Ewig bei Kräften
Japan – Nation mit dem höchsten Durchschnittsalter: Selbstdisziplin und High-Tech bestimmen den Alltag
Selten haben Regenten ihr Volk so alt aussehen lassen wie derzeit die Kaiserfamilie in Japan: Amtsträger Akihito, 69, liegt im Krankenhaus. Kronprinz Naruhito, 42, geht täglich wie ein alter Mann mit dem Hund spazieren. Und Kronprinzessin Massako, die mit 39 Jahren nur ein einziges, einjähriges Töchterlein geboren hat, sehnt sich nach Auslandsreisen statt weiterem Nachwuchs.© DIE ZEIT
Die Lethargie der Kaiserfamilie scheint im Trend zu liegen: Die mit einem Durchschnittsalter von mehr als 41 Jahren älteste Nation der Welt sorgt seit einem Jahrzehnt für Negativmeldungen. Krise und Rezession, im Westen erst nach dem Crash der New Economy wiederentdeckt, kennzeichnen die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt schon lange. Was also liegt näher, als den stur kalkulierenden Ökonomen zu widersprechen, die zwischen der Wachstumsfähigkeit einer Volkswirtschaft und dem Alter ihrer Bevölkerung bis heute keinen Zusammenhang sehen? Führt Japan der Welt nicht gerade vor, wie sich die Wege ins Alter und in den Niedergang der Industriegesellschaften kreuzen?
Einer, der im Westen noch nie auf viel Gegenliebe stieß, widerspricht: „Der Selbstmörder Mishima war ein Narziss. Man darf das Altwerden nicht wie er fürchten, sondern muss ihm kampfbereit entgegentreten.“ Das ist die für viele Japaner aufwühlende These des Tokyoter Gouverneurs Shintaro Ishihara, 70, die er in seinem neuen Bestseller Erst recht, wenn man alt wird… vertritt. Ishihara nimmt Bezug auf Japans berühmtesten Nachkriegsschriftsteller, Yukio Mishima, der sich mit 45 Jahren nach alter Samurai-Art mit dem Schwert das Leben nahm – getrieben von der Angst, im Alter seine Kraft und Schönheit zu verlieren.
Diese traditionelle Scham will Ishihara den Japanern austreiben. Ausgerechnet auf der Basis seines rassistischen Weltbildes, das für Ausländer und Einwanderer keinen Platz lässt, spricht er wie selten ein Spitzenpolitiker vor ihm offen über die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft. Ishihara trommelt für ein „Apathie-Verbot über 60“ und die Samurai-Moral des ewigen Durchhaltens bis ins hohe Alter – damit Japan auch im Jahr 2025, wenn 30 Prozent der Bevölkerung älter als 65 sein werden, seine Leistungskraft bewahrt. Das kommt bei den Leuten an. Inmitten der allgemeinen Krisendepression spielt beim Thema Alterung in Japan plötzlich Zukunftsmusik mit.
„Für uns ist jeder Tag Sonntag“
Unternehmen wie Fukushiyogu in der Provinz Gifu haben die Stimmungswende vorbereitet: Die Firma entwickelte ein Satellitensystem, dessen Empfänger sich alte Menschen mit einer Weste überstreifen können, damit sie bei nachlassendem Orientierungsvermögen im Verkehr nicht verloren gehen. Das ist Teil eines Trendes: Hochtechnologie für Alte. Einen anderen machte eine Firma in Gifu mit einer ungewöhnlichen Stellenanzeige publik: „Suche arbeitswillige Menschen über 60“. Worauf sich 50 Bewerber meldeten, von denen 15 als Teilzeitkräfte angestellt wurden, mit denen die Firma ihre Produktion auf das Wochenende ausweitete. „Für uns ist sonst jeder Tag Sonntag“, erklärte ein 68-Jähriger seine Arbeitsbereitschaft.
Schon scheint es, als würden Unflexibilität und Hierarchie, die zu den Gründübeln der andauernden Wirtschaftkrise zählen, in Japan vor allem von den Alten abgelegt. Dafür zeugen die so genannten Silver Human Resource Center, die in fast allen Städten des Landes alten Menschen neue Beschäftigungsmöglichkeiten bieten: von Babysitten über Gärtnerarbeit bis zur anspruchsvollen Verwaltungstätigkeit. Bislang nehmen 680000 Menschen an den Programmen teil. Originell ist die vielerorts propagierte Zusammenlegung von Schulen und Altersheimen, welche das gegenseitige Verständnis der Generationen fördern soll. Einmal in der Woche kommt jede Schulklasse auf Besuch ins Altersheim.
Dass Alter nicht geschäftsabträglich sein muss, zeigt der neue „Silber-Markt“, ein Konsumsegment für alte Menschen, dessen jährliches Volumen umgerechnet 700 bis 800 Milliarden Euro erreicht – etwa 21 Prozent der privaten Verbraucherausgaben. Teure Hilfsgeräte für das in Japan übliche tägliche Bad und leichte Futon-Bettmatten, die auch alte Menschen noch bewegen können, fehlen in keinem Haushalt mehr. Japanische Firmen haben sich als außerordentlich erfindungsreich bei der Anpassung ihrer Produkte für alte Kunden erwiesen: Panasonic-Handys mit größeren Tastaturen und Sony-Roboterhunde mit eingebauter Wachfunktion zählen zu den Verkaufsschlagern. Fast alle neuen elektronischen Geräte gibt es inzwischen auch in bedienungsfreundlichen Ausführungen für Alte. Modische Damenunterwäsche der Traditionsfirma Mitsukoshi wird nun auch mit Polyestereinlagen geliefert – in fünf Farben von powder-pink bis antik-beige. Sony und Honda entwickeln derweil Roboter, die später alten Menschen im Haushalt helfen sollen.
