Kriegsvorbereitungen Der Aufmarsch
Wie Amerika sich auf einen Feldzug gegen den Irak vorbereitet - Szenarien eines Präventivkrieges
Natürlich hat sich der Stützpunkt Fort Hood herausgeputzt, als der Präsident zu Besuch kommt. Kein Stäubchen auf den Raketenwerfern, die George W. Bush bewundern soll. Keines auf den Panzern, auf deren Kanonenrohren Soldaten die Aufforderung „Burn Baby Burn“ gepinselt haben. Der Präsident nimmt es in diesen Januartagen auf sich, die Nation auf Krieg einzustimmen. Diesmal ist er in die weite Ödnis seines geliebten Texas gereist, zum 3.Gepanzerten Korps, das sich selbst „America’s Hammer“ nennt.
In einer riesigen Sporthalle sind 4000 Soldaten im Tarnanzug angetreten, und in der ersten Reihe steht ihr Oberbefehlshaber im grünen Armee-Blouson. Rechts, auf Brusthöhe, ist der Name „Bush“ aufgenäht. „Sollten wir gezwungen sein zu handeln“, ruft er, „so werden wir handeln, in der besten amerikanischen Tradition!“ Und unter lautem Beifall verspricht der Präsident: „Wenn Saddam sein Schicksal besiegeln sollte, indem er die Weltmeinung ignoriert und sich nicht entwaffnet, so werden wir kämpfen. Nicht, um ein Land zu besetzen, sondern um Menschen zu befreien.“ Zwanzig Minuten dauert der beschwörende Appell, schließlich schmettert es aus 4000 Kehlen zurück: „Die Armee ist auf dem Weg. Zählt im Rhythmus laut und klar: Zwei! drei! Die Armee ist auf dem Weg.“ Bush presst die Lippen aufeinander. Es ist ein patriotischer Moment, in dem Amerikas Präsident, Gattin Laura am Arm, ein paar Tränen verdrückt.
Was Amerika in diesen Tagen erlebt, ist der Countdown eines angekündigten Krieges. Allein am vergangenen Wochenende hat der Verteidigungsminister 62000 Soldaten den Marschbefehl erteilt. Bis Anfang Februar könnten schon 120000 amerikanische Soldaten am Golf sein. Es scheint, als könne nichts mehr Amerika von seinem Vorhaben abbringen – ausgenommen vielleicht ein Putsch gegen Saddam oder dessen Selbstmord.
Lange sah es so aus, als werde es sehr bald nach dem Zwischenbericht der UN-Inspektoren (am 27. Januar) und Bushs „Rede zur Lage der Nation“ (am 28. Januar) ernst. Seit Ende vergangener Woche aber hat es den Anschein, als wolle Bush den Inspektoren mehr Zeit geben. Allzu lange wird er aber nicht warten wollen. Eine Ewigkeit kann die große Truppe am Golf nicht in Bereitschaft bleiben. Außerdem naht im Irak dann die kriegsfeindliche Sommerhitze.
Selten ist über einen Krieg so lange diskutiert worden. Meist sind Vorhersagen über die Strategie so zuverlässig wie Börsentipps, was gestreut wird, ist Desinformation; im Kosmos der Militärs ist alles geheim. Diesmal haben die Strategen im Pentagon der Welt den Gefallen getan, über die Aufmarschpläne, Bodentruppen, über Häuserkampf und Spezialkommandos und die Gefahren eines Bioangriffs öffentlich zu streiten. Eines ist gewiss: Wenn dieser Krieg stattfindet, wird er radikal anders sein. Anders als der erste Golfkrieg, anders als der Afghanistan-Feldzug. Er wird noch moderner, noch amerikanischer werden, ein Schauspiel der tödlichen Hochtechnologie.
