Die Welt ist schlecht, wir Deutschen aber sind gut, gerade haben wir es wieder bewiesen – mit einem überfraktionellen Antrag zum Klonen. Tenor: Alles verbieten, und zwar weltweit – die Menschenbastelei einiger Spinner ebenso wie das therapeutische Klonen, den Versuch, mithilfe manipulierter Embryonen Körpergewebe für die Transplantation zu gewinnen. Zwar wird die Welt uns so weit nicht folgen, aber uns geht es ums Prinzip.

Beim therapeutischen Klonen werden entkernten menschlichen Eizellen Kerne aus Körperzellen eingesetzt, woraufhin sie zu kleinen Embryonen mit einigen hundert Zellen heranwachsen. Ihnen entnehmen Wissenschaftler Stammzellen, die sich zu Körpergewebe fast jeder Art weiterentwickeln können, zu Haut, Herz-, Lebergewebe, das genetisch dem Spender des ursprünglichen Zellkernes entspricht. Es kann ihm eingepflanzt werden, im Tierversuch ist das schon gelungen, ohne dass er fortan lebenslang Medikamente zur Unterdrückung der Immunreaktion schlucken müsste.

Das Beste, was sich über den Verbotsantrag sagen lässt, ist, dass er folgerichtig ist. Denn es stimmt ja: Um besagte Stammzellen zu gewinnen, muss zunächst ein Embryo getötet werden, und wer glaubt, dass Embryonen praktisch schon Menschen seien, der kann dies Forschungsvorhaben nur abscheulich finden. Aber sind Embryonen Menschen oder ihnen gleichgestellt? Der Papst meint das, das Bundesverfassungsgericht urteilte so, nun auch das Parlament.

Zwei Argumente sind es, die Lebensschützer vorbringen, und beide überzeugen nicht: das Potenzialitäts- und das Kontinuitätsargument. Ersteres weist völlig zu Recht darauf hin, dass Embryonen sich unter geeigneten Umständen zu Menschen entwickeln können – und folgert, sie seien jenen in moralischer Hinsicht gleichzustellen. Ein gewagter Schluss. Manch ein Zeitgenosse könnte unter "geeigneten", also ungünstigen Umständen zum Mörder werden – ist er es darum praktisch schon? Soll man ihn einsperren? Natürlich nicht. Ein potenzieller Mörder ist auch in moralischer Hinsicht etwas anderes als ein wirklicher Mörder, und Gleiches gilt für "potenzielle" im Gegensatz zu wirklichen Menschen.

Das Kontinuitätsargument macht geltend, wer Embryonen opfern, aber Menschen schützen wolle, müsse eine Grenze festsetzen. Da eine solche nur willkürlich zu bestimmen sei, müsse der Embryo von Anfang an unter Schutz gestellt werden. Wiederum wenig plausibel, wie der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel anmerkt: Ein Mann von 1,55 Meter Körpergröße ist nicht groß, das zu erkennen bedarf es keiner Grenze zum Großsein, weshalb egal ist, ob sie bei 1,85 oder bei 1,92 verläuft. Ebenso wenig brauchen wir eine Grenze zum Menschsein, um sicher zu sein, dass ein Zellhaufen von der Größe des Punktes am Schluss dieses Satzes keinesfalls ein Mensch ist. Und just über diesen Punkt will kein vernünftiger Klonforscher hinweg.

In Wirklichkeit sind all dies weniger Argumente als rhetorische Taschenspielertricks; wer darauf hereinfällt, wird am klaren Denken und Abwägen gehindert. Meint denn wirklich jemand, dass Frauen, die mit Spirale verhüten (welche Embryonen an der Einnistung hindert und dadurch tötet), wegen Mordes angeklagt werden sollten? Dass ein Medizintechniker, der im Reproduktionslabor ein Reagenzglas mit Embryonen fallen lässt, wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht gehöre? Dass ein Feuerwehrmann bei einem Brand in besagtem Labor zuerst die eingefrorenen Embryonen retten sollte, ehe er dem Personal zu Hilfe eilt? Nein, das glaubt natürlich niemand. Aber es muss glauben, wer wähnt, dass ein Haufen von einigen hundert Zellen schon ein Mensch sei. In diesem Fall müsste er zum Beispiel Spiralen als Mordinstrumente verbieten.

Die Vernunft hat verloren

Doch im Streit um das therapeutische Klonen ist die Sache der Vernunft längst verloren. Gegen Papst und Verfassungsgericht zugleich kann in Deutschland niemand Politik machen. Geben wir also lediglich einen letzten Einwand zu Protokoll: In einigen Jahren werden Wissenschaftler in Großbritannien, Israel, den USA oder sonstwo in dieser verderbten Welt dank ihrer dort legalen Klonversuche auch ohne künstliche Embryonen optimales Zellgewebe für die Transplantation herstellen und Leben retten können. Diese Technik wird dann, warum auch nicht, in Deutschland zum Einsatz kommen. Und während wir uns ihrer Segnungen erfreuen, wird ihre Genese uns im Hochgefühl unserer moralischen Überlegenheit nicht im Mindesten irritieren.