Der Islam und der Westen (4)Spricht Gott nur Arabisch?

Der Koran ist ein historischer Text. Er eignet sich nicht als Mittel zu politischen Manipulationen von zayd

Als muslimischer Bürger Ägyptens habe ich voller Besorgnis und Angst immer wieder erlebt, wie die Bedeutung des Islam manipuliert wurde. Mein Leben wurde seit den sechziger und siebziger Jahren von verschiedenen Interpretationen des Islam begleitet, die miteinander kaum vereinbar waren. In den sechziger Jahren hob der herrschende religiöse Diskurs hervor, dass der Islam eine Religion der sozialen Gerechtigkeit sei. Die prominenten Gelehrten der Al-Azhar-Universität, der maßgeblichen theologischen Instanz Ägyptens, befassten sich mit zwei großen Themen: Islam und Sozialismus sowie Islam und arabischer Nationalismus. Auch das Konzept des Dschihad wurde propagiert, man drängte uns zum Kampf gegen Imperialismus und Zionismus. Mit der Übernahme einer liberalen Wirtschaftspolitik in den siebziger Jahren wurde der Islam dann zu einer Religion, die das Privateigentum schützte. Mit Beginn des Friedensprozesses zwischen Ägypten und Israel im Jahre 1978 wurde der Islam zu einer Religion des Friedens.

Die Frage, die mich seit Beginn meiner akademischen Karriere umtreibt, ist folgende: Wie kann man dem Einfluss solcher interessengeleiteter Koran-Exegesen entgehen? Ich untersuchte die Interpretationsmethoden der traditionellen islamischen Theologie. Ich stieß auf die rationalistische Theologenschule der Mutaziliten, die zu Beginn des 9. Jahrhunderts den Begriff der Metapher in die arabische Rhetorik eingeführt hatten. Die Mutaziliten konnten so jene Verse interpretieren, die sie für „mehrdeutig“ oder „unklar“ hielten. Nachdem ich den Streit der Mutaziliten und ihrer Gegner analysiert hatte, kam ich zu dem Schluss, dass der Koran schon damals das Schlachtfeld eines erbitterten intellektuellen und politischen Kampfes war.

Die Lehre der Mutaziliten entwickelte sich aus den gesellschaftlichen und theologischen Auseinandersetzungen zwischen modernen und konservativen Kräften. So war etwa die Vorstellung einer göttlichen Prädestination, gegen die die Mutaziliten kämpften, der theologische Ausdruck für die absolute Herrschaft der Ummayaden-Kalifen.

Dass die Mutaziliten auf dem freien menschlichen Willen beharrten, war ein Mittel im Kampf gegen diese Herrschaft. Die intellektuellen Gegner der Mutaziliten waren Traditionalisten, die an der wörtlichen Interpretation aller Verse des Koran so weit festhielten, dass sie die wirkliche Existenz aller göttlichen Attribute, aller eschatologischen Bilder behaupteten. Die Mutaziliten widersprachen der wortwörtlichen Interpretation des heiligen Textes. Sie glaubten, Gott selbst habe den Menschen die Pflicht aufgegeben, durch den Gebrauch ihres Verstandes nach wirklichem Wissen zu streben. Der große muslimische Philosoph Ibn Rushd, im Abendland bekannt als Averroes, der zur westlichen Aufklärung durch seine Kommentare und Übersetzungen von Aristoteles beitrug, entwickelte das System der Mutaziliten weiter, um die Bedeutung des Koran für die Philosophie zu öffnen. Nach Averroes drückt der Koran seine Bedeutung in drei Formen aus. Die erste und üblichste ist die äußerlich sichtbare poetische Form (khâtabî), um die Massen anzusprechen; die zweite ist die argumentative Form (jadalî), die die Theologen ansprechen soll; die dritte und subtilste ist die philosophische Form (burhânî), die für die Philosophen vorgesehen ist.