Vorerst übt Amerikas Militär noch, für den schlimmsten aller Fälle, zum Beispiel im kalifornischen Camp Pendleton. Da steht ein Arzt vor 48 Rekruten. „Hey, Doc, was ist das Gas, das dich deine Eingeweide ausspucken lässt?“, fragt einer. „VX“, lautet die Antwort. Tödlich. Unsichtbar. Geruchlos. „Wer kennt das Gas, das 1995 bei dem Terroranschlag auf die Tokyoter U-Bahn benutzt wurde?“, will der Arzt wissen. „Sarin!“, rufen einige. Kommentar des Arztes: „Saddam hat große Vorräte davon.“ Einer der Rekruten sagt: „Im Ernstfall hast du neun Sekunden, deine Maske aufzusetzen.“ Seit einem Jahr erst tragen die jungen Männer Uniform. „September 11 Marines“ werden sie genannt, weil sie sich meldeten, um gegen den Terror zu kämpfen. Seither begleitet die Washington Post die Rekruten. Soeben ist der bislang düsterste Bericht erschienen. Obwohl keiner der Vorgesetzten davon spricht, wissen alle: Es geht in den Irak. Zwar hören die Soldaten, dass sich die eigene ABC-Abwehr seit dem Golfkrieg 1991 verbessert habe. Jeder hat jetzt einen Schutzanzug. Auch neue Sensoren gibt es, neue Spürpanzer. Zugleich weiß jeder: Die Gefahr ist gewachsen.
Bislang kennt die Geschichte erst drei Beispiele, in denen Staaten, die Massenvernichtungswaffen besitzen, gegeneinander gekämpft haben – Sowjets und Chinesen 1969 am Fluss Ussuri sowie Inder und Pakistani im Grenzkonflikt des Jahres 2000. Beides waren nur Scharmützel, anders als der erste Golfkrieg zwischen Saddams Irak und einer amerikanisch geführten Koalition. Damals, 1991, funktionierte die Abschreckung. Die Amerikaner schrieben Saddam, ihr Kriegsziel sei, Kuwait zu befreien, mehr nicht. Setze Saddam allerdings ABC-Waffen ein, gehe es ihm an den Kragen. Saddam verstand. Nichts war ihm wichtiger als sein eigenes Überleben.
Anders die Situation heute. Kriegsziel ist es, Saddam zu stürzen. Erkenne Saddam, dass Amerika nicht länger abzuschrecken sei, schrieb CIA-Chef George Tenet im Oktober 2002 an den US-Kongress, könne der Diktator leicht B- und CWaffen als „letzte Chance verstehen, Rache zu üben“. Er ginge quasi unter in einer Giftgaswolke. Bedroht wären die Nachbarstaaten, amerikanische Truppen, Israel und – durch einen staatsterroristischen Anschlag – das amerikanische Mutterland.
Diese Einschätzung muss Falken und Tauben gleichermaßen irritieren. Tauben, weil Saddam demnach viel gefährlicher wäre, als sie glauben. Falken, weil ein Angriff „russischem Roulette“ gleichen würde, wie der Columbia-Professor und Terror-Experte Richard K. Betts in Foreign Affairs schreibt. Die Falken kontern, genau diese Gefahr sei Grund des Einmarsches. Wer abwarte, gerate in noch größere Gefahr. „Das sind alles nur relative Risiken, wenn man bedenkt, dass Saddam – allein gelassen – eine Atombombe bauen könnte“, analysiert der Nahost-Experte Michael Rubin in New Republic . Die gesamte Kriegsstrategie der Amerikaner muss deshalb darauf gerichtet sein, frühzeitig jene Waffen auszuschalten, die die UN-Inspektoren seit Wochen suchen und nicht finden. Viel wird davon abhängen, ob die US-High-Tech-Spionage am Himmel besser ist als die UN-Suchmannschaft am Boden. Selbst wenn die Amerikaner die nötige Kenntnis hätten, bliebe ein Dilemma: Wer Kampfstoff-Behälter bombardiert, setzt Biosporen oder Giftgas frei – ein tödliches Risiko für Tausende von Menschen. „Die Wolke“, fürchtet einer der Fachberater des Pentagons, „könnte bis in den Iran getrieben werden.“
Nach Recherchen von New York Times , Washington Post und einer Analyse des Center for Strategic and International Studies wollen die Kriegsplaner diesem Problem begegnen, indem zuerst die Trägersysteme für die Kampfstoffe angegriffen werden sollen, also Raketen und unbemannte Flugobjekte. Die Zerstörung der Kampfstoffe wäre später Aufgabe der Besatzungstruppen. Einzig in Bunkern tief unter der Erde gelagerte Kampfstoffe sollen aus der Luft attackiert werden, mit dem so genannten „Bunker-Buster“, der neu entwickelten thermobarischen Bombe. Diese Waffe dringt zunächst in die unterirdischen Vorratshallen ein und entwickelt dort eine so gewaltige Hitze, dass sie Sporen biologischer Waffen zerstört und die chemischen Verbindungen von C-Waffen zerfallen lässt. Erstmals haben die Amerikaner diese lasergesteuerte Bombe, die erst nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 in Windeseile entwickelt worden war, in den Kämpfen um Osama bin Ladens afghanisches Refugium Tora Bora eingesetzt.
