Bei der Milch ist es ganz einfach. Wir entscheiden, wie lange wir sie aufbewahren wollen, und kaufen entsprechend Frischmilch, H-Milch oder Kondensmilch. Auf jeder einzelnen Packung ist die Haltbarkeit vermerkt, und wird sie einmal unterschritten, leistet der Händler reumütig Ersatz. Es geht also. Es geht aber anscheinend nur bei Gütern, deren Verlust niemandem wehtut. Bei dem, was uns lieb und teuer ist, lassen uns die Hersteller allein. Warum steht nicht beim Neuwagen "durchgerostet: 2008", beim Fernseher "Ersatzteile bis 2005", bei der Digitalkamera "überholt: 2003"?

Je weiter die Technik fortschreitet, umso ungewisser wird die Lebensdauer ihrer Erzeugnisse. Neben manchem Luxusartikel wirkt heute die Dose Büchsenmilch wie der Inbegriff von Beständigkeit. Natürlich gibt es einen Unterschied: Milch ist ein Verbrauchsgut, und auch wenn ein Instinkt uns treibt, die frischeste Packung im Regal zu finden, haben wir nichts dagegen, so an ihre Vergänglichkeit erinnert zu werden. Ware, die durch ihren Gebrauch Freude bereiten soll, betrachten wir dagegen lieber als Anschaffung fürs Leben. Trotzdem zieht es uns am stärksten immer wieder zu den Dingen, deren Lebensdauer die unsere beträchtlich unterschreitet.

Am auffälligsten ist das bei der Blume. Eine Erklärung könnte sein, dass wir sie üblicherweise verschenken, und zwar als Ausdruck einer Dankbarkeit, die auch nicht ewig währt. Gleichwohl ist es merkwürdig, etwas zu überreichen, das vor den Augen seines Besitzers verfällt. Sollte man sich lieber für die ganze Pflanze entscheiden? Gregor Lersch, einer der renommiertesten deutschen Floristen, rät ab: "Mit der Topfpflanze sehen Sie aus wie der Vereinsvorsitzende, der einen Fresskorb überreicht." Die Nützlichkeitserwägung wirkt spießig, weil sie den Ausdruck spontaner Herzlichkeit konterkariert. Schnittblumen hingegen kann man zuschneiden auf das, was gesagt werden soll. Die Passionsblume blüht einen Tag, Anthurium bis zu sechs Wochen. So kommt es gerade auf die Begrenzung des Daseins an. "Blumen", sagt Lersch, "symbolisieren Vergänglichkeit wie die Falten im Gesicht der Gattin." Darum sind sie in jeder Phase schön.

Das mit der Gattin wird man vielleicht nicht so in den nächsten Blumengruß schreiben. Aber wer einmal die Plastikgestecke gesehen hat, die man in armen Ländern auf die Gräber legt, versteht, was Gregor Lersch meint. Und bemüht sich höchstens, die gemeinsame Zeit zu verlängern: Den Stiel schräg anzuschneiden ist nur der Anfang. Man muss ihn auch reinigen, überschüssiges Laub entfernen und dafür sorgen, dass er mindestens zur Hälfte im Wasser steht. Bei Rosen sollte man zudem die Dornen wegschneiden, allerdings nur unter der Wasseroberfläche. Das Wasser ist täglich zu wechseln. In geschlossenen Räumen wirken Durchzug und Sonnenlicht lebensverkürzend.

Die Ästhetik des Flüchtigen schätzen wir auch an leblosen Dingen. Glas und Porzellan sind ansprechende Werkstoffe; aber fänden wir sie genauso vornehm, wenn sie robust wären wie ein Stück Plastik? Bei Weingläsern etwa steigt der Wert in direktem Verhältnis zur Zerbrechlichkeit. Der schwingende, klingende Kelch, der die Aromen am besten konzentrieren soll, wird nicht umsonst "Tulpe" genannt. Ob dünnes Glas wirklich dem Geschmack dient, wie die Hersteller meinen, mag dahingestellt sein. Zum Ritual gehört es auf jeden Fall. Es unterstreicht die Kostbarkeit des Inhalts und nötigt den Trinker zur Achtsamkeit. Dies wird nur bekräftigt, wenn dann doch am nächsten Tag ein zerbrochenes Glas der leeren Flasche auf ihrem letzten Wege folgt.

Auch bei der Kleidung begrenzen wir ohne Not die Verwendungsdauer der Produkte: durch die Mode. Auf ein Kleidungsstück, das verschlissen im Altkleidersack landet, kommen etliche, die wir einfach nicht mehr tragen. Wenn man es zuspitzt wie Georg Simmel vor knapp 100 Jahren in seiner Philosophie der Mode, dann erfüllen modische Accessoires ihre Funktion nur für einen Moment, nämlich den, in dem die meisten "richtigen" Leute etwas Ähnliches tragen und die meisten "falschen" noch nicht. "Sie hat durch dieses Spiel zwischen der Tendenz auf allgemeine Verbreitung und der Vernichtung ihres Sinns, die diese Verbreitung gerade herbeiführt, den eigentümlichen Reiz der Grenze, … sie steht immer auf der Wasserscheide von Vergangenheit und Zukunft und gibt uns so, solange sie auf ihrer Höhe ist, ein so starkes Gegenwartsgefühl wie wenige andre Erscheinungen." Dass wir die wollenen und seidenen Auslöser dieses Gefühls den Motten überlassen, noch ehe sein Zauber sich erschöpft hat, ist demnach kein Ausdruck der Willfährigkeit, sondern ein Akt der Befreiung. Und beim nächsten Einkauf beginnen wir von vorn.

Elektronische Geräte verwelken nicht, sie zerbrechen nicht und kommen auch nicht so leicht aus der Mode. Aber es hilft, diese Erscheinungen im Kopf zu haben, wenn man den Verfallsprozess begreifen will, dem auch sie unterliegen. Sie veralten, und das schneller, als wir es wahrhaben wollen: Auf Trödelmärkten begegnet man Menschen, die ihren Hi-Fi-Schrott zu hoffnungslos überhöhten Preisen anbieten und dazu treuherzig versichern, er sei, als sie ihn vor Jahren erwarben, noch teurer gewesen.

Darüber ließe sich reden, ginge es, sagen wir, um einen Staubsauger oder jeden anderen Apparat, der eine klar umrissene Aufgabe besonders zuverlässig erfüllt. Luxusgüter tun das nicht. Darum haben wir keinen Maßstab für ihren Wert. Als DVD-Player noch 1000 Euro kosteten, erschien uns das vielleicht für unsere Ansprüche zu hoch, aber nicht unangemessen. Heute bekommen wir sie schon für 100 und finden das ebenfalls normal. Wir werden uns auch nicht wundern, wenn demnächst der Radiowecker aus dem Kaffeegeschäft ihre Funktion übernimmt. Es ist zu erwarten, dass mit CD- und DVD-Brennern bald dasselbe geschieht; Flachbildschirme könnten folgen. "Die Produktionskosten sind bei den meisten Geräten gering", sagt Klaus Petri von der Firma Philips. "Die Hersteller legen die Entwicklungskosten auf die Preise um." Die Besitzer der ersten DVD-Player dürfen also vermutlich wenigstens 900 ihrer 1000 Euro als eine Investition in die Zukunft betrachten.