Die ZEIT-Schülerbibliothek (12) Reisen, nur reisen, ohne Ziel
Am Anfang fliegt einer von zu Hause raus. Ehrlich gesagt, er kann nichts, will nichts, arbeiten schon gar nicht, er verfolgt auch keine besonderen Interessen und träumt am liebsten so in den Tag hinein. Man müsste ihn wohl als einen bezeichnen. Aber weil die Geschichte um 1817 spielt, wird er der Zeit entsprechend „Taugenichts“ genannt, zieht statt mit einer E-Gitarre mit einer Geige herum und bewegt sich auch nicht im Dunstkreis von Popstars, sondern von schönen Gräfinnen. Er sucht das „wilde Leben“, um mal einen klassischen Begriff von Uschi Obermeier zu verwenden, er reist und reist, meist ohne Ziel, bleibt, wo es ihm eine Zeit lang gefällt, nie sehr lange, macht den schönen Frauen schöne Augen und verachtet die Spießer. Magnetisch zieht es ihn dorthin, wo alle Taugenichtse seiner Epoche sich versammelten, arme, reiche, die Coolen und die Irren: geradewegs in die Stadt, in der Musik, Kunst und freie Liebe ein Fest feiern.
Nein, nicht nach London. Das London jener Zeit hieß Rom. Rom war damals die heißeste Stadt der Welt. Man existierte praktisch nicht, wenn man nicht in Rom gewesen war. Jung und verliebt sein, in der Sonne sitzen, keinen Job haben und trotzdem nicht an die Rente denken, auf sich selbst vertrauend und auf die Zukunft, ahnend, dass die Welt auch grauenerregend sein kann – und man selbst gelegentlich ebenso – Joseph von Eichendorffs Novelle ist Literatur des Aufbruchs, „Pop“, wenn man so will, aber viel unkonventioneller als die so genannte Popliteratur.
Als das Büchlein 1826 erschien und seinen Siegeszug durch Deutschland und alle Welt antrat, sprachen die Leute allerdings nicht von „Pop“, sondern von „Romantik“. Und gerade weil die Romantik als literarische Epoche in Deutschland eigentlich schon vorbei war, schlug dieses Buch bei seinem Erscheinen so ein. Hier hatte einer mit einer gewissen Verspätung den Ton der Zeit getroffen. Die Romantik glühte noch einmal auf, im Taugenichts waren die deutschen Wälder wirklich grün, die römischen Nächte wirklich schwül.
Um Eichendorffs erzählte kleine Komödie bildete sich in der literarischen Szene seiner Zeit eine Art Kult. Das mag man sich heute nicht mehr recht vorstellen, aber es war so. Die Erinnerungen an die Napoleonischen Kriege und deren Verwüstungen waren noch frisch. Vom Taugenichts ging etwas Friedfertiges und Hoffnungsvolles aus. Seit 1819 lag Kontinentaleuropa außerdem im Griff eines Unterdrückungs- und Bespitzelungsapparats des österreichischen Staatskanzlers Metternich. Die Poesie der Romantik strahlte vor diesem Hintergrund auch Freiheitswillen und Selbstbestimmung aus. Und etwas Anarchisches bewahrt sich dieses Büchlein im Grunde bis heute.
Gleichwohl klingt Eichendorff für heutige Ohren fremd. Die Wälder rauschen, die Bäche plätschern, alles ist wundersam und wie verzaubert, und immer klingelt irgendwo ein Glöckchen. Ist das einfältig? Nein, ist es nicht. Die Romantiker stellten sich nämlich vor, dass die vernünftig geregelte Alltagswelt nur überwunden werden könne, wenn man ihr eine stark verfremdete, mit Klang und Sinn angereicherte Sprache entgegensetzte.
Romantische Dichtungen hören sich beim ersten Mal oft ein bisschen eierkuchenhaft an. Aber wenn man das Gewohnte hinter sich lassen möchte, wenn man zeigen will, dass andere Lebensmöglichkeiten existieren, ganz andere Erfahrungen darauf warten, gemacht zu werden, muss man die verborgene Welt, auf die es ankommt, zum Klingen bringen. Eichendorffs Zeitgenossen haben im Übrigen keineswegs so geredet wie die Gestalten im Taugenichts, sondern annähernd so wie wir. Sie haben das Künstliche der romantischen Literatursprache sehr wohl wahrgenommen und dieses Buch eher wie einen poetischen Singsang gelesen, wie einen langen Rap oder wie HipHop.
Am Schluss kriegt der Held sein Mädchen, keine echte Gräfin zwar, aber immerhin. Er will sogar arbeiten. Er hat am Ende eine Existenz gewonnen, aber Frieden mit dem Spießerdasein hat er trotzdem nicht geschlossen. Die Poesie, der Zauber des Jungseins, verschwindet nicht aus dem Leben, wenn man nur einmal wirklich davon gekostet hat – diese Idee verzaubert die Leser des Taugenichts seither. Harmlos ist romantische Poesie nicht. Voller Abgründe und Sackgassen ist die Welt, die sie schildert. Aber sie sagt auch: Wenn du nicht völlig stumpf wirst, könnte dein Leben gelingen.
- Datum
- Serie schuelerbibliothek
- Quelle (c) DIE ZEIT 04/2003
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