Eine der Hauptsorgen amerikanischer Kriegsplaner gilt Israel. Schon im Golfkrieg schoss Saddam seine Scud-Raketen in Richtung Tel Aviv. Er hat allen Grund, es wieder zu versuchen. Unverändert ist sein Ziel, den Konflikt auszuweiten und die arabischen Nationen auf seine Seite zu ziehen. 1991 gelang es den Amerikanern, Israel vom Gegenschlag abzuhalten – weil Saddam nur konventionelle Sprengköpfe mit geringer Wirkung einsetzte. Verwendet er diesmal Chemiewaffen, ist die Eskalation programmiert. Allerdings besitzt Hussein keine Mittelstreckenraketen mehr. Die musste der Irak nach dem Waffenstillstand zerstören. Saddam soll aber die Reichweite seiner Kurzstreckenraketen vertragswidrig vergrößert haben, um Israel treffen zu können. Deshalb zielt die Strategie der Amerikaner darauf, gleich zu Beginn des Krieges den Westen des Landes einzunehmen oder jedenfalls dort Abschussbasen zu zerstören. An der jordanischen Grenze wären demnach Luftlandungen oder Spezialkommandos zu erwarten.
Mit dem Propagandakrieg hat Amerika schon begonnen. Jeder irakische Offizier, der Massenvernichtungswaffen einsetzt, soll wissen, was ihm geschieht – und deshalb die Finger vom Abzug lassen. Seit Oktober warnt Präsident Bush, Militärgerichte würden Saddams willige Helfer aburteilen. Allerdings traten kürzlich fünf desertierte irakische Generäle in Washington auf und plädierten dafür, Iraks Militär eine Zukunft zu geben. Anreize für Wohlverhalten seien die beste Methode, um Offiziere zur Befehlsverweigerung, zur Desertion oder zum Putsch zu ermutigen. Dieses Argument scheint die amerikanische Regierung überzeugt zu haben. Das jüngste Planungsdokument, das dem Präsidenten in diesen Tagen vorgelegt werden soll, spricht nur noch von „Schlüsselfiguren“, die „zur Verantwortung gezogen werden“ sollen.
Zeitgleich ist ein weiteres Detail durchgesickert. Von Kriegsbeginn an sollen Drohnen vom Typ Global Hawk und unbemannte Flugzeuge vom Typ Predator die vermuteten Kampfstoff-Lager mit Video-Kameras überwachen. Dieser Roboter erlebte im Afghanistan-Krieg seinen Jungfernflug und ist das erste unbemannte Kampfflugzeug der Weltgeschichte; an seinem Rumpf haftet eine Rakete. Der Einsatz von Predator im Irak soll sicherstellen: Wer zu Massenvernichtungswaffen greift, der wird aus der Luft hingerichtet. Geht dieser Plan auf, dann hätten die Amerikaner mittels Präzisionswaffen das seit 50 Jahren wirkende Gesetz der Abschreckung außer Kraft gesetzt.
