Dienstag, siebte Stunde: Aufklärungsunterricht an der Diesterweg-Oberschule in Berlin-Wedding. Vor dem 17-jährigen Ebu

liegt auf dem Pult ein Holzpenis, daneben steht ein Karton mit Kondomen. Ein Overheadprojektor hat die Aufgabe in großen Lettern an die Wand geworfen: "Aufsetzen eines Kondoms auf die Eichel". Doch Ebus Blick klebt an der Tischplatte. "Ich will meine Gedanken nicht beschmutzen lassen", sagt er und reibt sich mit den Händen über das Gesicht. "Nur wegen der Noten muss ich mitarbeiten. Sonst geht mich das hier nichts an."

Viele Jugendliche aus Migranten- und Aussiedlerfamilien kennen Ebus Problem.

Während zu Hause aus Glaubensgründen, Scham oder Unwissenheit Sex kein Thema ist, fühlen sie sich von der Offenheit in der Schule bedrängt und überfordert. Ihre deutschen Lehrer, stolz, in einer sexuell befreiten Gesellschaft zu leben, wollen, dass auch die Schüler in den Genuss der Errungenschaften der sexuellen Revolution kommen. Ihre Eltern dagegen, voller Angst, ihre Kinder an genau diese von ihnen als verdorben empfundene Kultur zu verlieren, setzen strenge Regeln oder Tabus dagegen.

Eine Studie der Berliner Diplompsychologin Maria von Salisch über die sexuellen Probleme türkischer Jungen ergab, dass 64 Prozent der Befragten "unter keinen Umständen" mit ihren Eltern über sexualitätsrelevante Themen sprechen würden. "Man will schließlich nicht in die Privatsphäre der Eltern eingreifen", sagt Ebus 16-jähriger Freund Ercan. Und die 16jährige Maria, deren Eltern aus Kroatien kommen, meint: "Auch wenn ich noch so dringend was von meiner Mutter wissen will, mein Gefühl stoppt mich."

Im Unterricht dagegen stellen die Jugendlichen ihre Ohren auf Durchzug oder beschränken sich auf das pure Auswendiglernen des Stoffs. "Manchmal lüge ich auch und behaupte, dass ich alles schon weiß", sagt Ercan. Mitunter jedoch verstehen die Schüler nicht einmal, wovon der Biologielehrer überhaupt redet.