Den Haag

Manchmal denkt sie, sie hätte sich vielleicht mit Freunden beraten sollen, ehe sie den Islam öffentlich kritisierte. "Ich habe mit diesem Echo nicht gerechnet." Und auch nicht mit den Folgen.

Ayaan Hirsi Ali, 32 Jahre alt, geboren in Mogadischu, seit zehn Jahren in den Niederlanden, Feministin, Politologin, Buchautorin, Kandidatin der liberalkonservativen Partei VVD und seit vergangenem Herbst als prominenteste holländische Islamkritikerin im Zentrum öffentlicher Kontroversen, von den einen verglichen mit dem von islamischen Fanatikern bedrohten Schriftsteller Salman Rushdie, von anderen mit dem ermordeten Populisten Pim Fortuyn, zieht eine kurze Bilanz. Natürlich wusste sie, dass ihre Kritik an der Unterdrückung der Frauen und Mädchen im muslimischen Milieu der Niederlande provozierend wirken würde. Erst recht ihr Appell an den Staat, solche Inseln des Unrechts nicht mehr zu dulden: Schluss mit dieser falschen "Toleranz" – das Wort hat bei ihr einen nahezu verächtlichen Unterton –, die in Wahrheit Ignoranz ist und sogar Feigheit. Schluss mit dem Wegsehen im Namen eines Multikulturalismus, wenn dabei die Werte der Demokratie unter die Räder kommen. "Das hat mit Respekt vor anderen Kulturen nichts zu tun", sagt sie. "Das ist das schlechte Gewissen des weißen Manns, nichts anderes."

Das war starker Tobak, nur Fortuyn hatte vorher ähnlich geredet (ehe er sich gegen Ausländer insgesamt wandte). Kritik hat sie also durchaus erwartet, sagt Ayaan Hirsi Ali, nicht nur von den Zuwanderern, besonders den direkt betroffenen Paschas in traditionell-muslimischen Haushalten. Auch auf Widerspruch von holländischen Freunden war sie nach ihrer ersten öffentlichen Islamkritik gefasst. Das schon.

Weniger vorbereitet aber war sie auf die öffentlichen Schmähungen. Den Telefonterror. Die Hassbriefe. Die Morddrohungen. Die Aufrufe zur Gewaltanwendung auf Websites der Immigrantenszene. Die Fatwastimmung, die gegen sie geschürt wurde. Den Rat der Behörden, die Adresse zu ändern. Die Notwendigkeit, im Ausland unterzutauchen. Die ständige Begleitung durch Leibwächter seit der Rückkehr. Die rigiden Sicherheitsmaßnahmen im Wahlkampf: Seit dem Mord an Pim Fortuyn im vergangenen Mai sind die Behörden vorsichtig. Ayaan Hirsi Ali deutet auf die Beamten, die in der Nähe stehen. Sie lächelt etwas verlegen, leise sagt sie: "Mein Leben hat sich sehr verändert."

Nicht nur ihres. Auch das öffentliche Leben des Königreichs hinter den Deichen ist nicht mehr dasselbe wie vor einem Jahr. Die streitbare Immigrantin aus Somalia hat ihren Anteil daran. Ohne ihre engagierten Beiträge wäre die kritische Debatte, die in den Niederlanden heute über den Islam geführt wird, kaum vorstellbar. "Sie hat Konflikte deutlich gemacht, die bis dahin verschwiegen und verdrängt worden sind", sagt der Publizist Paul Scheffer, selbst einer, der seit Jahren zu diesem Prozess einiges beiträgt und für Kontroversen gesorgt hat. "Sie hat damit vieles bewegt."

Andere aber sagen: Sie versucht zu viel, zu eifrig, zu ungeduldig. "Ayaan will alles erreichen und, das sofort." Und sie ist bei ihrem Thema – der Lage der Frauen im Islam – radikal, fundamentalistisch, kompromisslos. Sie nimmt weder taktische noch pädagogische Rücksichten. Im Gespräch mit Schülern einer Integrationsklasse am Johan-de-Witt-College in Den Haag widerspricht sie einem etwa 15-jährigen Jungen, der sich über die kritischen Fernsehberichte über den Islam beklagt. "Ich bin als Muslima aufgewachsen", sagt sie. "Ich habe den Koran studiert, aber eines Tages habe ich begonnen, selbst nachzudenken. Dabei habe ich erkannt: Es sind die Menschen, die Gott erschaffen haben, nicht umgekehrt." Dass in einer Sure des Koran dem Mann das Recht zugestanden wird, die Frau zu schlagen, "das kann und darf nicht sein". Darüber müsste man mit dem Imam diskutieren, wendet der Junge ein. "Der muss uns diese Stelle erklären." Sie antwortet freundlich, aber ihre helle Stimme klingt sehr entschieden: "Nein, wir müssen selbst nachdenken. Wir müssen unsere Vernunft gebrauchen. Vernunft ist wichtiger als Religion."

Die Ungeduld der Ayaan Hirsi Ali: "Der Islam vertröstet auf das Paradies", spottet sie, "die Sozialdemokraten auf eine Besserung in zehn oder zwanzig Jahren." Sie, in der Tat, will die Reform heute! Zu viel hat sie als Sozialarbeiterin in holländischen Frauenhäusern erlebt, um warten zu können. Während ihres Politikstudiums half sie als Übersetzerin misshandelten und von männlichen Verwandten vergewaltigten Mädchen und Frauen. Daraus zog sie die Lehre: "Geduld ist keine politische Tugend."