Eine Million geballter Fäuste; eine Million Menschen in "brennendem Hass" auf Amerika, bereit zum "Kampf auf Leben und Tod": Die Bürger Pjöngjangs waren am vergangenen Wochenende zum Demonstrieren abkommandiert. Militärisch ausgerichtet standen sie auf dem Kim-Il-Sung-Platz, trotzten in Schiebermütze und Pelzkragen der Kälte. Der Feind möge sich nicht täuschen, lautete die Botschaft des Regimes, die das Parteiblatt verbreitete: Das koreanische Volk werde nicht zögern, "die Zitadelle der Imperialisten in ein Flammenmeer zu verwandeln".

ER aber war nicht erschienen. Nur sein Bildnis trugen die Massen auf riesenhaften, holzgerahmten Tafeln an den grauen, harten Gesichtern auf der Ehrentribüne vorbei. Der Große Führer, die Sonne der Menschheit, der Himmelgeborene hatte es vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Kim Jong Il fehlte. Seine Untertanen huldigten, wie so oft, einem Schemen.

Sein Bild ist allgegenwärtig, in jeder Amtsstube, jedem Klassenzimmer, in den Krankenhäusern, den Kindergärten, unter den nackten Glühbirnen der Wohnzimmer. Es hängt nie allein: Links der Vater – Kim Il Sung, der Große Führer, der Präsident auf ewige Zeit; rechts der Sohn – der ehemals Geliebte, nun ebenfalls Große Führer, der Verehrte General Kim Jong Il. "Fat Man and Little Boy" nannte ein respektloser Reporter in Vanity Fair das nuklear ambitionierte Duo – so hießen die Atombomben, die Hiroshima und Nagasaki verwüsteten.

Die Nordkoreaner tragen Kims Bild auch auf ihrem Herzen. Obwohl der Alte bei den Anstecknadeln, die sich jeder Nordkoreaner ans Jackett heftet, noch immer vorn liegt. 60 Prozent, schätzt ein Beobachter aus dem Westen, schmücken sich mit Kim Il Sung; 30 Prozent mit dem Sohn; die restlichen zehn Prozent stecken sich vorsichtshalber beide ans Revers.

Aus der Zeit gefallen

Der Alte. Ihn haben sie in ihrer unverschuldeten Unwissenheit vielleicht wirklich geliebt. Er hatte das Land ja von der japanischen Knechtschaft befreit, die Amerikaner mitsamt ihren Lakaien besiegt; er war ein Despot der väterlichen Art, knechtete die Untertanen mit einem gütigen Lächeln. Als er 1994 starb, weinte das Volk in kollektivem Schmerz; drei Jahre lang trauerte es um den einzigen Gott, den es anbeten durfte, legte Blumen an den Füßen seiner Bronzestatuen nieder – und dankte für den Sohn, der ihm geschenkt wurde.

Der freilich hatte im Ausland gar keinen guten Ruf. Ein Trunkenbold und Frauenheld sei er, verbreitete der südkoreanische Geheimdienst KCIA gern, unsicher im Auftreten und emotional wenig stabil. Auch habe er, als Chef der Spezialtruppen, mehrere blutige Anschläge zu verantworten, darunter das Bombenattentat auf das südkoreanische Kabinett 1983 in Rangun und den Absturz eines Jets der Korean Airlines 1987 über der Andamanensee. Der Sohn, von kleiner, eher rundlicher Statur, mit hochtoupiertem Haar und Plateausohlen, gekleidet in die stets gleiche graubraune Blousonkluft mit strammem Gummizug über dem Bauch, Nordkoreas oberster Terrorist?

Wie anders war das Bild, das der Parlamentspräsident zeichnete, der uns 1997 im Gebäude der "Großen Volksversammlung" empfing. "Unsere Gesellschaft ist eine Einheit von Führer und Volk", las Kim Yong Nam von säuberlich getippten Blättern ab. "Das ganze Volk hält den Großen Führer für seinen Vater, und die Obhut der Partei ist mit der Obhut einer Mutter zu vergleichen." Auch wir fühlten uns geborgen in der Obhut der Partei, denn von oben, von der Decke des Konferenzraumes, blickten zwei Kameras aufmerksam auf uns herab.