Der in der Krise versteckte „Silber-Boom“ reicht also bis in die Schlüsselindustrien. Doch kann er diese wirklich beflügeln? Die Antworten in Toyota City, am Hauptsitz des führenden Autoherstellers Toyota, fallen zwiespältig aus. Einerseits investiert das Unternehmen neuerdings im großen Stil in China – mit Blick auf die billigen Arbeitskräfte dort. Andererseits führt Fabrikleiter Shunsaku Sugimoto stolz die neuen, zunehmend altersverträglichen Arbeitssitze am Fließband im Stammwerk Motomachi vor. „In ein paar Jahren können wir hier auch 70-Jährige beschäftigen“, meint Sugimoto.
Ein neuer Bericht des Forschungsinstituts der Deutschen Bank teilt den Optimismus. „Japans Senioren bieten ein beeindruckendes Beispiel, dass hohes Alter nicht langweilig und grau sein muss“, urteilt Magdalena Korb von der Deutschen Bank Research. Der 91-jährige Bestseller-Autor Shigeaki Hinohara gibt ihr Recht: „Mit 65 ist der Mensch noch nicht alt. Erst mit 75 erkennt er den Sinn seines Leben und kann ihn in die Tat umsetzen“, sagt Hinohara. Sein Erfolg scheint ihn zu bestätigen. Nach den Rezepten des greisen Mediziners haben sich Tausende Alte per Internet vernetzt, werden im ganzen Land Sonderstationen für Sterbepatienten durch die Arbeit von Freiwilligen aufgebaut, befolgen Millionen Leser alltägliche Gesundheitstipps. Wäre da nicht die ebenso greise Regierungspartei, die seit 1955 fast ununterbrochen das Land regiert, man könnte denken, in Japan würde mit dem Älterwerden neues Vertrauen in die Zukunft wachsen.
Doch in den Rängen der Liberaldemokratischen Partei (LDP) bewegt sich alles wie früher. Da gibt es eine lange Liste von Abgeordneten, die alle einmal Minister werden wollen. Und bis auf wenige Ausnahmen bekommt immer der als nächster den Posten, der am längsten im Parlament sitzt. So beträgt die Zeit bis zur Ministerreife 20 bis 30 Jahre. Genau dieses Senioritätsprinzip wird in den meisten Unternehmen nach und nach abgeschafft. Nicht aber in der Politik.
Die Regierungspartei ist längst eine Partei der alten Leute. Sie vertritt die Dorfbewohner, von denen nur die alten zurückbleiben, die Besitzer der Tante-Emma-Läden, die durch Gesetze vor den großen Supermarkt-Ketten geschützt werden. Und die Inhaber kleiner Firmen, die nur von Subventionen leben. Die Liste der alten Klientel, mit der die LDP regelmäßig die Wahlen gewinnt, ist lang – und wird aufgrund der Alterung der Gesellschaft nicht kürzer. So altert ein Teil der japanischen Gesellschaft im individuellen Bewusstsein tiefgreifender Veränderungen, während ein anderer, politisch straff organisierter Teil mit allen Mitteln um den Status quo kämpft.
Die Rente ist gesichert
Etwas haben beide Seiten allerdings schon voneinander gelernt. Dafür zeugte die Rentenreform vom Oktober 2001, nach der das staatliche Grundrentensystem für seine 70 Millionen Beitragzahler auch für die langfristige Zukunft als gesichert gilt. Kern der Reform war die Ausweitung der Beitragsbemessung auf Bonuszahlungen (20 Prozent der Einkommen) und die Erhöhung des Rentenalters von 60 auf 65. Demnach werden im Jahr 2025 Rentenbeiträge in der Höhe von 19 Prozent der Arbeitseinkommen fällig, während die Rentenauszahlungen pro Kopf um 20 Prozent sinken werden. Zwar bleibt auch dann offen, wie gut es den Alten wirklich geht, da die staatliche Grundrente in Japan nur 40 Prozent des Einkommens der Menschen über 60 abdeckt. Doch ist durchaus erstaunlich, dass derart langfristig geplant wird.
Zugleich aber wird deutlich, dass Japan dem Schicksal seiner Alterung – ob mit gehobenem Samurai-Schwert oder unter dem alten Fittich der LDP – nichts entgegenzusetzen hat. Als im Boom der achtziger Jahre erstmals Arbeitskräfte in Japan fehlten, gab es zumindest Diskussionen über die Aufnahme von Arbeitsimmigranten. Heute ist Japan die einzige große Industrienation mit mehr Auswanderern als Einwanderern. Wie in einem Brennglas verkörpert die alternde Kaiserfamilie die demografische Abkapselung: Jetzt geht es darum, ob Aiko, das einzige Kind des Kronprinzen, eines Tages Kaiserin werden darf. Dass sich mit ihr noch die zweitgrößte Weltwirtschaftsmacht der Welt lenken lässt, können nur stur kalkulierende Ökonomen nicht in Zweifel ziehen.
Bisher erschienen:
Die vergreiste Republik (ZEIT Nr. 2/03)
Mehr Kinder, mehr Macht; Großeltern im Schrebergarten (ZEIT Nr. 3/03)
In der nächsten Ausgabe:
Wissenschaftler erforschen das Altern: Wie lange kann der Mensch leben? Die Folgen später Elternschaft
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 04/2003
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