MusikIn Musik hatte er eine Fünf

Electronica zwischen Grillenzirpen und Gitarrenrock: Console aus Weilheim von 

Martin Gretschmann spielt nur unter Decknamen. Er nennt sich Acid Pauli, wenn er als Computer-DJ einen Club zum Tanzen bringt, Japaner, wenn er im Studio produziert, Console, wenn er eigene Electronica herausbringt. Sollte ihm je ein Superhit gelingen, wäre es sein Wunsch, niemand erführe davon.

Letzthin schwindet die Anonymität. Die Zeitungsartikel über ihn mehren sich, unter ihnen keiner, der sein Äußeres unerwähnt ließe: die dickste aller Hornbrillen, die Mähne, die Umhängetasche mit dem Musiklaptop drin. Schon sollen in der oberbayerischen Kleinstadt Weilheim kichernde Mädchen vor seinem Briefkasten gestanden haben.

Console – ein Pseudonym zwischen Wandvorsprung und Bediengerät, unpersönlicher geht es kaum. Aber drei Alben in fünf Jahren, ein Disco-Hit (14 zero zero, auf dem ein Computer singt) sowie etliche Radio-Hörstücke (mit Andreas Ammer, zum Beispiel Heimat und Technik – das Heidegger Bootleg) haben ihn als orginellen Musiker erkennnbar werden lassen. Islands Popstar Björk verliebte sich in eine Komposition, schrieb einen Text dazu und hob den Song auf ihr letztes Album.

Bei Console zwitschern die Vögel und zirpen die Grillen als Inbegriff ländlicher Ruhe, und plötzlich keimt da ein Rhythmus, und wo eben noch ein Rhythmus war, sprießt eine Melodie, und die Rhythmen und Melodien verflechten sich zu Schichten, und die Schichten legen sich übereinander und beginnen sich gegeneinander zu verschieben, und von fern dringen Akkordeonklänge, Hammondorgeltöne, Streicherflächen und Gitarrenläufe ans Ohr, sehr fein, sehr gekonnt, sehr warm, reich an Phantasie und Witz. Die Melodien und Rhythmen wechseln die Ebenen, in die Bässe, in die Höhen, nach vorn und nach hinten, überall geschieht etwas, das je für sich funktioniert und je über sich hinauswächst in einen größeren Zusammenhang. Es entsteht eine oft gar nicht mal schnelle, aber ungemein attraktive, sinnenfrohe Kopfmusik, die organisch wirkt, obwohl sie synthetisch ist.

„Für einen Übergang von einer halben Sekunde“, sagt Console über sein Komponieren am Computer, „brauche ich manchmal schon drei Stunden.“

Am 13. Januar erscheint sein neues Werk, Reset The Preset, ein Doppelalbum aus grundverschiedenen CDs: Die eine versammelt acht Ambient-Stücke ohne Gesang in gemächlichem Tempo, den Erwartungen des Publikums entsprechend, weshalb er sie Preset nannte, Voreinstellung. Console: „Eine Platte zum Einschlafen.“ Die zweite CD brettert mit seduktiver Frauenstimme (seiner Schulfreundin Miriam Osterrieder) und an U2 erinnernden Gitarrensamples achtmal über die Tanzfläche: Wer das hört, muss seine Erwartungen zurückstellen, deshalb Reset. Console: „Eine Platte zum Aufwachen.“

Er liebt solche Späße, auch auf das Risiko von Missverständnissen hin. Wichtiger als der kleine Traum vom großen Hit ist ihm musikalisches Fortkommen. Und das, was er „Geschmack“ nennt. Er sucht nach Klängen und Klangkonstellationen, die neu und attraktiv sind – und schwer zu finden. Qualität ist ihm wichtig. Greift er mal daneben, setzen ihm die Mitglieder seiner Band zu, der Axl, der Schweinzl, der Kaschper, alte Freunde aus Weilheim und Umgebung: So gab es längere Diskussionen über den computergenerierten Stimmbruch der Sängerin auf dem ersten Stück von Reset – ob das noch ein „cooler Sound“ sei oder von Cher und Madonna und ihren Nachahmern schon industriell verschlissen.

Und die Tradition der Elektronik? „Ich interessiere mich mehr für das Jetzt und für das Später“, sagt er unbekümmert. Kraftwerk bedeutet ihm wenig; seine Wurzeln sind anderswo. Einen DJ-Set vor Weihnachten im Kölner Gebäude 9 ließ er mit einem Gitarren-Sample von Prince beginnen und mit dem Bombast von Orchestral Manoeuvres In The Dark ausklingen. Die achtziger Jahre lassen grüßen!

