ZEIT-Schülerbibliothek (11) Die Geschichte vom armen Pavel Holub
Wenige Tage nachdem Marie Dubsky das Licht der Welt erblickt hatte, starb ihre Mutter. So verbrachte die kleine Baronesse aus tschechischem Uradel, geboren am 13. September 1830 auf einem Schloss in Mähren, ihre ersten Lebensjahre in der Obhut von Kindermädchen. Wären diese einfachen Frauen aus dem Dorf nicht gewesen: Wer weiß, ob Marie, die im Schulalter zu schreiben begann, nicht ein Leben lang bei ihren Schiller-Dramen und Salonstücken geblieben wäre, deren Ruhm schon verblasst war, als sie 1916, inmitten eines verabscheuten Krieges starb.
Auch so hat es viele Jahre gedauert, bis in ihr der Zorn des Kindes wieder erwachte, das einmal den Gutsverwalter mit hilflosen Fäusten traktiert hatte, als der einen Tagelöhner zu Boden schlug.
Marie Dubsky, Verheiratete von Ebner-Eschenbach, war Mitte vierzig, als sie sich von allem schöngeistigen „Dilettantismus“ lossagte und mit Novellen und Erzählungen aus dem Leben des Landadels, der Bauern, Dienstboten und Tagelöhner debütierte. Wir können uns kaum noch vorstellen, wie viel Courage eine Frau aus dem habsburgischen Hochadel aufbringen musste, um Menschen aus den untersten Volksschichten zu Helden zu machen, mit Kirche und Staat ins Gericht zu gehen und ihrer eigenen Kaste den kritischen Spiegel vorzuhalten.
Dass sie dabei nicht beabsichtigte, die Menschenwürde dem Klassenstandpunkt zu unterwerfen, sondern ihr Vertrauen in Reformen setzte, hat ihr später gelegentlich Vorwürfe eingetragen. Sie erscheinen heute so verstaubt wie die Ideologien, aus denen sie erwachsen sind.
Marie von Ebner-Eschenbach schrieb an gegen Armut, Vorurteil und soziale Unterdrückung, aber ihr Bild vom Menschen war zu vielschichtig und erfahrungsgesättigt, um sich eindimensionalen Erklärungen zu fügen. Gerade darin, dass sie ihren Schilderungen die Wechselbeziehung von Prägung und Charakter zugrunde legt, erscheint die „bürgerliche Realistin“ ambivalenter, offener, moderner als etwa die Naturalisten, deren sozialer Determinismus den irrationalen Antrieben des Menschen so wenig Raum lässt wie seiner Selbstverantwortung.
Dieser Perspektivreichtum, gepaart mit Milieugenauigkeit und einer menschlichen Wärme, die nie ins Sentimentale abgleitet, macht Erzählungen wie Krambambuli, Die Freiherren von Gemperlein, Er laßt die Hand küssen, Der Vorzugsschüler bis heute lesenswert. Erst recht gilt das für ihren einzigen Roman Das Gemeindekind von 1887, einen dörflichen Reigen des Vorurteils und der Hartherzigkeit. Im Mittelpunkt steht der arme Pavel Holub, anfangs ein Junge von dreizehn, dumpf, „plump und kurzhalsig“, ganz im Gegensatz zu seinem jüngeren Schwesterchen. Es sind die Kinder eines Trinkers und Raubmörders, der kurz nach der Tat gehenkt wird, während die Mutter, der Mittäterschaft verdächtigt, für zehn Jahre im Kerker landet. Die hübsche Miranda wird von der greisen Baronin aufgenommen, Pavel der Gemeinde aufgehalst, die ihn zu den kümmerlichsten Leuten des Ortes abschiebt. Der Bub tut, was man von ihm erwartet: streunt, stiehlt und schweigt verstockt zu allen Untaten, die ihm nachgewiesen oder bloß angedichtet werden. Chancenloser kann ein Halbwüchsiger nicht sein als dieser ungeschlachte Erdenkloß, der sein Herz und seine guten Gaben – Stolz, Treue und Verschwiegenheit – meistens auf die falsche Sache stellt. Alle lehnen ihn ab: die Pflegeeltern, die Dorfgemeinschaft, der kaltherzige Pfarrer. Nur der Lehrer Habrecht bahnt sich einen Weg zu Pavel – gegen den Widerstand des Jungen, der wie ein Angstbeißer auf Güte reagiert – und weckt in ihm das Gefühl für den eigenen Wert. Habrecht, ein Freigeist, dem sein Lukrez die Bibel ersetzt, trägt Sorge dafür, dass sich sein stachelhäutiger Schützling nach jeder Kränkung an das Versprechen erinnert, das er der innig geliebten Schwester gegeben hat: ein ordentlicher Mensch zu werden. Dass Miranda im Kloster zur heiligmäßigen Büßerin abgerichtet worden ist und schließlich an Entkräftung vergeht, gehört zu den zahllosen Schatten, unter denen sich Pavels Entwicklung vollzieht.
Denn auch, wenn es ihm nach einem Jahrzehnt der Demütigungen, Irrwege und schmerzhaften Selbstkorrekturen endlich gelingt, die allgemeine Böswilligkeit „niederzuleben“, den Respekt der gar nicht verkehrten Baronin zu gewinnen und durch Fleiß und Geradlinigkeit das ganze Dorf zu beschämen, so sind doch Fröhlichkeit, Liebeslust und Weltvertrauen auf der Strecke geblieben. Die Fähigkeit, zu verzeihen und auch anderen eine Entwicklung zuzugestehen, wächst ihm spät und nur für den Einzelfall zu.
Das Fazit der Baronin Ebner-Eschenbach ist nüchtern. Und doch zeigt die nach den Umständen geglückte Menschwerdung des Pavel Holub vor allem eines: dass es der Mühe um jeden kleinen Junkie, Schulhofschläger und gefährlich Verstummten lohnt.
- Datum
- Serie schuelerbibliothek
- Quelle (c) DIE ZEIT 03/2003
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