Selbst nach den Terroranschlägen vom 11. September bleibt die herrschende Tendenz in Europa, das Aufeinanderprallen der Zivilisationen zu ignorieren. Die Reaktionen sind aufklärerisch, beschwichtigend, harmonieorientiert oder apologetisch – auf jeden Fall nicht konfrontativ. Stimmen wie die von Silvio Berlusconi, Oriana Fallaci oder V. S. Naipaul, die den Zivilisationskampf zwischen Okzident und Orient verkünden, haben Seltenheitswert. Ihre Äußerungen werden in der westlichen Öffentlichkeit als Tabubruch empfunden und entfachen Wellen der Entrüstung. Es gilt nicht als politisch korrekt, sich darüber öffentlich zu äußern. Diese Zurückhaltung des Okzidents ist in kulturellen Verhaltensmustern begründet, die im Zusammenhang mit gegensätzlichen orientalischen Kulturtraditionen betrachtet werden müssen.

Orient und Okzident sind aus ihrer eigenen Geschichte entstandene Kulturräume, die wegen ihrer geopolitischen Nähe füreinander von großer Bedeutung waren und es auch in Zukunft bleiben werden. Diese Dichotomie ist keineswegs nur eine Erfindung des Okzidents, wie es die These des Kulturwissenschaftlers Edward Said vom "orientalism" behauptet, die sowohl in der westlichen akademischen Welt als auch in islamistischen Kreisen auf breite Zustimmung gestoßen ist. Geografisch gesehen, ist der Orient die islamisch-arabische Welt im Mittelmeerraum und im Nahen Osten. Es ist eine Welt, die keine strikte Trennung zwischen Religion und Staat vollzogen hat. Säkularismus existiert im Orient in Ansätzen nur dort, wo er von "oben" verordnet wird und sich auf die Macht der Bajonette berufen kann. Es ist eine Welt, in der der Islam den Alltag der Mehrheit der Bevölkerung geprägt hat und entscheidend mitformt. Okzident ist geografisch die westliche Welt, hauptsächlich Europa und Nordamerika. Ihre Wertvorstellungen nähren sich aus der jüdisch- christlichen Tradition. Sie ist der Demokratie und der Säkularisierung (also der Trennung von Staat und Religion) verpflichtet.

Nur wenige Muslime sehen heute den Okzident als die Wertegemeinschaft der jüdisch-christlichen Zivilisation an. Weil die Religion in Europa an politischer Macht eingebüßt hat, sehen die Muslime im Christentum keine Gefahr mehr. Vielmehr erscheint ihnen der Okzident als eine säkularisierte, vom Materialismus beherrschte Macht, die gegenüber der arabischen-islamischen Welt Imperialismus und Ausbeutung betreibt. Den strengen Muslimen und radikalen Islamisten erscheint der Westen als ein Hort der Dekadenz und Gottlosigkeit. Auf der anderen Seite ist das Bild vom Orient bei der großen Mehrheit der Bevölkerung des Westens durch agressiven religiösen Fanatismus, gesellschaftliche Rückständigkeit und politische Unmündingkeit geprägt.

Die etablierten Kirchen im Okzident nehmen aberihre eigene Kultur ähnlich wahr, wie es die islamische Welt tut. Besorgt durch den Wertepluralismus im postmodernen Zeitalter, lamentieren Kirchenvertreter über den grassierenden Materialismus, die dekadente Kultur und die herrschende Gottlosigkeit. Sowohl die Kirchen und als auch die Islamisten hoffen auf religiöse Umkehr. Die religiöse Potenz des Islam ruft zwar ein tiefes Unbehagen hervor, imponiert zugleich aber denjenigen im Westen, die hoffen, dass der christliche Glaube einst wieder Berge versetzen kann. Kürzlich betonte der Jesuitenpater Christian W. Troll, man habe im Dialog mit dem Islam universale Werte gemeinsam durchzusetzen gegen "jenen Humanismus, der die Religion aus der öffentlichen Sphäre herausdrängen will".

Die Dekadenzkritik der Islamisten und der christlichen Kirchenvertreter ist aber asymmetrisch. Die islamische Geistlichkeit richtet diese Kritik gegen den vermeintlich korrumpierenen westlichen Einfluss auf die arabisch-islamische Welt. Die eigene Welt ist heil geblieben. Sie muss nur von der westlichen Kontaminierung befreit werden. Zwischen Islam und Kirche gibt es auch gemeinsame Interessen in gesellschaftspolitischen Fragen, etwa bei der Abtreibung, der Stammzellenforschung und dem Klonen von Menschen. Die areligiöse Mehrheit im Westen beurteilt die Rolle der eigenen Kirchen und der Religion insgesamt als marginal. In ihrer Wahrnehmung des Orients aber nimmt der Islam die zentrale Stelle ein. Innerhalb dieser areligiösen Mehrheit wiederum gibt es eine intellektuelle Schicht, deren Bild vom Orient durch die Politik- und Sozialforschung geprägt wird. Ihrer eigenen politischen Sozialisierung auf der Linken gemäß, pflegt sie ein Weltbild, in dem Religionen keine gestaltende Rolle spielen. Daher wird die Macht des heutigen Islam in dieser Schicht unterbewertet. Ihr Bild von der arabischen Welt ist das eines Opfers kapitalistischer Ausbeutung und imperialer Dominanz. Sie hält den islamischen Terrorismus zwar für verabscheuungswürdig, aber sieht in ihm keinen Zivilisationsbruch. Ihre Protagonisten sind der Meinung, dass man die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen ändern müsse, um den Sumpf auszutrocknen, in dem Terrorismus entstehen konnte. Innerhalb dieser Schicht ist die Bereitschaft, den Westen zu beschuldigen, sehr groß. Intellektuelle wie Susan Sonntag, Noam Chomski, Tiziano Terzani oder Arundhati Roy üben Zivilisationskritik an der westlichen Welt und weisen die Schuld am schlechten Verhältnis zum Orient in erster Linie den USA zu. Während im Okzident also eine Vielfalt der Wahrnehmungen des Orients besteht, bleibt das Bild des Okzidents im Orient monolithisch. Wer eine differenzierte Wahrnehmung des Westens hat, kann sich dort nur bedingt artikulieren.

Es lohnt sich, das Spannungsverhältnis zwischen Orient und Okzident als eine dialektische Beziehung zu betrachten, die beim Zusammenprall einer Schuldzuweisungskultur (blame society) mit einer Schuldkultur (guilt society) entsteht. Kulturanthropologen arbeiten bisher mit den Begriffen "Schuldkultur" (im Westen) und "Schamkultur" (in Ostasien und Afrika). Die vorgeschlagene Sicht aber kann helfen zu verstehen, warum die Schuldgefühle im Okzident so weit gehen können, dass die Solidarität mit der eigenen Kultur bis zur Selbstverleugnung verweigert wird. Zu fragen ist andererseits, warum der Orient kaum Verantwortung für selbst verschuldete Unzulänglichkeiten übernehmen kann. Der Orient hat sich seit Jahrzehnten in Verschwörungstheorien und sich selbst erfüllende Prophezeiungen verstrickt. Dazu acht Thesen:

1. Im Orient wird die eigene Schuld und Unzulänglichkeit verdrängt und anderen zugeschoben. Selbstkritik ist selten zu finden. Die Korrekturfähigkeit ist daher begrenzt.

2. Im Orient wird die Opferrolle bevorzugt. Zur Begründung dieses Verhaltensmusters werden Verschwörungstheorien geschmiedet.