Film35 Jahre Einmaleins

Für das Leben lernen wir: Nicolas Philiberts wunderbarer Dokumentarfilm „Sein und Haben“ von K. Nicodemus

Ein Haus als Refugium in einem Winter, der nie zu enden scheint. Ein Ort des Wissens als kleines Bollwerk der Zivilisation inmitten einer feindlichen Natur. Die Zwergschule, um die es in diesem Film geht, steht in einem abgelegenen Winkel des französischen Zentralmassivs, einer Gegend, von der es heißt, dass dort mehr Kühe als Menschen leben. An der Tafel versucht der Lehrer, Monsieur Lopez, den Winzlingen gerade den Buchstaben „m“ beizubringen, während im Hintergrund die Älteren leise schwatzen. Später, beim Diktat der Größeren, wird er die Jüngsten mit kleinen Ermahnungen zum Basteln anhalten.

Warum bringt es so viel Freude, einer Hand voll Schülern beim Lernen und einem Lehrer beim Lehren zuzuschauen? Eine Fünfjährige zu beobachten, die beim Zählen immer wieder die Sieben vergisst, und ihren Kameraden, der verträumt in der Nase bohrt? Vielleicht weil in Nicolas Philiberts Dokumentarfilm Sein und Haben die Zivilisation an jedem Morgen wieder aufs Neue zu entstehen scheint. Weil Goethes Feststellung, dass, egal wie weit die Menschheit gelangt, der Einzelne immer wieder von vorn anfangen müsse, hier ganz konkreten Sinn bekommt. Und weil es der geduldigen Kamera immer wieder gelingt, hinter windschiefen Buchstaben so etwas wie das Wunder der Erkenntnis aufzuspüren.

Die Schule, das Tor zu einer unbekannten Welt, aber auch Ort der Erziehung und Reglementierung. Beiläufig drängen die alten Fragen der Pädagogik ins Bild: Wie viel Freiheit und Überschwang muss man nehmen, um Wissen zu geben? Was sind notwendige Grenzen, und wo wird die Disziplinierung zum bloßen Ritual? Manchmal lauert in Monsieur Lopez’ sanften Standpauken eine routinierte Selbstgerechtigkeit, die jede harmlose Schubserei zum pädagogischen Exempel macht. Dann wieder möchte man ihn umarmen, wenn er mit seiner kleinen Bande eine neue Grammatikregel einstudiert, so als gälte es, einen fremden Kontinent zu entdecken.

Nicht zuletzt geht es hier auch um die Geschichte dieses Lehrers, der kurz vor der Pensionierung steht. 35 Jahre lang hat er seine Schützlinge Lesen und Schreiben, Mathe und die ersten Lebenserfahrungen gelehrt, 35 Jahre lang die Grundlagen des Wissens in kleine Gehirne eingetrichtert. Eine Mühsal, die, aus einer gewissen Distanz betrachtet, auch eine Sisyphos-Aufgabe ist.

Einmal, während eines kurzen Gesprächs, dem einzigen Moment, in dem der Film aus der reinen Beobachtung heraustritt, erzählt der Lehrer ein wenig von seiner Herkunft. Vom spanischen Vater, der sich auf südfranzösischen Baustellen krumm schuftete, von den einfachen Eltern und ihrem ungeheuren Stolz auf den Lehrerberuf des Sohnes. Die Szene mag formal ein Bruch sein, doch hat es einen schönen Beiklang, dass Lopez, dieser Musterpauker und Inkarnation der alten republikanischen Ideale, ein Einwandererkind ist.

Être et avoir – Sein und Haben, das ist einerseits ein provinzielles Schulidyll, fast zu schön um wahr zu sein, und andererseits eine raue Landschaft, die ganz natürlich den Rhythmus des Geschehens bestimmt. Täler, Wiesen und Wälder im Wechsel der Jahreszeiten, windzerzauste Bäume und immer wieder grasendes Vieh. Ein paar Furchen in der Landschaft zeigen mühsam kultivierte Natur, ein Zaun wirkt wie eine lächerliche Grenze in menschenleeren Weiten des Zentralmassivs. Hin und wieder sieht man die Schüler Traktor fahren, einen Stall ausmisten oder mit Muttern über den Hausaufgaben brüten. Nie schienen Wörter wie Humankapital oder Bildungsdruck so fern wie in diesen Einstellungen. Das Wissen ist einfach da, weil Lopez es ausgesät hat. Unauffällig verfängt es sich zwischen freundlich glotzenden Kühen, Bauernküchen und einsamen Weilern.

Zur Startseite
 
Leserkommentare

Wegen des Relaunches steht die Kommentarfunktion gegenwärtig einigen Nutzern nicht zur Verfügung.

  • Serie film
Service