Essay RAF-Vampire beim Erfurter Blutbad

Lasst es spritzen und krachen: Das deutsche Kino braucht den politischen Gespensterfilm. Die realen Monster sind schon da

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So war es natürlich nicht. Oder doch? Und wie verlief jene tatsächliche erste Unterredung der beiden? Mögliche Szenen für ein deutsches Polit-Dämonen-Manga aus den Jahren 1990 bis 2002 hätte man ja viele finden können. Aber in einem Wirtschaftsthriller über das deutsche Wendedebakel wäre eine lange Dialogszene zwischen Kohl und Ernst Jünger immer ein zentraler Moment für mich gewesen, ob nun spekulativ-grotesk oder als ernsthafte Auseinandersetzung erzählt. Es wäre eine Szene gewesen, bei der man die berüchtigte Gnade der späten Geburt ein wenig aus den Angeln hätte heben können. Aber wahrscheinlich hätte Kohl dagegen sogleich wieder seine Anwälte in den Ring geschleudert.

Die Wahl hat er 1990 letzten Endes doch noch gewonnen. Und das Trauma seines unter dem Sprachbanner der „blühenden Landschaften“ geführten Wendewahlkampfs hält nun zwölf Jahre später die Seele der Republik immer noch fest im Griff. Wie ein monströses Gespenst oder auch ein gleichsam erleuchteter Oggersheimer Zeppelin schwebt der pfälzische Riese immer noch am deutschen Albtraumhorizont. Der Politthriller scheint mir das unterdrückte, unausgelebte Genre des deutschen Kinos der neunziger Jahre. Bei uns wird es keinen Nixon wie von einem Stone und schon gar keinen Nixon von einem Altman und auch keinen JFK geben. Allein schon deshalb, weil von deutschen Gerichten eine Auslegung des Persönlichkeitsrechts praktiziert wird, die die Figuren der Zeitgeschichte von allen Verantwortlichkeiten ihres Tuns, ihres Wirkens und ihres Geredes per se amnestiert. Einstweilige Verfügungen haben schon einige mutige Filmproduzenten beinahe ruiniert.

Die Frostlähmung nach dem Lärm der Börsenparties

In der Medienhybris der Neunziger hätten wir Regisseure trotzdem die Chance zum einen oder anderen Politthriller gehabt. Es wäre gar nicht so sehr um einzelne monströse Großtaten auf diesem Gebiet gegangen, sondern mehr um die Aufrechterhaltung eines Klimas der permanenten Auseinandersetzung in dieser Gesellschaft. Um Analysen, Diagnosen und Prophezeiungen. Man hätte sehr wohl versuchen können, das Genre Politthriller populär zu machen. Keine netten Biopics und nach allen Seiten hin unproblematische Zweiteiler. Nein, böse Filme, spannende Filme, ironische Filme, abgründige Filme über das Zeitgeschehen seit dem Zweiten Weltkrieg hätten es sein können, und wenn notwendig, dann eben ohne präzise Namensnennung der Täter.

Größere Kinofilme, die auch atmosphärisch klären wollen, warum wir jetzt politisch und wirtschaftlich da stehen, wo wir im Augenblick gerade zu stehen glauben, gab und gibt es sowieso nicht. Natürlich kann man über die besagten juristischen Behinderungen hinaus fragen: Gibt es überhaupt Regisseure, die so etwas können? Autoren, die es schreiben? Gremien, die es zulassen? Waren deutsche Schauspieler im Rausch der TV-Movie-Hausse überhaupt noch in der Lage, Politiker und Wirtschaftler und Medienmenschen so hart, so klar und so raffiniert zu spielen, dass ihre Maske und ihre private Person, ihr Mythos ebenso wie ihre Lächerlichkeit gleichzeitig aufschimmern? Wohl kaum, da die meisten bei ihrer Darstellung zu sehr von der tückischen medialen Dopplung der Machtmenschrolle überwältigt wurden. Die Lügen unserer Politiker waren im vergangenen Jahrzehnt sozusagen perfekter als die Lügen unserer Schauspieler. Die Schauspieler spielten die Politiker in deutschen Filmen zumeist, indem sie Leute darstellten, die ganz offensichtlich lügen. Das war erstens ein wenig eitel und machte zweitens die Charaktere sehr durchschaubar. Darüber hinaus wurden riskantere Personencharakterisierungen durch viel zu bequeme Dramaturgien schon im Frühstadium behindert. Aber egal, nun ist es sowieso verspielt, vertan. Und Geld zum großen Filmemachen gibt’s hier auch kaum mehr.

