Los Angeles

Bonnie Gordan-Jackson wusste es augenblicklich, als der Mann ihres Lebens vor ihr stand. Niemals hätte sie sich träumen lassen, dass ihr künftiger Gatte zur ersten Begegnung eine Bibel mitbringen würde. "Er zog mich sofort hinein in die Heilige Schrift", erinnert sie sich an diesen Moment vor zwei Jahren, "und, fürwahr, er kannte die Schrift gut." Vor ein paar Monaten hat Bonnie ihrem Lyndon das Jawort gegeben, und nun sagt die frisch gebackene Ehefrau: "Wer Gott eine Freude machen will, der erzählt ihm meine Geschichte." Ihre Freunde auf Erden verstehen freilich die Welt nicht mehr. Nicht, weil Bonnies Gatte schwarz ist und sie weiß (das kommt zunehmend vor). Nein, es ist, weil Bonnie sich aus freien Stücken einem "Striker" verbunden hat, einem Lebenslänglichen, der den Antrag auf vorzeitige Entlassung im Jahre 2021 stellen kann, wenn er 57 ist und sie 67.

Ihr Lyndon sitzt ein wegen Scheckbetruges, und eigentlich, sagt Bonnie, sei ihr Lyndon nur Opfer, weil er nämlich einen gestohlenen Scheck erhalten und der Bank in gutem Glauben weitergereicht habe. Nur der Richter sei davon nicht zu überzeugen gewesen. Und deshalb hagelt es "lebenslänglich"? "So brutal ist das bei uns", sagt Bonnie. Tatsächlich rühmt sich Kalifornien des schärfsten Strafrechts der westlichen Welt. In diesem sonnigen Labor für drakonische Gemeinwesen gilt der Grundsatz: "Three strikes and you are out." Das ist eine zutiefst amerikanische Maxime, weil sie dem Volkssport Baseball entlehnt ist. Ein jeder im Lande versteht die simple Regel: Wer dreimal danebenhaut, ist draußen. Die dritte Tat wird, sofern die ersten beiden "grausam" oder "gewalttätig" waren, mit "25 Jahren bis ,lebenslänglich‘" geahndet – sogar bei Ladendiebstahl. So haben es 72 Prozent der Kalifornier 1994 in einer Volksabstimmung beschlossen und damit eine Art Blitzkrieg gegen das Verbrechen eröffnet. Sie wollten den Alltagsterror der Serienstraftäter endlich beendet sehen und jene 6 Prozent der Delinquenten wegschließen, die für 70 Prozent der Straftaten verantwortlich sind.

Protest von Angehörigen

Bonnies Gatte muss den Weg des Herrn schon mehrfach verlassen haben, und zwar schon lange vor dem Malheur mit dem Scheck. Bloß kann sich die liebende Ehefrau nicht genau an das Gespräch über die ersten beiden Strikes erinnern. Sie weiß nur noch, dass Lyndon aus einer baptistischen Predigerfamilie direkt in die Straßengangs von Los Angeles überwechselte und der Scheckbetrug ein halbes Jahr nach Ende seiner jüngsten Bewährungsfrist geschah. Nun kämpft Bonnie gegen die Maßlosigkeit der Strafe, an der sie quasi Mitschuld trägt. Denn sie selbst hat damals für das Gesetz gestimmt. "Ich wollte, dass Mörder und Vergewaltiger für immer hinter Gitter kommen", sagt sie, "aber doch nicht Menschen, die ein Fahrrad oder eine Pizza klauen."

Bonnie Gordon-Jackson ist, was man eine Frau aus dem Volke nennen würde. Als Sachbearbeiterin bei einer Feuerversicherung hat sie sich nie politisch engagiert – bis vor ein paar Monaten, als sie der Reforminitiative FACTS beitrat, den Families to Amend California’s Three Strikes. Nun kommt sie jede Woche den weiten Weg hinausgefahren in den Vorort San Bernardino, wo das Häusermeer von Los Angeles an das St.-Gabriel-Gebirge stößt. Frisch geföhnt und wasserstoffblond sitzt sie da, am Hals ein silbrig glänzendes Kreuz; auf der ausladenden Couchgarnitur ist sie umgeben von Verwandten anderer Häftlinge, alle Frauen, die meisten schwarz. Gut 7500 Striker sitzen in Kalifornien lebenslang ein, mehr als die Hälfte wegen Eigentums- oder Drogendelikten, viele bloß wegen Lappalien. Wer deren Angehörigen einen Abend lang zuhört, wird der Exzesse eines Gesetzes gewahr, das in Notwehr gegen eine Epidemie des Verbrechens entstand. Das ganze Drama zerbrochener schwarzer Familien, von Drogen und Banden in Los Angeles wird hier lebendig. Es ist ein Abend voller Tränen und doch auch voller Hoffnung.

Denn die Familien sind nicht mehr allein in ihrem Protest. Einer Umfrage zufolge wollen 60 Prozent der Kalifornier zumindest die Auswüchse des Three-Strikes-Gesetzes gekappt sehen – ein gewaltiger Stimmungsumschwung gegenüber den neunziger Jahren. Deshalb möchten die FACTS-Familien im Wahljahr 2004 eine Volksinitiative zur Strikes-Reform starten.

Zu ihren Füßen haben die Frauen die Plakate abgestellt, die sie sonst zu Demonstrationen mitnehmen. Eines der großen Bilder zeigt ihre ganze Gruppe vor einem tempelartigen Gebäude. Das Foto ist in Washington aufgenommen, direkt vor dem Verfassungsgericht. Bis dorthin haben die Gegner der Three Strikes ihren Kampf schon tragen können. Im November wurde Kaliforniens Sonderstrafrecht mündlich verhandelt, jetzt steht das Urteil an. Es dürfte das Klima in der amerikanischen Rechtspflege auf Jahre prägen. Denn 26 Staaten haben eine Variante dieses Gesetzes verabschiedet, keine freilich so brachial wie die kalifornische. Vor dem Verfassungsgericht geht es nun unter anderem um den Fall des Leandro Andrade, der wegen Ladendiebstahls einsitzt und 2046, wenn er 87 sein wird, um vorzeitige Entlassung nachsuchen kann.