Ob es wirklich so weit kommt? Unter den strategischen Planern gibt es Optimisten, die mit dem schlimmsten Fall nicht rechnen. Sie erinnern an die kurze Belagerung des Örtchens Ba’adre. Dort, in der quasiautonomen Kurden-Zone, fielen vor gut zwei Jahren Saddams Truppen ein. Der damalige US-Präsident Clinton schickte Kampfflugzeuge. Kein Schuss fiel, auch keine Bombe. Als die Jets im Tiefflug über die irakischen Linien donnerten, ließen 138 irakische Soldaten ihre Waffen fallen und ergaben sich den Kurden. Der Rest floh. Daraus ziehen Washingtons Kriegs-Optimisten den Schluss: Konfrontiert mit einer Übermacht, kämpfen Saddams Truppen nicht. Genauso wenig wie im ersten Golfkrieg, als die Iraker der alliierten Bodenoffensive nur 100 Stunden standhielten und sich einige Soldaten sogar italienischen Kriegsreportern ergaben. Seit jener Zeit, so die Vermutung, seien Saddams Truppen eher noch schwächer geworden. Die reguläre Armee, 300000 Mann stark, sei miserabel ausgerüstet, demoralisiert und illoyal. Zehn Prozent der Wehrpflichtigen desertierten, obwohl darauf die Todesstrafe steht. Da die Republikanischen Garden, 80000 Mann stark, inzwischen genauso unzuverlässig seien, könne Saddam nur noch auf seine 15000 Mann starke Elitetruppe zählen, die Speziellen Republikanischen Garden.
Der Verteidigungsminister will eine leichte, bewegliche Truppe
Deshalb glaubt Richard Perle, Chef-Berater des Pentagons, der Diktator werde „am Ende von den eigenen Leuten entmachtet“. Sobald die Amerikaner vor der Tür ständen, ergreife die Opposition die Initiative. Von dieser Theorie haben sich besonders die größten Befürworter dieses Krieges überzeugt, Amerikas Neokonservative. Selbst wenn die Amerikaner kämpfen müssten, schreibt zum Beispiel Kenneth Adelman, einst Assistent von Donald Rumsfeld, werde es „ein Spaziergang“.
Logische Konsequenz dieses Glaubenssatzes ist die Behauptung, es würden für die Invasion nur wenige Soldaten gebraucht. Ein Gedanke, der an der zivilen Spitze des Verteidigungsministeriums Anhänger gefunden hat. Jedenfalls sahen die ersten Pläne des Ministers nur die Entsendung von rund 75000 Soldaten vor. Doch dieses Vorhaben löste den Protest unter den Militärs des Ministeriums aus.
Rumsfeld, der sich als Modernisierer sieht, will das Militär ins Informationszeitalter beamen, will eine leichte, bewegliche, mit neuester Elektronik ausgerüstete Truppe. Er fühlt sich aber umstellt von strukturkonservativen Militärs, die den Krieg von morgen mit den Waffen von gestern führen und die Panzer und Geschütze und das ganze Großgerät des Industriezeitalters ins Feld schieben wollen. Viele Vier-Sterne-Generäle hält er für risikoscheu, ideenlos und verdorben von der friedensliebenden Linken, kurzum: für „clintonisiert“. Die Doktrin, wonach Amerika nur mit gewaltiger Übermacht angreifen dürfe, ist für Rumsfeld eine Methode der Militärs, Krieg zu verhindern. Amerikas technologischer und taktischer Vorsprung, glaubt der Minister, garantiere die Übermacht auch mit wenigen Soldaten. Dass noch nicht jede Einheit mit High-Tech-Bewaffnung dienen kann, stört ihn nicht. „Als die Deutschen den Blitzkrieg erfanden“, sagte er kürzlich in einer Rede, „haben sie zuerst nur 10 oder 15 Prozent ihrer Streitkräfte modernisiert. Was sie trotzdem erfolgreich machte, war die Vernetzung zwischen Luftwaffe und Panzertruppe, die neue Taktik und die Konzentration der Kräfte.“
Wer mit „altem Denken“ kommt, wird vom Minister abgewatscht. Als sein Generalstabschef ihm nach dem 11. September die ersten Pläne für den Afghanistan-Krieg vorlegte, erklärte Rumsfeld die Skizze für „fantasielos“ und forderte: „Bitte von vorn anfangen.“ Dasselbe ist den Irak-Strategen widerfahren. Sogar mehrfach. Zuletzt wurde im Oktober 2002 öffentlich, dass der Minister den ganzen Aufmarsch-Plan zur Überarbeitung zurückgegeben hat. Rumsfeld will, dass dieser Feldzug zum Sinnbild des modernen Krieges wird – und damit zum Symbol amerikanischer Überlegenheit.