Eine eigenartig lustfeindliche Zurückhaltung prägte den deutschen Kino- und TV-Film schon immer wie eine automatisierte Beißhemmung, wenn es um Personen und um Geschehnisse der Zeitgeschichte seit 1945 geht. Immer nur Rücksichtnahmen ohne Ende. Was würde einem zum Bonner Mogadischu-Krisenstab nicht noch alles einfallen, jenseits der heftig an ihrer Verantwortung tragenden, geradezu kauenden Schauspielerriege in Heinrich Breloers Todesspiel? Was würden andere Kinokulturen der Welt aus solchen Fallbeispielen und Dramen in ihrem Land machen? Rächt es sich nun vielleicht doch, dass wir filmisch so wenig für eine konkrete und demythologisierende Verarbeitung unserer Zeitgeschichte getan haben?

Letzten Endes war dann die größte Frechheit gegen die herrschende Klasse in einem – auch ansonsten herausragenden – Münchner Tatort aus dem Jahr 2001 zu sehen. Es handelte sich um eine Bemerkung von Nikolaus Paryla als Bogenhausener Kunsthändler im permanenten Bademantel-Outfit. Als die Sprache auf den Franz-Josef-Strauß-Flughafen kommt, sagt er unversehens: „Ein merkwürdiger Name für einen Flughafen übrigens, finden Sie nicht?“ Allerdings, ein merkwürdiger Name. Er trägt das bleckende Grinsen der Herrschenden sozusagen weithin leuchtend über die Grenzen Bayerns hinaus.

Vergeht den Herrschaften in den oberen Etagen momentan das Lachen ein wenig? Das Siegergelächter aus der Wahlnacht verklingt ja auch deshalb plötzlich so schnell und erschrocken, weil um den amtierenden Kanzler herum gleichzeitig der Lärm der Partys all jener deutschen Wende-Kriegsgewinnler und der Lachsäcke und der Haffas aus den Neunzigern ebenso schnell verhallt. Und einer Art Frostlähmung weicht. Als Strafe für die Lustbarkeiten ziehen jetzt die echten Dämonen am Horizont des Landes auf. Da ist dann eben wirklich Schluss mit jeglicher Ironie: In einer jener 1989/90 zum sofortigen Blühen verurteilten Landschaften – in der Uckermark – haben im Wahlsommer 2002 drei kranke Neofaschistenhirne eines Nachts einen Jungen zu Tode gequält. Dessen Leiche ist erst jetzt gefunden worden. Angesichts dieses Grauens kommt dann doch die konkrete Furcht auf, dass das Land in den nächsten Jahren eine sehr viel härtere Zeche zu zahlen haben könnte für die politische und mediale Goldgräber-Unmoral der jungen Vergangenheit: Verwahrlosung, Idiotisierung und Hass.

Die besagte Schwarzwaldszene von Kohl und Jünger aus dem Wahlkampf 1990 bekommt in dem Zusammenhang plötzlich etwas Prophetisches, Unheimliches. Erinnert sich noch wer an das Kalte Herz von Wilhelm Hauff – dessen 200. Geburtstag übrigens letztes Jahr begangen wurde? Das Märchen spielt im Schwarzwald. Darin kommen zwei Geister vor, die dem Helden Peter – der die Gnade hatte, an einem Sonntag geboren zu werden, und der deshalb das Gras wachsen hört – Rat geben können. Einerseits ist da der unheimliche Holländer-Michel, der die Herzen der Männer in Gläsern aufbewahrt, wenn sie sie ihm für Wohlleben und Reichtum verkaufen. Andererseits gibt es das Glasmännlein, das – zu Peters gähnender Langeweile – an die menschlichen Tugenden in ihm appelliert. Und das sehr, sehr böse wird, als Peter sich so eindeutig für die verlockende Gegenseite entscheidet. Als Peters Frau stirbt und ein ganzer Landstrich quasi zu Eis gefriert, da hilft auch all sein Rufen an den „Schatzhauser im hohen Tannenwald“ nicht, kein Glasmännlein zeigt sich mehr, auch nicht diesem besonderen Kind mit der gnädigen Geburt.

