bildungLizenz zum Rechtsbruch

Nirgends müssen Schulen so viele staatliche Vorschriften beachten wie in Deutschland. Einige proben nun mit dem Segen der Behörden die Freiheit. Nicht alle Lehrer sind davon begeistert von Spiewak

Es kommt nicht häufig vor, dass aus Mangel plötzlich Überfluss wird – erst recht nicht an deutschen Schulen. Wenn es dennoch passiert, wie an der Kaufmannschule in Krefeld, muss etwas Neues am Werk sein. Seit langem fehlen dem Berufskolleg Lehrer. Ein Drittel des Kollegiums ging in den vergangenen Jahren in den Ruhestand und hinterließ im Lehrerzimmer viele leere Stühle. Bis zu zehn Stellen konnte die Schulleitung zeitweise nicht besetzen.

Nun kann die Misere für das Kolleg zum Segen werden, genauer zum Geldsegen. Seit neuestem darf sich die Kaufmannschule die eingesparten Gehälter der fehlenden Lehrer am Schuljahresende auszahlen lassen. Einige hunderttausend Euro flössen in die Schulschatulle, hat Kollegsleiterin Germaine Janßen-Schaffrath ausgerechnet – und überlegt, was man damit anfangen kann: etwa einen Techniker einstellen, der die Computer wartet und die Kollegen damit entlastet; oder die Lehrer für das neue Konzept „Unterricht per Laptop“ schulen.

Anders als früher – auch das ist neu – braucht die Schule ihre Lehrer dafür nicht mehr zu einer der staatlichen Fortbildungseinrichtungen zu schicken. „Die Kurse dort waren häufig nicht besonders effektiv“, erinnert sich Janßen-Schaffrath. Stattdessen darf die Schule nun die notwendige Expertise „am Markt einkaufen“, so die Schulleiterin. Auch die fehlenden Lehrerstellen besetzt die Kaufmannschule ab sofort in Eigenregie – teilweise mit Fachleuten aus der Wirtschaft statt mit examinierten Pädagogen.

Eigentlich ist all das verboten. Doch wie 237 andere Lehranstalten in Nordrhein-Westfalen besitzt die Krefelder Berufsschule seit sechs Monaten die Lizenz, Gesetze zu brechen. Das Projekt „Selbstständige Schule“ verleiht den beteiligten Schulen ungeahnte Freiheiten: Sie verfügen in Zukunft über ein eigenes Budget und dürfen sämtliche Lehrer selbst einstellen. Ihr Unterricht muss sich weder streng an den Lehrplan halten noch an den traditionellen 45-Minuten-Takt. Wenn sie es für sinnvoll halten, dürfen sie die Klassengrößen beliebig verändern oder die Schüler getrennt nach Mädchen und Jungen unterrichten. Fast alles ist möglich – der Versuch muss nur begründet sein und nach einer gewissen Zeit gute Ergebnisse vorweisen.

Wer meint, all dies sei selbstverständlich, kennt den deutschen Schulalltag schlecht. Nach einer Erhebung der OECD haben deutsche Schulen (neben österreichischen) im internationalen Vergleich den geringsten Einfluss darauf, wie und was sie unterrichten, auf welche Weise sie ihr Geld ausgeben und wen sie einstellen – oder entlassen. Bis heute gelten Lehranstalten hierzulande als „nachgeordnete Dienststellen“ einer Behörde, in denen Beamte staatliche Vorgaben umzusetzen haben.

Dabei scheint der Nürnberger Trichter den Kultusministerien das Vorbild zu liefern: Je mehr Erlasse und Verordnungen oben in die Schule hineingestopft werden, desto bessere Ergebnisse liefert sie. In Nordrhein-Westfalen heißt der Erfolgsgarant „Bereinigte Amtliche Sammlung der Schulvorschriften“. Die BASS hat die Dicke des Kölner Telefonbuchs und regelt noch den letzten Winkel der Schulwirklichkeit. So erfährt der Lehrer unter „BASS 15 – 02 Nr. 9.11“, wie er „die Arbeit des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge im Rahmen der Friedenserziehung im Unterricht“ zu berücksichtigen habe.

