Wer hätte je gedacht, dass Renate Künast und Gerd Sonnleitner einmal an demselben Strang ziehen würden. Die eine, Künast, streitet seit dem BSE-Skandal als zuständige Ressortchefin für eine neue, stärker am Umwelt- und Verbraucherschutz ausgerichtete Agrarpolitik. Der andere, Sonnleitner, verteidigt als Präsident des Bauernverbandes verbissen die Milliarden teuren Subventionen, deren Gros dank einer seit Jahrzehnten verkorksten Agrarpolitik vor allem eine Hand voll Großagrarier beglückt. Der Bewahrer Sonnleitner und die Veränderin Künast – im Biotop der agrarpolitischen Debatte sind sie natürliche Feinde. Wenn sie sich einig sind, muss Seltsames geschehen sein.

Ein gemeinsamer Gegner ist auf den Plan getreten: die Lebensmittel-Discounter mit ihren Niedrigstpreisen. Der Standesvertreter warnt vor der "Magie des Billigen"; die Ministerin spricht von einer "beispiellosen Abwärtsspirale bei den Preisen". Qualität gebe es dauerhaft "nicht zum Nulltarif", so die unheilschwangeren Worte der Verbraucherschutz-Beauftragten der Berliner Regierung.

Hinter der Attacke auf die Preispolitik von Aldi und Co. verbirgt sich in Wahrheit ein Angriff auf die Verbraucher. Die Konsumenten, denen Künast bei ihrem Amtsantritt eine tragende Rolle zugedacht hatte, lassen die Ministerin im Stich und knausern. Mittlerweile geben sie nur noch rund 12 Prozent ihres Budgets für Nahrungsmittel aus. Nach dem Masterplan der Agrarwende hätten sie aber Politik mit dem Einkaufskorb machen und beherzt zur teureren Bioware greifen sollen. "Wir brauchen die Bereitschaft eines Teils der 82Millionen Verbraucher, für Produkte höherer Qualität aus der Region mehr auszugeben, als sie es heute tun", hatte Künast vor knapp zwei Jahren beim Weltverbrauchertag gemahnt.

Tatsächlich haben sich die Verbraucher vermehrt den Billiganbietern zugewandt. 54 Prozent des hierzulande verkauften Quarks werden an den Kassen der Discounter bezahlt, 53 Prozent der Milch, 46 Prozent des Frischgemüses und 35 Prozent der Fleisch- und Wurstwaren (Frischfleisch ausgenommen). Dagegen stagniert die Biobranche nach dem Boomjahr 2001 bei einem Marktanteil von knapp drei Prozent – trotz der verbreiteten positiven Einstellung zum Tierschutz und zum Ökolandbau.

Warum? Nicht nur, weil der Skandal um nitrofen-verseuchte Bioware das Vertrauen der Verbraucher erschüttert und sich die Furcht vor BSE wieder verflüchtigt hat; nicht nur, weil Angst vor Arbeitslosigkeit, stagnierende Kaufkraft und womöglich auch das immer noch verbreitete Unbehagen am Euro die Verbraucher zur Sparsamkeit veranlassen. Nein, die Konsumenten sind schlicht überfordert, einen entscheidenden Beitrag zur Agrarwende zu leisten. Wäre es anders, dann bedürfte es keiner Agrarwende -Politik.

Es mag zwar schizophren erscheinen, dass fast sämtliche Bundesbürger die Haltung von Hühnern in Käfigen ablehnen und dennoch bevorzugt die Eier von Käfighühnern kaufen. Aber tatsächlich steckt dahinter ein höchst rationales Kalkül. Abgesehen von einigen wenigen Überzeugungstätern glaubt nämlich fast jeder Konsument zu Recht, dass er mit seiner individuellen Kaufentscheidung so gut wie nichts zur Lösung des Tierschutzproblems beiträgt. Also greift er mehr oder weniger schlechten Gewissens zur billigeren Ware und wartet darauf, dass zunächst einmal die Millionen anderen Verbraucher ihr Konsumverhalten ändern. Dank dieses so genannten Trittbrettfahrer-Verhaltens bleibt alles wie gehabt.

Mit ihrer Warnung vor vermeintlichen Dumping- preisen will Künast nun das Wohlverhalten der Käufer erzwingen. Schließlich ist es ruhig geworden um die von ihr versprochene Agrarwende, nicht einmal das überfällige Verbraucher-Informationsgesetz bekam sie durch den Bundesrat. Sie hat die Hilfe der Konsumenten nötiger denn je. Künasts Botschaft, billige Produkte seien von minderer Qualität, womöglich gar unsicher, soll die Verbraucher deshalb zur Umkehr bewegen – aus Angst vor Schäden an Leib und Wohlergehen.

Künast hat zwar Recht, dass Qualität ihren Preis hat. Aber gewährleistet umgekehrt ein hoher Preis Sicherheit und Qualität? Keineswegs. Jedem Warentest ist zu entnehmen, dass teure Produkte längst nicht immer ihren Preis wert sind; umgekehrt schneiden billige Produkte oft besonders gut ab. Der Angriff auf das Allerheiligste der Marktwirtschaft, die Preise, geht deshalb ins Leere. Für Sicherheit und Mindeststandards hat die Ministerin schon selbst zu sorgen, allerdings nicht mittels Preisregulierung, sondern mit Vorschriften und Kontrollen – und zwar für sämtliche Lebensmittel. Ob Fleisch und Gemüse teuer oder billig sind, ökologisch oder konventionell erzeugt wurden, über oder unter Einstandspreis feilgeboten werden: Sicher und gesundheitlich unbedenklich hat jedes Produkt zu sein.