Lasst sie laufen!Seite 2/2
Bei geringer Dichte seien Menschenströme vergleichbar mit Gasen, bei mittleren und höheren Dichten mit Flüssigkeiten. "Allerdings reagieren Fußgänger mehr auf das, was vor ihnen passiert, als auf das, was hinter ihnen ist." Trotz des oft chaotischen Eindrucks lassen sich gewisse Regelmäßigkeiten erkennen. "Eine starke Aversion, Umwege zu machen oder entgegengesetzt zur gewünschten Richtung zu gehen, auch wenn der direkte Weg überfüllt ist", hat Helbing festgestellt. Auch kulturelle Unterschiede wie das Territorialverhalten spielen eine Rolle. In einigen Ländern, wie in Israel, hält man deutlich weniger Abstand.
Eine in Duisburg entwickelte Simulation wurde von der International Maritime Organization zum Standard für den Test von Schiffsbauplänen ernannt. Um zu prüfen, ob alle Evakuierungsbedingungen erfüllt sind, muss eine Vielzahl von Parametern berücksichtigt werden, neben baulichen Gegebenheiten beispielsweise die Frage, wie schnell eine Frau im Dunkeln eine Treppe hoch geht.
Im vergangenen Jahr fand in Duisburg die erste Weltkonferenz der Fußgängerforscher statt - mit rund 70 Teilnehmern, der nahezu vollständigen Szene. 2003 will man sich in London austauschen. Viele Jahre ein wissenschaftliches Mauerblümchen, wächst jetzt das Interesse an der Fußgängerforschung in vielen Bereichen. Denn ob es um Kantinen geht, Großraumbüros, Einkaufszentren, Flaniermeilen, Sportstadien, Kreuzfahrtschiffe, Flugzeuge oder Kinos - Wirtschaft und Politik erkennen zunehmend, dass sie hilft, effizient und mit größtmöglicher Sicherheit zu bauen.
"Aber man kann natürlich keine Experimente mit 50 000 Leuten im Fußballstadion machen", sagt Michael Schreckenberg. Deswegen lassen er und seine Kollegen in Computersimulationen je nach Aufgabe Dutzende oder Zehntausende virtueller Akteure, so genannter Agenten, umherirren. Per Zufallsgenerator werden einzelne dieser Miniprogramme herausgegriffen und mit individuellen Eigenarten versehen, mit denen sie wiederum passiv ihre Mitakteure beeinflussen. "Wir statten die Agenten analog zur statistischen Verteilung in der Bevölkerung mit bestimmten Parametern aus", sagt Schreckenberg. Es gibt Kollegen, die ihre Agenten sogar dreidimensional gestalten, "doch das ist übertrieben", findet er.
Auch ein Modell der heiligen Stätten von Mekka gibt es, an denen es bei der rituellen Steinigung der Teufelssäulen trotz aller Bemühungen immer mal wieder zu einer Panik kommt. An ihm erprobt der amerikanische Forscher Hani Mahmassani verschiedene Zugangsbarrieren und -schleusen.
Manchmal kann Fußgängerforschung allerdings sehr ernüchternd sein. Wenn Dirk Helbing betrachtet, wie Menschen stur dem Herdentrieb folgen, bis hin zur Stampede, muss er sich schon mal ziemlich ratlos fragen: "Wie viel Intelligenz setzen wir im Alltag eigentlich ein?"
- Datum 09.01.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 03/2003
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