Kinogewalt als Grenzlinie zwischen Zivilisation und Wildnis

Man weiß ja, dass erst in den unterirdischen Katakomben, in den kollektiven psychologischen Traumflüssen, in den Märchen und Mythen, die ein Staat, die eine Nation und ihre Menschen miteinander verbinden und die sie alle gemeinsam durchschiffen, dass erst dort der Platz ist für die Wahrheiten des gemeinsamen Empfindens und für das historische Allgemeingedächtnis. Und nicht in all dem politischen und kulturellen Alltagsgewäsch an der TV-Oberfläche. Einer jener unterirdischen Tränenkanäle, aus denen das kollektive Unterbewusste der Menschen eines Landes in Bildern, in Metaphern, in Versform quellen könnte, sollte eigentlich auch das Kino sein. Sind wir nicht ursprünglich auch als Regisseure hier einmal angetreten, um in Deutschland dem Film die Möglichkeiten der Verarbeitung, der Wahrheits- und der Identitätsfindung zu erhalten und um die Erzähllandschaften vielleicht etwas vergrößern zu helfen? Daran erinnert man sich nun in dieser Krisensituation – und kann als Regisseur auch gleich noch eine betretene Schweigeminute einlegen für das, was man in dieser Hinsicht selbst versucht und vor allem für das, was man dabei versemmelt hat. Asche auf mein Haupt.

Jetzt singe ich aber trotzdem noch mal die Arie des Genrekinos: „O hätten wir doch das Genrekino, hätten wir Action, Fantasy, Thriller, mal teuer, mal billig, wie auch immer…!!“ Und? Was wäre dann? Ich glaube nun einmal daran, dass ein großer Kinomarkt wie unserer eine eigene Kinoindustrie (nach der die Branche ja lechzt, seit ich denken kann) nur dann trägt, wenn dabei auch die Genres gut und schlau und fantasievoll bedient werden. Tatsächlich ist es nämlich immer noch so, dass das innovative Genrekino erstens den Erfindungsgeist der Macher beflügelt und zweitens per definitionem die größten Chancen bei den Zuschauern hat. Drittens kann man feststellen, dass das Spannungskino sich nebenbei auch eine ganz spezifische Art von Stars erschaffen kann und dass – viertens – mit der Auseinandersetzung über Gewalt in einem Thriller jene augenblicklich gerade für die Kids so lebenswichtige Grenzlinie zwischen Zivilisation und Wildnis in unserer Gesellschaft mit viel schärferem Strich gezogen werden kann, als dies irgendeine andere Art von Kino vermag. Moral und die zweischneidige Mystifizierung von Gewalt, Erfurt und Uckermark: Darüber reden, sodass es jeder versteht, kann eigentlich momentan nur das Genrekino. Das Experiment hat das gezeigt. Egal, was darüber gemurrt wurde.

Statt des so notwendigen, aber auch aufwendigen Polit- und Thrillerkinos hatten wir in den Neunzigern bekanntlich ein billiges und erfolgreiches Beziehungskomödienkino – das übrigens, wie ich finde, permanent unterschätzt wurde. Unter dessen lackierter Oberfläche wird man nämlich irgendwann ebenso das kollektive gesellschaftliche Grauen, den Tanz über dem Abgrund, durchschimmern sehen können wie in alten Ufa-Filmen. Das hektische Gevögel der Paare, das Geschnatter der Liebesbalzereien, das „Warum-bin-ich-nicht-so-schön-wie-jene-dort!“-Gekreisch der verlassenen Superweiber, das heulende Selbstmitleid der knuffigen WG-Männer, die boulevardesken Auftritte der ehrgeizigen Schwiegermütter und all die unverhofften Coming-outs, die Spießigkeit der Erfolgssehnsüchte des Neuen Markts. Nachträglich sollte man vielleicht die eine oder andere Perle dieser Jahre ein bisschen ernster nehmen und zumindest als zutreffendes Horrorszenario der betrügenden und betrogenen Gesellschaft der Neunziger sehen.

Die Vorausahnung aber der aktuellen Starre, die Vision der jetzigen Phantomlandschaft Deutschland zeigte sich schlagartig in drei deutschen Filmen der letzten vier, fünf Jahre: im Totmacher von Romuald Karmakar, in Christian Petzolds Die innere Sicherheit und in Oskar Roehlers Die Unberührbare. Drei Filme, die ihre deutschen Themen – Faschismusvorahnung, Terrorismus und Wende – extrem reduziert und erfolgreich angingen, indem sie sie indirekt über Bande spielten. Sie erzählten den Voraushall, den Widerhall und den Nachhall des Historischen, mehr oder weniger nur im Privaten. Alle drei sind Arthaus-Filme, keine Genres, und jeder war mit unterschiedlichen Chancen versehen, zu einem größeren Publikum zu gelangen. Aber alle drei sind Meisterwerke unseres Kinos, jetzt schon deutsche Filmgeschichte. (Und künstlerisch schlauer als alle anderen deutschen Versuche zu diesen Themen vor ihnen waren sie auch.)