Diese Theorie wurde von Ibn’Arabî weiterentwickelt. Ibn’Arabî, ein großer andalusischer Sufi, versuchte zu zeigen, dass das gesamte Wissen seiner Zeit in die Deutung des Koran zu integrieren sei. Er wollte den Islam als Projekt mit offenem Ende verstehen, in dem sich der Islam mit dem Christentum, dem Judentum und allen anderen Religionen versöhnen und sie einschließen sollte. Der Islam sollte eine Religion alles umfassender Liebe sein. Das Projekt des Ibn’Arabî war ein Produkt der andalusischen Gesellschaft und beruhte auf sprachlichem, kulturellem und ethnischem Pluralismus.

So wurde mir bewusst, dass die Interpretation des Koran niemals ein unschuldiges Unterfangen war. Ich kam zu der Überzeugung, man müsse zunächst den Begriff des Textes selbst untersuchen. Ich wollte das Wesen des zu interpretierenden Textes bestimmen und die Regeln untersuchen, die das Studium anleiteten. Wenn nicht klar ist, bis zu welchem Punkt sich der Text zur Exegese eignet und wo die Grenzen der Interpretation liegen, kann der Text gezwungen werden, jeder Ideologie nach dem Munde zu reden.

Der Koran ist das Wort Gottes, das dem Propheten Mohammed in klarer arabischer Sprache über den Zeitraum von 23 Jahren offenbart wurde. Das ist die unumstrittene Definition, die von allen Muslimen jenseits ihrer theologischen und kulturellen Unterschiede während der gesamten Geschichte des islamischen Denkens akzeptiert wurde. In dieser Definition können wir drei Aspekte unterscheiden, das Wort Gottes („kalâm Allâh“), den Koran und die Offenbarung oder Inspiration („wahy“). Bedeuten diese drei Begriffe das Gleiche? Offenbar werden sie im modernen islamischen Diskurs synonym gebraucht, während es in der klassischen Theologie ein Bewusstsein gab, dass jeder der Begriffe eine andere Bedeutung hat.

Was ist das Wort Gottes? Die auffälligste Formulierung im Koran findet sich in Kapitel 18:109 und in 31:27, wo betont wird, dass die Worte Gottes unendlich und unerschöpflich sind. Selbst wenn alle Bäume auf der Erde Federn wären und in allen Ozeanen Tinte flösse und noch sieben Ozeane hinter den Ozeanen wären, die sie füllten, wäre es unmöglich, das Wort Gottes jemals zu erschöpfen. Wenn aber das Wort Gottes nicht begrenzt werden kann – und der Koran als Text nur von begrenztem Umfang ist, dann stellt der Koran offenbar nur eine spezifische Manifestation von Gottes Wort dar. Der Koran spricht von sich selbst in vielen Passagen als Gottes Rede, was die Identität des Wortes Gottes mit dem Koran zu bestätigen scheint. Es bringt aber viele komplizierte theologische Probleme mit sich, Gott als Sprecher zu betrachten. Und tatsächlich wurden diese Fragen bereits im 8. Jahrhundert, also im 2. Jahrhundert der islamischen Geschichte, intensiv diskutiert. Die Diskussion führte zu der Frage, ob der Koran ewig oder erschaffen worden sei.

Die Mutaziliten bestanden auf dem Geschaffensein des Koran, um die ewige Einheit Gottes davor zu bewahren, eine zweite ewige Existenz neben sich zu haben. Doch ihre Gegner, die Hanbaliten, weigerten sich, das Wort Gottes als etwas Geschaffenes zu begreifen. Der Konflikt wurde politisch entschieden – zugunsten der Orthodoxie. Die Lehre von der Ewigkeit des Koran wurde zur herrschenden Lehrmeinung in der islamischen Theologie.

Was ist Offenbarung, wahy? Die Offenbarung ist der Kommunikationsprozess, der Kanal, durch den das Wort Gottes Mohammed gegeben wurde. Die Wurzel des arabischen Wortes bedeutet „geheimnisvolle nonverbale Kommunikation“. Es bezieht sich auf eine Form der Kommunikation zwischen zwei Wesen auf unterschiedlichen Stufen des Seins. Am Offenbarungsprozess des Koran sind jedoch drei Wesen beteiligt, Gott als Sender, der Erzengel als Vermittler und der Prophet als Empfänger. Der Koran selbst weist immer darauf hin, dass wahy der Kanal war, über den schon frühere Schriften offenbart wurden. Daher kann wahy nicht mit dem Koran gleichgesetzt werden, was jedoch muslimische wie nichtmuslimische Gelehrte gleichermaßen tun.

