Kurz vor 80 ist selbst für Loriot Schluss mit lustig. Die Altersgebrechen nerven. Nicht einmal der Wein schmeckt besser. Der beschauliche Lebensausklang sei bloß eine Illusion, urteilte der Meister des feinsinnigen Unsinns im SZ-Magazin: "Altern ist eine Zumutung!" Mit seinem düsteren Fazit steht Vicco von Bülow nicht allein. Nichts hat der Mensch, seit er vor 100000 Jahren Bewusstsein erlangte und dafür zugleich mit dem Wissen um seine Sterblichkeit gestraft wurde, ebenso verbissen, verzweifelt und erfolglos bekämpft wie die unaufhaltsame Vergänglichkeit. Alter und Tod gelten als die ewige Demütigung, die unverzeihliche Kränkung des Menschengeschlechts. Von den längst vergessenen Schamanen der Steinzeithöhlen, über die chinesischen Kaiser bis zu den Alchemisten des Mittelalters – durch die Jahrtausende hofften die Menschen, ein Elixier zu finden, das Unsterblichkeit verleiht, einen Jungbrunnen der dauernden Jugend. Wie die Versuche ausgingen, ist bekannt. © ZEIT-Grafik

Solange nichts anderes fruchtet, setzt der Mensch den Aufstand gegen den Sensenmann mit metaphysischen Mitteln fort – er schützt sich gegen das Unerträgliche mit der Religion, dem Glauben an Seelenwanderung, Auferstehung und ewiges Leben im Jenseits. Der Erfolg solch spiritueller Anstrengungen ist indes schwer nachprüfbar, und so geht die Revolte gegen das scheinbar unabwendbare Diktat der Evolution weiter – nun mit den Mitteln der modernen Biowissenschaft.

Inzwischen haben Genfahnder, Zellforscher und Hormonexperten dem Alterungsprozess so manches Geheimnis entrissen. Verflogen ist dabei die einstige Gewissheit, dass die von der Evolution zudiktierte äußerste Lebensspanne unveränderbar sei. "Altern ist keine gottgegebene Unausweichlichkeit, man kann es kontrollieren und ändern", behauptet der kalifornische Genetiker Michael Rose. Von der Unsterblichkeit reden die Fachleute zwar nur im Spaß, doch viele sind überzeugt, dass die Dauer menschlichen Lebens verlängert werden kann und künftig auch wird. Selbst Pillen gegen die Vergreisung gelten nicht länger als Utopie. Die Lebenserwartung, meint Rose, sei durch "nichts begrenzt als die menschliche Technologie".

Zwar ist noch immer weithin rätselhaft, worin jener Prozess im Organismus eigentlich besteht, der alle Lebewesen altern lässt, bis sie sterben. Welche Gesetze der Biologie, grübeln die Gelehrten, lassen manche Fliegen binnen Stunden verenden, gewähren wenigen Menschen bis zu 120 Jahre in Gesundheit und lassen kalifornische Sequoia-Bäume 4000 Jahre dem Tod trotzen? Tickt irgendwo in den Regelkreisen der Gene, im Räderwerk des Stoffwechsels eine biologische Uhr, die aus eigener Kraft das Menschenleben begrenzt? Oder sind Altern und Tod nur die Folge von Abnutzung, von – auch bei scheinbar Gesunden – verborgen schwelenden Krankheiten, die schließlich zum Exitus führen?

Auch wenn solch eher philosophische Fragen der Beantwortung harren – in den Labors der Altersforscher hat die Vergreisung erste Niederlagen erlitten. Könnte man den Menschen so einfach züchten wie Fliegen, seine Gene so leicht verändern wie bei Würmern oder Mäusen, die 200-Jährigen wären schon unter uns. Selbst Pillen gegen die Seneszenz gelten den Experten nicht länger als Utopie. "Noch sind wir nicht so weit, auch beim Menschen einzugreifen", sagt der Genetiker Leonard Guarente vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, "aber wir haben jeden Grund zur Hoffnung."

Das einfachste Zaubermittel zur persönlichen Lebensverlängerung heißt Hungern. Schon durch eine dauernde Mangeldiät, das zeigen Experimente mit verschiedenen Tierarten, lässt sich der Tod hinauszögern. Weil die Stoffwechselraten und damit auch der so genannte oxidative Stress im Organismus abnehmen, geben die Experten dem Konzept Erfolgsaussichten – die Sache funktioniert angeblich sogar bei Affen und vermutlich auch bei Menschen. Allerdings hat das Ganze seinen Preis: Die Mangelernährung kann zur Unfruchtbarkeit führen. Außerdem: Wer will eigentlich 100 werden, nur um 100 Jahre zu hungern?

Altern durch Stoffwechselgift?

Doch in Forschungsstätten wie dem kalifornischen Buck Institute for Age Research und beim US-Unternehmen Eukarion hat die Suche nach komfortableren Mitteln zur Lebensverlängerung längst begonnen. Erste Substanzen werden in ihren Labors schon auf ihre Verwendungsfähigkeit getestet. Die von Buck und Eukarion entwickelten so genannten synthetic catalytic scavengers (SCS) wirken als eine Art Supervitamin C. Sie unterstützen die natürlichen Entgiftungsenzyme des Körpers dabei, aggressive Stoffwechselprodukte unschädlich zu machen. Denn die Stoffwechselgifte reagieren chemisch mit Eiweißen und Genen der Zellen, und dieser oxidative Stress gilt als eine Triebkraft der Zellalterung. Schon der legendäre Chemie-Nobelpreisträger Linus Pauling suchte dieser Gefahr zu wehren, indem er gewaltige Dosen des antioxidativen Vitamins C verschlang. Dass Pauling erst im gesegneten Alter von 93 starb, führen Skeptiker allerdings eher auf seine unverwüstliche Natur zurück, die selbst die Vitamin-Rosskur unbeschadet überstanden habe. Bis heute ist umstritten, ob unnatürlich hohe Mengen von antioxidativen Vitaminen wie C oder E gegen Arteriosklerose, Krebs oder Zellalterung schützen können.