Land ohne Leute Großeltern im Schrebergarten
Wie Tradition und Sozialismus in China das Altwerden erleichtern
Gaojia/Peking
Wo die Wüste Peking am nächsten kommt, im ausgedörrten Hügelland der nordostchinesischen Provinz Hebei am Rande der mongolischen Steppen, hört auch das größte Volk der Welt auf zu wachsen. Hier, im Kreis Feng Ning, liegt das Dorf Gaojia mit seinen 270 Einwohnern, ebenso vielen Schweinen und ein paar Dutzend Kühen zwischen abgeernteten Maisfeldern, die jetzt im Winter eine dünne Eisschicht bedeckt. Bei Temperaturen um 15 Grad minus erledigen die Dorfbewohner ihre Arbeit mit bloßen Händen. Ein hartes Leben, gerade für die Alten. Umso bemerkenswerter, dass die Menschen hier auf die traditionelle Methode der Alterssicherung, nämlich möglichst viele Kinder zu bekommen, völlig verzichten. Schon seit einigen Jahren steigt die Zahl der Einwohner von Gaojia nicht mehr. Gaojia ist arm, und Handschuhe sind hier ein Luxusgut.
Die Bäuerin Wu Yan hat umgedacht. „Ich wünsche mir, dass meine Tochter in der Stadt eine Chance hat“, sagt die 33-jährige fast zahnlose Frau. Dafür verzichtet Wu auf ein zweites Kind, obwohl Chinas Ein-Kind-Politik Bäuerinnen, die zuerst ein Mädchen gebären, grundsätzlich eine zweite Geburt erlaubt. Wu aber fehlen die Mittel, mehrere Kinder auf das Leben in der Stadt vorzubereiten. Ihr Mann hat bereits das Dorf verlassen, um auf einer Baustelle in der Nähe Pekings das Geld für die Mittelschulgebühren der Tochter zu verdienen. Später wird die Erziehung noch teurer werden. Schon jetzt legt Wu jeden Yuan zur Seite, den sie mit der Arbeit auf dem Feld verdient. Das wird sich eines Tages auch für sie auszahlen, glaubt sie: „Natürlich hoffe ich, dass sich meine Tochter später um mich kümmert.“
In der Grundschule im Nachbarort, zu der die Kinder von Gaojia jeden Morgen drei Kilometer übers Feld laufen, zählen die Klassen heute nicht mehr als 20 Schüler, halb so viele wie noch vor wenigen Jahren. Überall in der Volksrepublik ist dieser Trend zu beobachten. In Peking und Shanghai wurden bereits ganze Schulen geschlossen, um den sinkenden Schülerzahlen gerecht zu werden.
Es handelt sich um eine demografisch einmalige Entwicklung in der Menschheitsgeschichte: Erstmals hat eine große Nation das Stadium einer alternden Bevölkerung erreicht, noch bevor sie sich zu den wirtschaftlich entwickelten Gesellschaften zählen kann. Pünktlich zur Jahrtausendwende vermeldete China einen Bevölkerungsanteil der über 60-Jährigen von 10,2 Prozent und überschritt damit jene 10-Prozent-Marke, die nach UN-Kriterien eine alternde Gesellschaft kennzeichnet.
30 Kinder pro Minute
Wichtigste Ursache dieser Ausnahme ist Chinas Ein-Kind-Politik. Wohl nie zuvor hat ein Land das Wachstum der eigenen Bevölkerung mit so drastischen Mitteln beschnitten wie das China Deng Xiaopings. Deng, der von 1978 bis zu seinem Tod 1997 entscheidenden Einfluss auf die Regierungspolitik nahm, machte ab 1980 mit seinen Ankündigungen ernst: Wer in der Stadt mehr als ein und auf dem Land mehr als zwei Kinder bekam, musste mit harten Strafen rechnen. Im Westen empörte man sich damals über zum Teil systematisch durchgeführte Zwangsabtreibungen. Auch führte die Ein-Kind-Politik in Einzelfällen zum Mord an weiblichen Neugeborenen, weil auf dem Land nach alter Sitte nur ein Junge den Bestand der Familie sichert. Inzwischen kommen in China auf 100 neugeborene Mädchen 177 Jungen; schon suchen Bauern in armen Gegenden verzweifelt nach Bräuten. Doch ohne Dengs rabiate Politik hätte China heute 300 Millionen Menschen mehr. Vor jeder Prüfung und in jeder Menschenschlange beschweren sich die Chinesen, dass es ihrer zu viele gebe. Nun können sie absehen, dass sie einmal weniger werden. Zwar soll ihre Zahl nach den Berechnungen des Instituts für Bevölkerungsforschung der Pekinger Volksuniversität, der führenden demografischen Forschungseinrichtung des Landes, von heute 1,28 Milliarden bis ins Jahr 2050 noch auf 1,6 Milliarden steigen. Aber dann sind die Grenzen des Wachstums erreicht. Heute werden in der Volksrepublik immer noch 30 Kinder pro Minute geboren. Doch im Schnitt bringt jede Frau inzwischen nur noch zwei Kinder zur Welt – 1970 waren es sechs.