Der Koran gibt uns ganz klar zu verstehen, dass es nur drei mögliche Kommunikationskanäle zwischen Gott und dem Menschen gibt: entweder „durch Eingebung oder hinter einem Vorhang oder indem er einen Boten schickt, um durch Sein Geheiß zu offenbaren, was Er will“. Die erste Möglichkeit – die Inspiration – ist offenbar eine Form nonverbaler Kommunikation. Der zweite Weg – hinter einem Vorhang – ist jener Kanal, über den Gott zu Moses sprach: hinter dem brennenden Dornbusch, hinter dem Berg. Bei der dritten Version hatte der Vermittler Gabriel die Aufgabe, das Wort Gottes an Mohammed durch nonverbale Kommunikation zu übermitteln. Man sollte also daraus folgern, dass wahy im Gebrauch des Koran kein Synonym für das Sprechen Gottes ist.

Spricht Gott Arabisch? Was bedeutet es, wenn der Koran wiederholt betont, dass er in „einfachem Arabisch“ offenbart worden sei? Folgt man dem Koran, ist der Islam als Botschaft keine neue Religion, die Mohammed offenbart wurde, um sie den Arabern zu predigen, sondern im Wesentlichen dieselbe Botschaft, die alle Propheten seit der Erschaffung der Welt gepredigt haben. Obwohl universell und für alle Menschen gültig, wird die Botschaft des Koran in einfachem Arabisch ausgedrückt, weil Gott die Sprache der Menschen berücksichtigt, zu denen Er Seinen Boten schickt. „Wir schickten keinen Gesandten, es sei denn, in der Sprache seines Volkes, auf daß er sie aufkläre.“

Deswegen ist es nicht wahrscheinlich, dass ausschließlich der Koran das Wort Gottes darstellt und dieses Wort an die arabische Sprache gebunden ist. Folgte man nämlich dieser Annahme, wäre das Wort Gottes auf den Koran allein begrenzt und schlösse damit vorangegangene Schriften von eben jenem Recht aus, das Wort Gottes in ihren eigenen ursprünglichen Sprachen auszudrücken. Das würde automatisch dazu führen, Arabisch für eine heilige Sprache zu halten.

Wir können zwischen den drei Aspekten des Koran unterscheiden: seinem Inhalt, seiner Sprache und seiner Struktur. Es sollte unstrittig sein, dass das Attribut des Göttlichen allein der Quelle des Koran zukommt. Der Koran wurde ursprünglich mündlich überliefert. Überall in der islamischen Literatur wird erklärt, dass der Heilige Geist während jeder einzelnen Offenbarung dem Propheten zunächst Verse vermittelte, die Mohammed dann später seinen Gefährten rezitierte. Diese Verse oder Passagen wurden zu Kapiteln zusammengefügt und teilweise in eine schriftliche Form gefasst, so die islamischen Quellen. Nach dem Tode des Propheten wurden diese Kapitel gesammelt, geordnet und schließlich in Buchform niedergeschrieben.

Indem der Koran Stück für Stück, sozusagen in Raten, offenbart wurde, reagierte er auf die Bedürfnisse und Forderungen der Gemeinde. Da er Antworten auf die Fragen der Gemeinde gab, entwickelte sich langsam der gesetzliche Charakter des Koran und spiegelte auf diese Weise das dialektische Verhältnis von Gottes Wort und den menschlichen Interessen wider. Die Kanonisierung des Koran brachte auch eine neue Anordnung der Verse und Kapitel in ihrer bis heute gebräuchlichen Form, die nicht mehr der chronologischen Ordnung entspricht. Verschiedene Texte, die zu unterschiedlichen historischen Anlässen offenbart worden waren, wurden zu einem einzigen Text zusammengefasst. So wurde der rezitierte Koran in ein lesbares Buch, kitâb, umgeformt.

