restauriert; viele der projects, wie die berüchtigten Sozialbausiedlungen hier heißen, wurden abgerissen und durch Appartementhäuser ersetzt. Straßen wurden begrünt. Angehörige der weißen Mittelschicht kehrten aus den suburbs in die City zurück, die Bürgersteige sind auch nachts wieder bevölkert. Doch für viele Armutsviertel hat der Atem der Wiederbelebung nicht gereicht: Chicago ist derzeit Mordhauptstadt der USA, in manchen Stadtteilen liegt die Arbeitslosenrate bei über 30 Prozent. Um wenigstens die Schulen in diesen Nachbarschaften zu reformieren, gaben Kommunalpolitiker vor einigen Jahren die Parole aus: "Send in the Marines" – und alle anderen Waffengattungen gleich dazu. Heute steht Chicago an der Spitze eines nationalen Trends. Das Militär marschiert in die Klassenzimmer: als Sozialarbeiter, Aufseher, Lehrer und Vaterersatz für inner-city kids. Das ist das Synonym für schwarze und hispanische Jugendliche.

7.30 Uhr: In 15 Minuten beginnt der Unterricht. Am Schuleingang der Carver Military Academy stauen sich Kadetten vor den Metalldetektoren. Zwei Polizisten in kugelsicheren Westen durchsuchen Rucksäcke nach Waffen. Von einem Wandgemälde blickt mit gewohnt strengem Gesicht Malcolm X, der Vorkämpfer für die Bürgerrechte der Schwarzen, herab. Dienstag und Mittwoch müssen die Kadetten die Uniform des Heeres tragen: grüne Jacken und Hosen, hellgrünes Hemd, Krawatte, schwarze Lackschuhe, spiegelblank geputzt. "Am besten mit Fensterreiniger", sagt Shannon Herrera. Montag, Donnerstag und Freitag sind schwarze Schuhe, grüne Polohemden mit Logo zu tragen, dazu schwarze Hosen, die mit einem Gürtel über den Hüften festzuhalten sind – nicht, wie auf der Straße üblich, ganz knapp über dem Po. Alles, was als Ausdruck der Gang-Kultur interpretiert werden könnte, ist aus der Schule verbannt: übergroße Hosen, ungeschnürte Basketballschuhe, eng an die Kopfhaut geflochtene Zopfreihen, corn rows genannt.