Es gibt schon recht seltsame Gesetzmäßigkeiten. Eine La-Ola-Welle beispielsweise breitet sich mit zwölf Metern in der Sekunde aus. Egal, in welchem Land, egal, wie groß das Stadion ist. Das haben Dirk Helbing und seine Mitarbeiter ermittelt. Helbing ist Professor für Verkehrsökonometrie und Modellierung an der TU Dresden - und Fußgängerforscher.

Wie reagieren Menschen in einer Gefahrensituation? Wie lassen sich Personenströme lenken? Wer oder was stößt die Kettenreaktionen an, die zu einer Panik führen? Derzeit beschäftigen sich die Dresdner Forscher mit der Sicherheit in Fußballstadien. Die La-Ola-Wellen sollen Krawalle verhindern helfen. "An ihnen wollen wir untersuchen, wie der Übergang vom individuellen zum Massenverhalten vor sich geht", sagt Helbing. Zwar unterhält er nach eigenen Angaben das weltgrößte Archiv von Katastrophenvideos, doch eine Aufnahme prügelnder Fans allein sagt nicht genug aus - es fehlen die unterschiedlichen Kameraperspektiven. Die lassen sich bei vorhersagbaren Ereignissen wie einer La-Ola-Welle entsprechend einrichten. Das Faszinierende: Obwohl manche Zuschauer zu früh, zu spät oder gar nicht reagieren, kann sich die Welle trotzdem stabil ausbreiten. Das Beruhigende: Eine Person allein genügt nicht, um Kontrolle auszuüben. "Wir haben festgestellt, dass 25 Personen gleichzeitig aktiv werden müssen, um eine Welle zu initiieren", sagt Helbing.

Während am Dresdner Institut für Wirtschaft und Verkehr vor allem Wirtschaftswissenschaftler, Physiker und Ingenieure vertreten sind, verfolgt Klaus Atzwanger an der Universität Wien einen eher psychologischen Ansatz.

Der Verhaltensforscher beobachtete 3000 Fußgänger, um die Gehgeschwindigkeit in 16 deutschen Städten zu ermitteln: "Sie ist ein Maß für die Lebensgeschwindigkeit einer Kultur und ihren Umgang mit der Zeit." Auch wenn in dieser Untersuchung die Braunschweiger die Schnellsten und die Stuttgarter die Langsamsten waren, gilt die Faustregel: Je größer die Stadt, desto fixer sind ihre Einwohner und desto mehr Herzkranzgefäß-Erkrankungen gibt es. Ein Zusammenhang, den der amerikanische Psychologe Robert Levine von der California State University in Fresno schon in den achtziger Jahren auf interkultureller Ebene feststellen konnte. Zusätzlich zur Gehgeschwindigkeit ermittelte er Sprech- und Arbeitsgeschwindigkeit, die Genauigkeit von öffentlichen Uhren und den Bevölkerungsanteil der Armbanduhrenträger.

Weitere Erkenntnisse: Manager sind fixer als Arbeiter, die wiederum schneller als Arbeitslose unterwegs sind. Die Gehgeschwindigkeit von Frauen hängt dagegen nicht vom Status ab. Wie die Bebauung einer Straße oder die Anlage eines Einkaufszentrums den Schritt der Passanten beeinflusst, ist für Bauingenieure von großem Interesse. So ist erwiesen, dass plätschernde Brunnen sie bremsen.

Panik bei der Pilgerfahrt

Helbing und sein Duisburger Kollege Michael Schreckenberg, Professor für die Physik von Transport und Verkehr, setzen eher auf mathematisch-physikalische Modelle. "Fußgänger verhalten sich fast nach Naturgesetzen", sagt Helbing.