Dennoch ist der ursprüngliche Gehalt des Wortes Gottes in seiner unbegreiflichen Absolutheit – ich meine, bevor es auf Arabisch ausgedrückt wurde – heilig und göttlich, auch wenn sein manifester Ausdruck weder heilig noch göttlich ist. Gleichgültig, ob man der Doktrin der Mutaziliten von der „Erschaffung des Koran“ folgt oder nicht – die Schlussfolgerung ist immer dieselbe: Der Koran, den wir lesen und interpretieren, ist keinesfalls mit dem ewigen Wort Gottes identisch.

Der Koran ist eine „Botschaft“, die Gott den Menschen durch den Propheten Mohammed offenbart hat. Mohammed ist der Bote Gottes und selbst ein Mensch. Der Koran sagt das ganz klar. Eine Botschaft stellt eine kommunikative Verbindung zwischen einem Sender und einem Empfänger mittels eines Codes her. Da Gott als der Sender des Koran nicht der Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung sein kann, ist die Analyse des kulturhistorischen Kontexts des Koran der einzige Zugang zur Entdeckung der Botschaft.

Die Analyse solcher Fakten kann zu einem wissenschaftlichen Verständnis des Koran führen. Es bedarf keines weiteren Beweises, dass der Koran ein kulturelles Produkt ist. Doch die Angelegenheit ist viel komplizierter, denn gleichzeitig hat der Koran auch eine neue Kultur hervorgebracht. Der Koran entstand also erstens als Text innerhalb einer soziokulturellen Realität, nahm die konkrete sprachliche Form des Arabischen an, und zweitens entstand dann allmählich eine neue Kultur.

Die Botschaft des Islam wäre vollkommen folgenlos geblieben, hätten die Menschen, die sie als erste empfingen, sie nicht verstehen können. Sie verstanden den Islam in ihren Lebensumständen, und durch ihr Verständnis und ihre Anwendung des Islam veränderte sich ihre Gesellschaft. Man sollte die Auffassung der ersten Generation von Muslimen und der folgenden Generationen aber keineswegs für endgültig oder absolut halten. Der Text des Koran gestattet einen endlosen Decodierungsprozess. In diesem Prozess sollte die ursprüngliche Bedeutung nicht ignoriert oder vereinfacht werden, weil diese Bedeutung entscheidend dafür ist, die Richtung der weiteren Deutung des Textes aufzuzeigen. Wenn man die Richtung hat, ist es viel leichter, sich auf den Sinn des Textes im heutigen soziokulturellen Kontext hinzubewegen.

Der Koran, der zuvor im Licht seines historischen, kulturellen und sprachlichen Kontextes decodiert worden ist, muss nämlich im Code des kulturellen und sprachlichen Kontextes des Interpreten abermals neu gedeutet werden. Das zieht eine interpretative Vielfalt nach sich, einen endlosen Prozess der Interpretation und Neuinterpretation. Ohne diesen Prozess degeneriert die Botschaft, und dann kann der Koran auch weiterhin das Objekt politischer und pragmatischer Manipulation bleiben.

So paradox es klingen mag: Gerade wenn die Botschaft des Islam für die gesamte Menschheit unabhängig von Zeit und Ort gültig sein soll, ist eine Vielfalt der Interpretation unvermeidlich. Wenn der Text auch ein historisches Faktum von göttlichem Ursprung ist, so ist seine Interpretation doch absolut menschlich.

Abu Zayd, einer der führenden liberalen Theologen des Islam, wurde wegen seiner Anschauungen in Ägypten als Apostat verfolgt. Er ging 1995 ins Exil nach Holland, wo er an der Universität Leiden Islamwissenschaften lehrt. Zurzeit ist er als Bucerius/ZEIT-Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Der Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrags, den er dort am 15. Januar hielt.
Aus dem Englischen von Sophia Pick und Navid Kermani

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