Doch je begrüßenswerter die Entwicklung erscheint, desto schwerer fällt es, vor ihren Folgen zu warnen. „In den siebziger Jahren hat mein Institut die Ein-Kind-Politik empfohlen. Heute empfehlen wir mehr Altersvorsorge“, sagt Jiang Xiangqun, Demografieexperte der Pekinger Volksuniversität. Die Zahl von 130 Millionen Menschen über 60 stelle das Land heute schon vor ein „furchtbares Problem“. Bis 2050 werde die Zahl auf 400 Millionen ansteigen. Dann hätte China fast so viele alte Menschen wie die Europäische Union Einwohner. „Prozentual wird es bei uns auch im Jahr 2050 noch weniger alte Menschen als im Westen geben, doch ihre absolute Zahl wird viel höher sein“, schildert Jiang das unvermeidliche Dilemma. Das Altern der Gesellschaft ist nicht die Folge der Ein-Kind-Politik. Zwischen 1990 und 2000 ist die durchschnittliche Lebenserwartung der Chinesen von 68 auf 71 Jahre gestiegen. Im Jahr 2010 wird sie schon bei 80 Jahren liegen.
Goldfische züchten, Tee trinken
Schon sagen die Finanzberater von McKinsey der chinesischen Regierung für das Jahr 2010 eine Rentenlücke über 110 Milliarden Euro voraus. Auf dem Land sind 70 Prozent der Alten noch gänzlich unversichert.
Immerhin, kulturell ist China für die Herausforderung gut gerüstet: Mit ihrem ganzheitlichen Ansatz kommt die chinesische Medizin alten Menschen entgegen, die ein gesundes Leben führen wollen. Leibesübungen wie Tai Chi, Schwertkampf und Schattenboxen lassen sich bis ins hohe Alter betreiben. Altersbetätigungen aus der Kaiserzeit wie die Vogel- und Goldfischzucht haben im Maoismus überwintert, traditionelle Begegnungsstätten für Alte wie das Teehaus und die Volksoper werden wiederentdeckt.
Was die Nächstenliebe für das Christentum darstellt, seinen zentralen, alltäglichen Auftrag, ist im Konfuzianismus „Xiao“, die Verpflichtung der Kinder gegenüber den Eltern. Chinesische Eltern verlangen von ihren Kindern heute nicht mehr Gehorsam und eine Rundumverpflegung wie früher. Doch der Grundwert Xiao sichert den Zusammenhalt der meisten Familien selbst in Zeiten der Landflucht. Jedes Jahr vor dem chinesischen Neujahrsfest leeren sich die großen Metropolen. Dann erwartet auch der 71-jährige Gao Yulian, Vizebürgermeister im Dorf Gaojia, eines seiner sechs Kinder zurück. „Sie verabreden sich, dass eines zum Neujahrsfest die Eltern besucht und etwas Geld mitbringt“, sagt Gao.
Wer dem alten Gao mit dem grauen Spitzbart und seiner gleichaltrigen Frau mit dem wehenden langen grauen Haar begegnet, wie sie beide putzmunter auf einem Haufen Maiskolben vor ihrer Hüttentür hocken und im winterlichen Sonnenschein der Steppe Maiskörner pulen, gewahrt die besondere Chance der chinesischen Altersgesellschaft. „Es ist gut, im Alter noch zu arbeiten“, sagt Gao. Man sieht ihm und seiner Frau, ihrer gepflegten Hütte und den inmitten der Eiseskälte auf dem beheizten Kang-Bett blühenden Chrysanthemen an, wie Recht er hat. Und so wird schon heute ein großer Teil der landwirtschaftlichen Arbeit in China verrichtet: von Altenhand, die den einst von Deng Xiaoping sozialistisch verteilten Boden bewirtschaftet, während der Nachwuchs in die Städte zieht. Da den Familien meist nur eine winzige Fläche gehört, genügen den Alten ein paar moderne Werkzeuge und Maschinen, die ihnen die Arbeit erleichtern, um ihre Beschäftigung fortsetzen zu können. Gao schwärmt von einem dreirädrigen Traktor für das Feld und einer Motorsäge für das selbst gesammelte Brennholz.
Welch eine Zukunft für die Volksrepublik. Im Jahr 2050 könnte sie eine riesige Schrebergartenkolonie für alte Menschen sein.
In der nächsten Ausgabe:
Best Agers, Kukidents und Empty Nesters: Mit schicken Etiketten, Produkten und Dienstleistungen werben Firmen um die Alten von heute und morgen/
Wie Japan den Altersschock verkraftet
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 03/2003
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