In Deutschland wird das Bildungskapital verwaltet, sagte Bundespräsident Johannes Rau kürzlich. Vielleicht bringt es deshalb so wenig Zinsen. Denn bei Pisa – auch das zeigt der OECD-Bericht – schneiden die Länder am besten ab, in denen Schulen ihre Angelegenheiten weitgehend selbst regeln. Schon vor vielen Jahren entrümpelten Staaten wie Schweden ihre Schulbürokratie. Als die deutschen Kultusminister auf ihren Reisen zu den Pisa-Siegerländern schwedische Lehrpläne sahen, trauten sie ihren Augen kaum: Statt dicker Wälzer reichen dort dünne Hefte aus.

Nun wollen die obersten Bildungsregulierer prüfen, ob eine ähnliche Selbstbestimmung auch deutschen Schulen gut tut. Egal, ob konservativ oder sozialdemokratisch regiert, überall heißt die Devise: weniger Staat. Fast alle Bundesländer räumen ihren Schulen bei Personalauswahl und Etatverwaltung jetzt mehr Rechte ein. Schluss mit dem Genehmigungsmarathon, das Schulleiter bewältigen müssen, wenn sie größere Anschaffungen wie etwa neue Computer tätigen wollten. Wurde eine Pädagogenstelle frei, übernahm bislang die Behörde die „Personalbewirtschaftung“. Sie schickte der Schule den Kandidaten, den der Amtscomputer von der Fächerkombination her als geeignet ausspuckte. „Das war so, als ob Ihnen eine Frau zugewiesen wird, und Sie dürfen nur entscheiden, welche Haarfarbe sie hat“, sagt Wolfgang Berkemeier vom Erich-Gutenberg-Berufskolleg im westfälischen Bünde. Auch diese Praxis stirbt in Deutschland langsam aus. Und einige Kultusminister gehen noch weiter:

– In Baden-Württemberg soll nur noch ein so genanntes Kerncurriculum den groben Rahmen der Fächer vorgeben. Wie die Schulen ihn im Unterricht ausfüllen, bleibt ihnen überlassen.

– Ähnlich wie Nordrhein-Westfalen räumt Bayern 22 Pilotschulen mehr Spielraum bei Stundenplänen und Prüfungen ein.

– Niedersachsen will bis 2008 gar alle Schulen des Landes in die Mündigkeit entlassen. „Für Modellversuche haben wir keine Zeit“, verkündet Ministerpräsident Sigmar Gabriel wahlkampfträchtig und spricht zu Recht von einem „Paradigmenwechsel“ im deutschen Bildungswesen.

Bislang nämlich schreiben die Ministerien den Schulen zwar vor, was sie zu tun und zu lassen haben. Aber niemand kontrollierte, ob die staatlichen Vorschriften auch die erwünschten Ergebnisse erzielten. In Zukunft gilt die umgekehrte Gleichung: Der Staat überlässt die Detailsteuerung den Schulen, kontrolliert am Ende jedoch umso genauer, was die Schüler gelernt haben. Output- statt Inputsteuerung nennen das die Bildungsstrategen in Hannover, Düsseldorf oder Stuttgart. Durchaus mit Hintersinn: Denn wenn die Bildungspolitiker nicht mehr für jede Einzelheit in der Schule zuständig sind, müssen sie auch nicht für alle Mängel in der Öffentlichkeit den Kopf hinhalten. In Zeiten knapper Kassen kein unwichtiges Argument.

Dennoch verbinden Schulexperten mit dem Zauberwort Selbstständigkeit weit mehr, als dass die Schulen von sinnlosen Regularien entlastet werden – und die Ministerien von einem Teil ihrer Verantwortung. Autonomie gilt als Universalschlüssel, um Schulen rechenschaftspflichtig zu machen und Kollegien zur Zusammenarbeit zu bewegen. „Im Team sollen die Lehrer bessere Unterrichtskonzepte entwickeln“, sagt Armin Lohmann vom niedersächsischen Schulministerium. Langfristig hofft Lohmann auf höhere Leistungen der Schüler – und bessere Ergebnisse beim nächsten Pisa-Test. Bislang reicht es, wenn die Lehrer treu den Lehrplan abarbeiten in der Hoffnung, dass die Schüler irgendetwas behalten. „Da alles festgelegt war, brauchten Schulen weder gemeinsame Ziele, noch mussten sie eine gemeinsame Verantwortung fühlen“, sagt Hans-Günter Rolff vom Institut für Schulentwicklungsforschung. Lief etwas schief, konnte man leicht anderen die Schuld geben: dem Schulamt, dem Minister, dem ganzen System. Aus dieser Ohnmachtsfalle sollen die Lehrer nun befreit werden – wenn sie es denn wollen.

