Asylanten, vor allem mittellose, sind auch in der Schweiz bei manchem braven Bürger nicht sonderlich gelitten; die letzte Volksabstimmung zur Verschärfung des Asylrechts im November hat das gezeigt. Und doch, was wäre die Schweiz ohne sie, die Flüchtlinge? Was wäre Davos zum Beispiel ohne Alexander Spengler, den Revolutionär aus Deutschland? Ganz gewiss nicht die internationale Kur- und Kongressstadt, in der diese Woche wieder einmal die Welt konferiert.

Ein steckbrieflich gesuchter Radikaler war dieser Spengler, ein militanter deutscher Vaterlandsverräter, Hungerleider obendrein, der sich nach dem endgültigen Scheitern der europäischen Demokratiebewegung 1849 nur mit knapper Not über die Grenze retten konnte. Doch auch in der Schweiz lauerten die Spitzel aus Wien und Berlin. „Der Sozialismus“, meldeten sie 1855 nach Wien, mache in der Schweiz „glänzende Geschäfte“. Der „aus der Revolutionsperiode in Dresden bekannte Flüchtling J. Semper, bisher in London“, sei „zum Professor der Baukunst an der polytechnischen Schule in Zürich ernannt worden“. Außerdem erhielten jetzt drei der „eingefleischesten Hochrothen“, die eigentlich nach Amerika auswandern hätten sollen, „besondere Einladungen, diesen Entschluß aufzugeben und in der Schweiz sich niederzulassen“. Just zu diesen drei „eingefleischesten Hochrothen“ zählte auch Alexander Spengler aus Baden – der Mann, der den Höhenluftkurort Davos begründen sollte.

Geboren wurde er 1827 in Mannheim, als erstes von neun Kindern, der Vater war Lehrer. Alexander durfte studieren, bezog die liberale Universität in Heidelberg – und politisierte sich rasch. Als im Juni 1848 im Neckarstädtchen der Demokratische Studentenverein verboten wurde, zogen die Studenten aus der Stadt, die schwarz-rot-goldene Fahne voran, und ließen sich aus Protest einige Tage nebenan im pfälzischen Neustadt nieder. Spengler galt als einer der Führer der „aufständischen Akademiker“. Womit er ein besonderes Risiko einging, denn im Vergleich zu seinen Kommilitonen war er ein armer Schlucker. Er musste Miete, Brot und Seife bei seinem Vermieter abstottern und blieb auf ein Stipendium aus dem badischen Schul- und Sapienzfonds angewiesen.

Baden verlangt, Spengler aus der Schweiz auszuweisen

Aber der 22-jährige Jurastudent war ein glühender Revolutionär. In einem außerordentlichen Aufgebot dem 4. Badischen Infanterieregiment als Rekrut zugeteilt, wählten ihn seine Kameraden nach der Demokratisierung der Armee im Mai 1849 zum Leutnant. Im badischen Freiheitskampf diente er dem jungen Oberbefehlshaber Franz Sigel (ZEIT Nr. 34/02) als Verbindungsoffizier. Der Aufstand für Recht und Verfassung scheiterte, die Soldaten der Preußen und des Reichskorps unter der Führung des Prinzen Wilhelm, des späteren Kaisers WilhelmI., warfen die Demokraten nieder. Alexander Spengler floh mit Sigels revolutionären Truppen am 11. Juli 1849 in die Schweiz.

Kaum war der Traum von der Freiheit in Blut erstickt, schwärmten schon die Spitzel aus, um alles über die junge Elite zu erfahren, die außer Landes gegangen war. Besonders die Schweiz geriet ins Visier der deutschen Staatsicherheitsorgane, und die (de facto unter preußischer Kuratel stehende) Großherzoglich-badische Regierung übte kräftigen Druck auf das Nachbarland aus, alle politischen Flüchtlinge in die USA abzuschieben. So forderte die badische Gesandtschaft Anfang der 1850er Jahre vom Bundesrat in Bern, auch Alexander Spengler aus der Schweiz zu „entfernen“.

Immer wieder tauchte der Name Spengler in den Spitzelberichten auf; denn der Medizinstudent engagierte sich weiterhin politisch, machte im „Flüchtlingsunterstützungscomité“ mit, erteilte Fechtunterricht und war Fechtmeister an der Universität. Oft saß er im Zürcher Café Littéraire und diskutierte mit Gottfried Kinkel und anderen geflohenen Demokraten. Für das badische Innenministerium war Spengler „einer der rührigsten und thatenlustigsten Flüchtlinge“ in der Schweiz. Mit besonderem Argwohn verfolgte Karlsruhe, dass die „aufständischen Akademiker“ in Zürich viele der damals 1200 deutschen Wanderarbeiter und Handwerksburschen um sich scharen konnten.

Seit dem Wintersemester 1850/51 hörte Spengler in Zürich Medizin; Freunde aus Graubünden, die zusammen mit ihm in Heidelberg studiert hatten, luden ihn in ihre Heimat ein und kämpften mit Erfolg für sein Bleiberecht. Im September 1853 trat er, nach seinem Zürcher Studium, zum Examen beim Bündner Sanitätsrat an, bestehend aus vier Medizinern und einem gewählten Politiker. Er bestand – und schloss am 10.November 1853 seinen Vertrag mit der Landschaft Davos. Er erhielt 600 Franken im Jahr Wartgeld und für jeden Krankenbesuch bei Tag 85 Rappen, in der Nacht das Doppelte. Davos zeigte sich hoch erfreut, wieder einen Arzt zu haben: In den vergangenen Jahrzehnten war die Stelle immer nur unregelmäßig besetzt; die Landschaft entschloss sich sogar zur Einführung einer besonderen Steuer, um das Gehalt Spenglers berappen zu können.