Seine Generäle stellen sich nicht gegen die Modernisierung. Wohl aber gegen Rumsfelds Lehre. Viele von ihnen halten den Irak-Krieg ohnehin für vermeidbar. Und dann soll er auch noch risikoreich geführt werden. Ist Krieg mit mehr Soldaten weniger modern?, fragen sie. Rumsfeld halten sie für den Poltergeist vom Pentagon, persönlich beleidigend und beratungsresistent, jedenfalls solange der Berater eine Uniform trägt. Er traue, heißt es, allein seinem kleinen, ideologisch zuverlässigen Kreis ziviler Mitarbeiter. Diese Gruppe, darunter Rumsfelds Stellvertreter Paul Wolfowitz, heißt im Pentagon-Schmäh chicken hawks, also „Hühner-Falken“: Spitzenbeamte, die nie gedient haben, aber den Krieg als großen Problemlöser sehen und erfahrenen Militärs vorschreiben, wie er zu führen sei.
Anfangs haben die Generäle nur unwillig gegrummelt. Dann tauchten wie zufällig Papiere aus dem Pentagon auf, ausgerechnet solche, die Rumsfelds ideologische Fixierung belegen sollten. In der nächsten Eskalationsstufe machten pensionierte Generäle, die niemand mehr entlassen kann, auf die Gefahren einer „leichten Invasion“ aufmerksam. Inzwischen scheint eine Teilstreitmacht, die Armee, in kaum verhohlene Opposition zu Rumsfeld gegangen zu sein. Deren Chef, General Eric Shinseki, hat seine Skepsis gegenüber Rumsfelds Invasions-Plänen kurz vor Weihnachten sogar öffentlich gemacht. Das grenzt in der hierarchischen Kultur der amerikanischen Streitkräfte an Ungehorsam im Dienst.
Die Führung des Pentagons versucht seit Wochen, einen Kompromiss zu finden. Anfang Januar hat sich einer der führenden Beamten anonym mit der Bemerkung zitieren lassen, die „Option der leichten Invasion“ sei „vom Tisch“. Ein Krieg habe nicht das Ziel, „den Feind zu besiegen“, sondern ihm „seinen Kampfwillen zu nehmen“. Das tue man am besten, indem man „eine gewaltige Übermacht“ aufmarschieren lasse. Die Generäle bekommen also ihre Soldaten, 250000 statt 75000, aber nicht dort, wo sie das gern hätten. Das jüngste concept of operations sieht einen „rollierenden Aufmarsch“ vor. Danach begänne der Angriff mit einer relativ kleinen Truppe. Die Masse der Soldaten hielte sich in Reserve, die meisten in Europa. Kritiker sehen auch in diesem Plan „das Rezept für ein Desaster“, wie Kenneth Pollack schreibt, ein Nahost-Experte der Brookings Institution. Langsame Truppenverstärkung ruft in Amerika eine kollektive Erinnerung wach: Vietnam!
Das Pentagon reagiert mit dem neuen Aufmarschplan auf ein Dilemma: Es fehlen Verbündete. Bislang haben Saudi-Arabien und die Türkei nur Überflugsrechte und die Nutzung von Flughäfen zugesagt. Eine Nordfront, für die 80000 US-Soldaten vorgesehen sind, gibt es deshalb nicht. Amerikanische Bodentruppen könnten nur von Kuwait aus angreifen. Die Strategen behelfen sich mit dem „Modell Kandahar“. Dort, im Süden Afghanistans, landeten die Amerikaner damals schon, als die Taliban noch Teile des Landes kontrollierten. Im Falle des Irak-Krieges gäbe es also nur ein kurzes, intensives Bombardement, bevor amerikanische (und ein paar britische) Luftlandetruppen Brückenköpfe aufbauen. Weitere Truppen könnten nachziehen. Bleibt es bei diesem Plan (und gelänge er auch noch), bewiese Amerika, dass ein militärischer Alleingang möglich geworden ist.
Nach diesem Konzept könnten die Bodentruppen versuchen, von Kuwait aus schnell den Süden des Irak einzunehmen, um den dortigen Schiiten Gelegenheit zum Aufstand gegen Saddam zu geben. Sie müssten die Ölfelder kontrollieren, damit Saddam sie nicht anzünden kann. Sie würden im Norden die Öl-Städte Kirkuk und Mosul besetzen, damit es nicht zu bewaffnetem Streit zwischen Kurden und Türken kommt. Und sie würden auf Saddams Heimatstadt Tikrit zielen, weil dort seine Machtbasis liegt und seine Geheimpolizei ihre Zentrale hat. Diese Truppe, meinen Experten, kontrolliere die Massenvernichtungswaffen.