Und deshalb ist es nicht nur Ironie, sondern auch Bekenntnis, wenn er für das Plakat zu seiner Tour in ein Motörhead-T-Shirt schlüpft und sich mit einer Flying-V-Gitarre fotografieren lässt. Ihre Saiten sind allerdings Tasten gewichen.

Als Oberschüler im 1500 Seelen zählenden Böbing hatte Martin Gretschmann einst zum Bass gegriffen. Mit der Instrumentbeherrschung war es nicht weit her, in Musik hatte er ohnehin eine Fünf; so stieg er um aufs Sampling. Sein Computerverständnis half ihm über Harmonieleere hinweg. Weil er der Einzige weit und breit war, der vernünftiges Gerät hatte und damit umgehen konnte, etablierte er sich in der außergewöhnlichen Weilheimer Independent-Rock-Szene und deren erfolgreichster Band, The Notwist.

Nach Abitur, Zivildienst und Jobben im Behindertenheim reichte ihm die Musik zum Überleben. Er beließ es bei zwei Semestern Sonderschulpädagogik in München. „Ich bin kein Akademiker. Ich möchte auch keine Musik machen, die so speziell ist, dass man dafür studiert haben muss.“

Reset The Preset stellt für den heute 29-Jährigen einen Einschnitt dar. Er begann die Arbeit daran im April vor zwei Jahren, nachdem er mit The Notwist 15 Monate im Weilheimer uphon-Studio verbracht hatte (eine Mühe, die sich lohnen sollte: Neon Golden ist von der Kritik gefeiert worden und hat sich bisher 100000-mal verkauft). Nun wollte er Studio, Kleinstadt und Clique für einmal verlassen, am liebsten Richtung Chile. Weil ihm das dann aber doch zu weit weg war, entschied er sich für Barcelona, wo er auch niemanden kannte. Er fand ein leeres Zimmer nahe der Kathedrale, holte ein altes Bett vom Sperrmüll und kaufte sich eine Stereoanlage. Den Karton benutzte er als Tisch für seinen Laptop, dessen Festplatte er gelöscht hatte.

Dann streifte er durch Läden und trug allerlei CDs zusammen – obskure Tangos, Bossa Nova, Schostakowitsch. Von nachmittags bis nachts hörte er sie auf brauchbare Stellen hin ab, kopierte winzige Sound-Schnipsel, verfremdete sie mit seiner Software bis hin zur Nichterkennbarkeit und arrangierte sie. Auf virtuellen Instrumenten seines Computers komponierte er Melodien hinzu.

Die Idee zur gespaltenen Doppel-CD kam ihm nach einer zu langen Nacht im Club: Eigentlich hatte er eine durchgängig fetzende Pop-Platte machen wollen, aber in Katerstimmung brauchte er Ambient-Musik, um die Nerven zu beruhigen.

Nach einem Vierteljahr einsamen Vor-sich-hin-Bastelns besuchten ihn seine Freunde in Barcelona. Sie waren vom Doppelkonzept etwas überrascht, aber was soll’s. Später in Weilheim haben sie einige Samples auf richtigen Instrumenten nachgespielt, um Copyright-Probleme zu vermeiden. Und haben für die Tour, die in dieser Woche startet, ein Live-Set entwickelt. Da kommen dann Axel Fischer an der Gitarre, Michael Schwaiger am Bass und Christoph Brandner am Schlagzeug zum Zug.

Eigentlich genügte es, stünde nur Console auf der Bühne, hinter sein aufgeklapptes iBook gebückt, das Gesicht vom Schimmern des Displays in blaues Grau getaucht. Aber das wäre für alle ziemlich langweilig: für das Publikum, das nach Bühnenshow verlangt, für ihn, der keine Lust hat, allein zu reisen, und für seine Freunde, die auch gern mal rauskommen. Damit alle ihren Spaß haben, kommt sogar noch einer mit, der gar keine Musik macht: Anton Kaun, der Super-8-Endlos-Animationen zeigt, jedenfalls solange seine Projektoren nicht durchbrennen.

Irgendwann werden sie auch in Barcelona spielen. Da laufen in den Clubs jetzt schon Maxi-Singles mit spanischen Versionen ihrer Songs. Von einem gewissen El Osnoc.

Tourdaten: 9. 1. Köln, 14. 1. Hamburg, 15. 1. Berlin, 18. 1. München, 25. 1. Wien, 9. 2. Zürich, 11. 2. Heidelberg, 12. 2. Düsseldorf, 13. 2. Essen, 14. 2. Bielefeld, 15. 2. Hannover, 16. 2. Potsdam, 18. 2. Leipzig, 19. 2. Dresden, 20. 2. Erlangen

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