Um den Leipziger Stadtring zu überqueren, empfiehlt es sich, das rechte Augenlid hängen zu lassen und ein Bein nachzuziehen. Die mittlere Geschwindigkeit beträgt 80 km/h. Nach 20 Uhr am Leipziger Nordplatz hingegen kriechen die Autos im ersten Gang um die Häuserblocks. Es sind Schulferien, an der Bushaltestelle stehen 16-jährige Mädchen auf Plateauturnschuhen, zupfen an ihren winzigen Tops und schauen zur Seite, wenn der Bus kommt. Die Zuhälter lehnen an Straßenecken und geben Blinkzeichen mit Taschenlampen. Jedes Mal, wenn ich ein Mädchen in einen Wagen einsteigen sehe, denke ich an meinen ersten Kontakt mit der Leipziger Polizei.

Ich rief sie an, nachdem meine italienische Mitbewohnerin von Skinheads durch die Straßen getrieben worden war. Ob ich ladungsfähige Anschriften der Täter benennen könne? Nein. Also was machen? Draußen krachte es. Die vier Glatzen warfen ein Straßenschild ins Schaufenster des türkischen Gemüsehändlers. Die Polizei war momentan nur zu zweit. Und das Schaufenster jetzt sowieso kaputt. Der Stoizismus der Ordnungshüter beeindruckte mich. Ich sah sie vor mir, wie sie die Köpfe wiegten und in schönster Ataraxie die Weltenläufe geschehen ließen. Eingreifen, das beweisen die vergangenen Jahrtausende, führt im besten Fall zu gar nichts.

Ganz in Gedanken renne ich meinem Freund F. in die Arme, der ein Café am Nordplatz betreibt. Regelmäßig wird ihm die Tür wegen ein paar Euro Wechselgeld aufgebrochen. Um sechs Uhr früh, wenn die Einbrecher weg sind, kommt das Ordnungsamt und klemmt ein Knöllchen an F.’s Transporter, der am Lieferanteneingang auf dem Bürgersteig parkt. Das mit der Prostitution sei nicht so einfach, findet die Polizei. Und so wisse man wenigstens, wo die Brüder sind.

Dank der neuen Videokameras an Bahnhof und Marktplatz wisse man jetzt auch, wo sie garantiert nicht sind, meint F. Er hält Sicherheitsbeamte nicht für Stoiker, sondern für Entwicklungshelfer. Das zeigen Hetzkampagnen in Berlin und Frankfurt am Main, die zu Stellungskriegen gegen Hundehalter und Cola-Dosen-Wegwerfer auffordern. Oder die Leipziger Idee, Freiwillige mit Uniform und Lizenz zur Wichtigtuerei auszustatten und auf die latent kriminelle Menschheit loszulassen. Zugrunde liegt die Erkenntnis, dass erstens auf Cola-Dosen-freien Straßen keine Prostitution ausgeübt wird und zweitens niemand den Bürger so gut überwacht wie sein eigener Nachbar. Hilfe zur Selbsthilfe! lautet die Maxime.

F. und ich wollen nicht streiten. Komplizierte Probleme, da sind wir mit der Polizei einer Meinung, lösen sich nur von selbst. Mit Ende der Schulferien wird die Prostitution schlagartig um die Hälfte zurückgehen. Danach warten wir auf den ersten Bodenfrost. Anders als die Polizei kommt der nächste Winter bestimmt und klärt Sachverhalte auf seine Art. Im Winter wird man am Nordplatz fast überfahren, während die Autos im ersten Gang über den Stadtring kriechen.

FUSSNOTE

Von der Autorin erschien zuletzt: "Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien" (Schöffling Verlag). Nächste Woche schreibt an dieser Stelle: David Wagner