Die Amerikaner erwarten, dass die irakische Armee aus ihrer Niederlage von 1991 Lehren gezogen hat und sich nicht noch einmal in der Weite des Landes dem Bombardement aussetzen wird. Stattdessen besitzt der Geheimdienst Hinweise darauf, dass sich Saddams loyalste Truppen rund um Bagdad eingraben. Offenbar wollen sie die US-Armee inmitten einer Fünf-Millionen-Metropole in eine Art Guerillakrieg verwickeln – ein Albtraum für die Pentagon-Planer.
Immer schon sei der Straßenkampf, wie es im Army Magazine heißt, „der große Gleichmacher“ gewesen. Geht es nach der mutmaßlichen Taktik Saddams, wäre Block um Block, Straße um Straße, Haus um Haus zu erobern. Verlieren könnten die Amerikaner kaum, aber aus dem Feldzug würde ein Pyrrhus-Sieg. „Wir hätten große Verluste, es gäbe zivile Tote, und die Bilder auf Al-Dschasira-TV hülfen uns nicht weiter“, meint General Anthony Zinni, der Nahost-Gesandte des Außenministeriums. Für die konservative Zeitschrift National Review wäre es ein „Bagrad-Szenario“ – Amerikas Stalingrad. Auf eine Herausforderung dieser Art hat Amerika im vergangenen Jahr mit einer Überarbeitung seiner Doktrin für den Krieg in Städten reagiert. Das Konzept wurde im September 2002 verabschiedet und heißt Doctrine for Joint Urban Operations. An die Seite der chirurgischen Luftschläge wollen die Planer den Präzisionskrieg in der Stadt treten lassen.
Seit dem Zweiten Weltkrieg war es amerikanischer Brauch, Städte – wenn irgend möglich – zu umstellen, aber nicht anzugreifen. Im Weltkrieg zündeten sie Städte zuerst mit Brandbomben aus der Luft an, belegten sie mit schwerem Artilleriefeuer und marschierten dann in die Ruinen ein.
Dieses Vorgehen empfiehlt sich nicht, wenn die Amerikaner sich als Befreier sehen und ein diktatorisches Regime stürzen wollen. „Man kann nicht einfach reingehen und eine Stadt zu Staub machen, wenn es das Ziel ist, den schnellen Übergang zu einer neuen, amerikafreundlichen Regierung zu ermöglichen“, sagt Oberst Nicholson, Mitarbeiter des Armee-Staatssekretärs Thomas E. White.
Nach der neuen Doktrin beginnt die Operation mit „multidimensionaler Überwachung“. Diese Phase hat längst begonnen. Seit Monaten identifizieren Fachleute „Regime-Ziele“: Führungsbunker, Geheimpolizei, Luftverteidigungs-Stellungen, Saddams Sondertruppen. Ausländische Baufirmen wurden gebeten, die Pläne von Saddams Palästen zu übergeben. Der Kampf um Bagdad begänne ganz klassisch mit einer Belagerung, ergänzt um elektronisches Störfeuer. Nach dem Konzept ist es Ziel der Amerikaner, „Bewegung von Menschen, Nachschub und Informationen vollständig zu kontrollieren“. Müssten eigene Soldaten die Stadt betreten, dann nur „mit überwältigender Kampfkraft“ und auch nur, um einige Straßen und einige wenige strategische Gebäude einzunehmen – durch „Geschwindigkeit, Feuerkraft und Schock“. Die Luftwaffe unterstützte die Schlacht durch Zerstörung einzelner Gebäude. Der Kampf fände nur nachts statt. Dann könnten die Amerikaner wenigstens ihre High-Tech-Optik samt Nachtsichtgeräten sowie Wärmesensoren einsetzen.