An der Realschule Enger wollte man, und zwar bereits 1997. In der ostwestfälischen Stadt lässt sich beobachten, unter welchen Bedingungen das Experiment „selbstständige Schule“ glücken kann – und dass es dafür nicht reicht, ein paar Verordnungen zu streichen. Erzählt Direktor Joachim Blombach von seiner Schule, spricht er viel von „früher“ und von „heute“, als wären es zwei Zeitrechnungen. Früher war Schule quasi „Privatsache“, sagt er – heute „arbeiten wir nur noch in Teams“. Früher verpufften viele gute Ideen, weil sich niemand zuständig fühlte – heute heißt es: „Wer setzt sie um bis wann?“ Früher war die Realschule Enger eine ordentliche Lehranstalt, heute gilt sie anderen als Vorbild. Die Unterrichtsmethoden, die Lehrer und Schüler entwickelt haben, sind in zwei Büchern zusammengefasst, die knapp 20000-mal verkauft wurden.

Zwischen früher und heute liegen fünf Jahre, Dutzende Schulungen für Lehrer und Schüler, Hunderte Besprechungen und Treffen sowie unzählige Stunden Mehrarbeit. Seit kurzem merken die Lehrer, dass sich ihre Mühe auch zeitlich auszahlt. In den oberen Jahrgängen können sie schon mal den Unterrichtsraum verlassen und sicher sein, dass die Schüler eigenständig lernen. „Früher wäre das unmöglich gewesen“, erklärt Gisela Wibbing im Lehrerzimmer, während ihre Klasse Annette von Droste-Hülshoffs Judenbuche interpretiert.

Ohne Unterstützung wäre die Realschule Enger nie so weit gekommen. Sie war eine von 52 Teilnehmern bei „Schule & Co“. In diesem Vorgängerprojekt der „Selbstständigen Schule“ durften Schulen in Leverkusen und im Kreis Herford – unterstützt von der Bertelsmann Stiftung – Modelle der Teamarbeit erproben, neue Unterrichtsformen testen und dabei vom Lehrplan abweichen.

In der Realschule Enger fiel an ganzen Tagen der traditionelle Fachunterricht aus. Stattdessen trainierten die Schüler, wie man einen Vortrag hält, effektiv Vokabeln lernt oder sich mit anderen ein Thema erarbeitet. In Zusammenarbeit mit einem lokalen Maschinenbauer konzipierten die Enger-Lehrer aus dem Fach Politik eine Arbeitslehre, um die Schüler besser auf ihre Ausbildung vorzubereiten. Um Mängel in Deutsch auszugleichen, soll für einige Schüler ein Teil des Französischunterrichts umgewidmet werden.

Dass aus der neuen Selbstbestimmung nicht Beliebigkeit erwächst, dafür sorgt ein weit gefächertes System von Kontrollen und Prüfungen. Auch früher kannte die Realschule Enger Unterrichtsprojekte. „Doch niemand wusste, ob sie sinnvoll waren“, erinnert sich Joachim Blombach. „Einmal beendet, wurden sie in irgendeinem Aktenordner abgeheftet, und niemand fragte nach den Ergebnissen.“ Heute testen die Lehrer am Ende eines Jahres, ob die Schüler die neuen Lernmethoden auch anwenden. Weiterführende Schulen und Unternehmen der Region werden befragt, wie sich die Enger-Schüler machen. Und die Absolventen bekommen nach ihrem Abschluss einen Brief mit der Aufforderung, das Gelernte zu bewerten. Zudem lassen viele Lehrer ihren Unterricht in Abständen von Kollegen begutachten.