Lautet aber von nun an die Botschaft, dass man bitte bei uns niemals mehr ganz direkt und genregemäß reißerisch und spannend und respektlos und temperamentvoll und vital und actiongeladen an der politischen Realität entlang erzählen sollte? Ich habe ja in Produzentenbüros der Neunziger durchaus genügend Diskussionen über konkrete Politfilmprojekte erlebt, die einen als Regisseur oder Autor die Bewältigung deutscher Traumata – die Wende, die Treuhand beispielsweise – ganz schnell auf später verschieben ließen. Später – wenn die ständigen Rücksichtnahmen und Befürchtungen im deutschen Kino und Fernsehen zu diesen Themen mal etwas geringer werden würden. Und wann sollte das sein, später? Zeigten die Nebellandschaften, durch die Julia Hummer in Die innere Sicherheit und Hannelore Elsner in Die Unberührbare streiften, nicht auch die kulturellen Mythologien des Landes besser, als es ein Genrefilm je hätte tun können? Ist ein deutscher Genrefilm zu den Themen Wende oder Terrorismus nicht immer noch allein vom Gedanken her zu frivol? Verhindern die jahrzehntelang verinnerlichten Über-Ichs der deutschen Branche tatsächlich, dass wir uns mittels der eher barocken erzählerischen Freuden des Mainstreams mit den Wunden in diesem Land auseinander setzen? Und hat das Fernsehen mit seinen Tausenden von bemüht aktuellen Plots nicht auch noch zusätzlich alle Chancen dafür zerstört? Konsens herrscht natürlich darüber, dass Filme wie die drei genannten genau jene karg angelegten, auch ökonomisch klugen Diamanten sind, die unserer Produktion und unserer kulturellen und finanziellen Lage im Augenblick gut zu Gesicht stehen. Europäisch-international betrachtet, ist man sich gleichfalls sofort darüber einig, dass deutsche Filme genauso sein, genauso aussehen sollen. Jedwede Beschreibungen jenes typisch deutschen „inneren Stillstands“, die den spröden frühen Fassbinder-Filmen gleichen, führen zu Beifallsstürmen. (Nur die Amerikaner sind wesentlich toleranter und gestatten dem deutschen Film ab und zu auch gewollten Glamour und Kommerzialität.) Meiner Ansicht nach hat die Verdrängung der Spannungsgenres vom Kino ins Fernsehen die deutsche Filmkultur zwar reicher an wertvollen Autorenfilmen, andererseits aber auch noch freudloser gemacht, als sie von Haus aus sowieso schon ist.

Spannung, Liebe, Maßlosigkeit, Action und Rabenschwärze

Inzwischen scheint die deutsche Realität ohnehin noch viel irrer, als man es ihr jemals zugetraut hätte. Vielleicht haben die völlig bescheuerten Uni-Forscher jene verschwundenen Gehirne der RAF-Terroristen ja in hirntote Körper eingesetzt und die dann wieder zum Leben erweckt. Vielleicht streifen unidentifizierte Jemande nun mit den Gehirnen der unglücklichen Stammheimer durchs Land? Vielleicht leben sie in abgedunkelten Wohnwagen wie die traurigen Vampire, damals in Kathryn Bigelows Near Dark.

Ich sehne mich entschieden danach, dass neben dem offiziellen, dem sozusagen sanktionierten, dem allgemein preiswürdigen Teil der deutschen Filmkultur eine ganz andere, eine B- oder C-Picture-Kultur existieren möge, die sich freudig in die Abgründe und Ängste der jetzigen Krise, in die Dunkelheiten der Prophezeiungen stürzt. Und ich könnte mir vorstellen, dass die gewissermaßen chemische Kinoverbindung aus verflossener Beziehungskomödie, aus sträflich unterlassenem Politthriller und aus real existierender Deutschlandkrise zu einer Art Neuerfindung des alten deutschen Dämonenfilms führen könnte. Lang und Murnau haben Hollywood befruchtet bis zum heutigen Tag. Und sind in Cinecittà während der kreativsten Phase in den Horrormeistern Mario Bava und Dario Argento partiell wieder auferstanden. Die Teenies in aller Welt erfreuen sich an der Grusel- und Fantasy-Industrie. The Blair Witch Project hätte auch jenseits des Einzugsgebietes der amerikanischen Großindustrie entstehen können. Haben die frühen deutschen Meister des Grauens eigentlich nicht einmal Spurenelemente ihrer immensen Begabung für das Fantastische in der deutschen Filmseele hinterlassen? Es ist eigentlich kaum begreiflich, aber die letzten populären deutschen Bastard-Verwandten von Nosferatu und Mabuse waren die Edgar-Wallace-Filme. Danach kam der Autorenfilm, und alles wurde erst mal viel zu seriös für weitergehende deutsche Trash-Experimente.