Die Piloten am Himmel werden zu Exekutionskommandos
Ob es dazu kommt, wird von der Loyalität der irakischen Truppen und von der amerikanischen Luftwaffe abhängen. Die könnte den Krieg schon vorher mit ihrer „Strategie der Dekapitation“ entschieden haben. Denn auch die anfänglichen Luftangriffe sollen klarmachen, dass nicht die Bevölkerung getroffen werden soll, sondern nur der „Kopf“, die Führung. Anders als beim Bombardement Serbiens im Jahre 1999 sieht der jüngste Kriegsplan offenbar keine Angriffe auf die Infrastruktur vor, auf Brücken, Eisenbahnen oder Industrieanlagen. Sogar die reguläre Armee könnte vom Bombardement verschont werden – sofern sie ihren Kampfpositionen fern bleibt.
In der Militärgeschichte gibt es kein Land, dass sich stärker auf seine Luftwaffe gestützt hat, als es Amerika heute tut. In Umkehrung der historischen Rollenverteilung assistieren heute die Bodentruppen der Luftwaffe, Resultat einer technologischen Revolution, die mit der Erfindung der Laserbombe begann und unter den Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush in die so genannte Transformation mündete: die Modernisierung von Waffensystemen, Taktik und Organisation mithilfe der Errungenschaften des Informationszeitalters.
Im Golfkrieg 1991 betrug der Anteil der Präzisionswaffen neun Prozent, im Kosovo 1999 waren es 30 Prozent und in Afghanistan 2001 schon 60 Prozent. Ein emblematisches Bild dieses Krieges zeigt einen Soldaten der Sonderkommandos neben Satellitentelefon und Laptop. Er gibt Zielkoordinaten direkt in den Bordcomputer über ihm kreisender Bomber ein. Diese Aufnahme markiert einen neuen Sprung in der kriegstechnologischen Entwicklung: die Integration mehrerer Systeme, die Piloten zu Exekutionskommandos aus dem Himmel werden lässt. Manche Fachleute preisen diese Entwicklung. „Krieg, der große Verschwender menschlichen Lebens, wird erheblich humaner“, meint Richard P. Hallion vom australischen War Powers Centre. Die Zahl ziviler Opfer sinke. Es gehe heute darum, einen Gegner zu kontrollieren, statt ihn auszulöschen. Allerdings konnte Hallions Aufsatz die Lehren des jüngsten Afghanistan-Krieges noch nicht berücksichtigen.
Durch die Treffgenauigkeit hat die Luftwaffe die Zahl der Flugzeuge drastisch reduzieren können. Plötzlich war es möglich, die gesamte Flotte in der Luft zu betanken. Deshalb konnten die B-52-Bomber vom Stützpunkt Diego Garcia im Indischen Ozean aufsteigen, die B-2-Tarnkappenbomber sogar von ihrer Basis in Missouri. Amerika vermag also jetzt überall auf der Welt anzugreifen, ohne dafür noch Verbündete zu brauchen. Das könne „die Neigung zum Alleingang“ stärken, schreibt Hans Binnendijk in seinem eben erschienenen Buch Transforming America’s Military. Die Verheißung des leichten Sieges drohe Krieg zu einem bevorzugten Instrument der Politik zu machen, nicht zu ihrem letzten. Am Ende gibt es also weniger Tote pro Krieg, dafür mehr Kriege. Vor allem mehr Kriege mit amerikanischer Beteiligung – manche im Auftrag, andere gegen den Willen der Weltgemeinschaft. Binnendijk, der an der National Defense University in Washington lehrt, nennt beides eine „ungesunde Militarisierung amerikanischer Außenpolitik“.
Revolutionen des Kriegshandwerks haben von jeher mehr verändert als der Krieg selbst. Verbesserungen der Artillerie erlaubten im 15. Jahrhundert die Einnahme von Burgen, was den Niedergang des Feudalismus beschleunigte. Die Entwicklung mit Kanonen bewaffneter Segelschiffe beförderte den europäischen Kolonialismus. Napoleons levée en masse und die Geburt der Bürgerarmee wurden zu Instrumenten des aufkommenden Nationalismus. Heute verleiht der computerisierte Präzisionskrieg dem unipolaren Zeitalter größere Dauer. Kommt es zum Irak-Krieg, und zwar so, wie ihn die Strategen gegenwärtig planen, wird er zum Symbol dieser neuen Ära.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04/2003
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