Dabei musste sich die Schule auch unangenehmen Wahrheiten stellen. So häuften sich die Klagen der weiterführenden Schulen über ein Fach. Natürlich wusste man schnell, wer für den Unterricht verantwortlich war. „Der Kollege war darüber nicht glücklich“, sagt Blombach. An einer normalen deutschen Schule würde solche Schwäche nur selten offenkundig. Und wenn es doch passiert, muss dies keine Folgen haben. In Enger dagegen entkommt niemand der Evaluation. Ähnlich wie jeder Lehrer stellt auch Blombach sich in einem alljährlichen Mitarbeitergespräch der Kritik. Und, Frau Wibbich, hat sich der Schulleiter weiterentwickelt? Die Lehrerin nickt heftig, der Schulleiter grinst.

Je freier die Schulen werden, desto umfassender muss ihre Auskunftspflicht sein, desto wichtiger werden regelmäßige Leistungsvergleiche. Noch ist nämlich keineswegs garantiert, dass mehr Selbstständigkeit das Lernen der Schüler tatsächlich verbessert. Langfristig wird neben die freiwillige Selbstkontrolle eine Begutachtung von außen treten müssen. In Niedersachsen plant das Ministerium, die Schulen alle drei bis fünf Jahre einem externen Qualitätscheck zu unterziehen. Wie das funktionieren kann, zeigen den Niedersachsen zurzeit Schulinspektoren aus Holland.

Ein kompetenter Schulleiter, regelmäßige Fortbildungen sowie ein Kollegium, das weiß, was es will: So heißen die Mindestvoraussetzungen, damit die Freiheit Früchte tragen kann. „Die Selbstständigkeit allein wird kaum eine Schule motivieren, besser zu werden“, prophezeit der Herforder Projektleiter Gerhard Engelking. Wer den 45-Minuten-Rhythmus aufhebt, muss schließlich überlegen, wie er die Schüler stattdessen unterrichtet. Eine Schule, die ihre Lehrer selbst einstellen möchte, muss wissen, was der neue Kollege neben guten Examensnoten mitbringen muss – und sich die Zeit nehmen, dies vielleicht auch zu testen.

Befürchtungen, die Autonomie bringe Anarchie hervor, erwiesen sich bislang als unberechtigt: Die Schulen gehen mit ihren Freiheiten sparsam um – und viele möchten von einer größeren Selbstständigkeit gar nichts wissen. Von den 6700 Lehranstalten in Nordrhein-Westfalen wollten sich nur rund 430 auf das Wagnis einlassen. Knapp die Hälfte schied aus, weil sie nicht die Bedingungen erfüllte: unter anderem eine Zweidrittelmehrheit im Lehrerkollegium für das Projekt. „Viele Lehrer wollen mehr Selbstständigkeit“, sagt Schulforscher Hans-Günter Rolff, „fürchten sie aber gleichzeitig.“ In erster Linie, weil sie neben dem anstrengenden Unterrichtsalltag zusätzliche Arbeit macht und den Schulleitern mehr Befugnisse einräumt.

Ihnen fällt bei den Reformen eine Schlüsselrolle zu. Schuldirektoren werden vom ersten Lehrer unter Gleichen zum obersten Manager, vom Kollegen zum Dienstvorgesetzten. Bislang saß der weisungsbefugte Chef eines jeden Lehrers weit weg in der Behörde, nun arbeitet er nebenan. Das macht die selbstständige Schule den Gewerkschaften verdächtig – zumal es stimmt, dass viele Schulvorsteher es nie gelernt haben, einen so großen Betrieb wie eine Schule eigenständig zu leiten. In Nordrhein-Westfalen werden sie deshalb nachgeschult, in Niedersachsen soll Schulleitung ein eigenständiger Beruf werden. Dennoch werden sich die Machtverhältnisse in der Schule verschieben – eine empfindliche Stelle in der Seele vieler Lehrer, die einen fast sozialistischen Gleichheitsmythos pflegen.

Die Schulautonomie bringt jedoch nicht nur mehr Ungleichheit in die Lehrbetriebe, sondern auch zwischen ihnen. Hier liegt langfristig das wahre Problem. Wenn Schulen selbst um die besten Lehrer werben, wenn sie eigene Profile entwickeln, drohen die Qualitätsunterschiede langfristig immer größer zu werden – und offensichtlicher. Dem gilt es staatlicherseits entgegenzusteuern, fordert Schulforscher Rolff: „Schon heute hat in Deutschland die Frage, wo ein Kind zur Schule geht, einen extrem hohen Einfluss darauf, was es lernt.“

[Abstract]

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