Sie könnten nach all den Jahren wieder einmal hereinschweben, die deutschen Phantome. Jene Figuren, die der Unberührbaren aus demselben deutschen Dunst entgegenkamen, in dem sie verschwand, könnten in Wahrheit alles Untote gewesen sein, die wie die verwesten Piraten aus The Fog – Nebel des Grauens ihrer Bestimmung zuwankten. Dass unsere Republik an den unverarbeiteten Traumata der letzten 40 Jahre kulturell schier zu platzen droht, wäre filmisch eigentlich nur noch heilbar, wenn sich eine Bilderflut auf die Leinwände und Fernseher ergießen würde. Wenn eine Bilderwelt entstünde, in der sich die glorreiche deutsche Tradition des Horrorfilms und der Großstadtthriller vermählt mit jener so endlos wiederholten Kulturkinotradition des sprachlosen, kommunikationsgestörten, lieblosen Immer-noch-„Volkes der Mörder“.

Das Grauen dieses Landes auf die Leinwand zu bannen ist eine Frage der Hygiene. Da gibt es für Regisseure – im Gegensatz zu Politikern – keine „Gnade der späten Geburt“. Wir hängen mit drin in der deutschen Filmgeschichte und können ihr nicht entkommen. Aber wir könnten zur Abwechslung auch mal das Beste daraus machen. Damals in den Zwanzigern war das Phantomgenre metaphorische Vorausahnung des Kommenden, des Faschismus, jetzt könnte es Verarbeitung und Abrechnung des Gewesenen und des Gegenwärtigen sein. Der deutsche Fantasy-Autor Kai Meyer beschreibt in seinem neuesten Roman Das zweite Gesicht, der in einem ins Gespenstische verzerrten Filmmilieu der zwanziger Jahre in Berlin spielt, ein sehr interessantes Stummfilmprojekt: Medusa, das ultimative Snuff-Movie. Der Blick der Hauptdarstellerin in die Kamera soll hier die Zuschauer im Saal versteinern lassen (leider fallen die dämonischen Filmrollen in dieser Story den Flammen zum Opfer). Überhaupt lässt dieser Roman erahnen, was die deutsche Filmindustrie an überquellender Fantasie und an schwarzer deutscher Romantik einfach so brach liegen lässt. Die Fieberträume, die Filme, die sich Freiheiten mit unserer Wirklichkeit und mit den Weisheiten der Drehbuchdoktoren erlauben, die Offenheiten, die Umwege, die körperliche Gewalt, körperliche Liebe, Spannung, Action, Maßlosigkeiten, Rabenschwärzen, Geisterbahnen erzählen – was ist mit diesen Filmen? Sind sie überhaupt noch erlaubt in Deutschland? Muss man sie so klein und billig machen, dass sie mit ihrer Idee praktisch schon finanziert sind? Nein, eher scheinen sich solche Fantasien bei uns noch immer nicht zu schicken. Alles nach wie vor sehr ordentlich und politisch korrekt hier. Und so wird auch diese jetzige Chance zu anderen Kinoabenteuern vielleicht wieder nur als eine Art Phantomgenre in die deutsche Filmgeschichte eingehen; so wie der Politthriller in den Neunzigern. Sozusagen ein möglicher inoffizieller Subtext des offiziellen Stands der Dinge, ein unausgelebter schmutziger B-Film-Traum, parallel zu den deutschen Hauptfilmen. Es wird wohl ein Traum bleiben, weil sich das deutsche Kino partout nicht mehr zum Genrekino durchringen kann. Andererseits: Je toter die Landschaft um einen herum ist, desto leidenschaftlicher und entgrenzter könnten ja als Kontrast unsere Filme wieder werden. Die Chance dazu war sowieso immer da.

Der Regisseur Dominik Graf lebt in München. Für die Leinwand drehte er unter anderem die Genrefilme „Die Katze“ und „Die Sieger“. Sein letzter Kinofilm „Der Felsen“ lief im vergangenen Jahr auf der Berlinale. Zuletzt drehte Graf für die ARD die Henry-James- Adaption „Die Freunde der Freunde“

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 03/2003
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